Alkohol und Krebs: Experten sind uneins, ob mäßiger, aber regelmäßiger Konsum schützt oder schadet

Inge Brinkmann | 30. August 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Es müssen ja nicht immer gleich mehrere Gläser Bier am Abend sein. Aber ein Schlückchen in Ehren, sollte niemand verwehren. Oder doch? Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält fest, dass es „hinreichende Beweise“ für eine kanzerogene Wirkung von Alkohol gibt [1].

Überraschend liest sich deshalb das Ergebnis einer aktuellen populationsbasierten Fall-Kontroll-Studie aus Kanada von Dr. Christine M. Friedenreich vom Department of Population Health Research der Alberta Health Services in Calgary und ihren Kollegen [2]. Nach ihrer im Fachblatt Cancer, Causes & Control veröffentlichten Untersuchung scheint Alkoholkonsum Frauen nämlich vor einem Endometriumkarzinom schützen zu können: Verglichen mit Altersgenossinnen, die lebenslang keinen Alkohol konsumierten, wiesen Frauen, die mäßig aber regelmäßig Wein, Bier oder Likör tranken, ein deutlich geringeres relatives Risiko auf, einen Krebs der Gebärmutterschleimhaut zu entwickeln.

Datenlage zu Alkohol und Endometriumkrebs uneinheitlich

Es handelte sich um eine Fall-Kontrollstudie, die 2 Gruppen von Frauen einschloss: Die Fallgruppe umfasste 514 Frauen, bei denen histologisch ein primäres Endometriumkarzinom bestätigt worden war. Die Kontrollgruppe bestand aus 962 Frauen, die keinen solchen Krebs hatten und in einer vergleichbaren Altersgruppe waren (Altersdurchschnitt: 58 Jahre). Bei beiden Gruppen wurde jeweils der Alkoholkonsum ermittelt.

 
„Erinnerungslücken im Sinne eines recall bias der Studienteil-nehmerinnen sowie Fehler bei der Selektion der Kontrollpersonen lassen sich bei diesem Studientyp nicht ausschließen.“
Dr. Manuela Bergmann
 

Sodann wurden 4 Gruppen gebildet: Frauen, die lebenslang keinen Alkohol getrunken hatten (Abstinenzlerinnen) und 3 Gruppen von Frauen, deren Alkoholkonsum in Tertile aufgeteilt wurde. Für jene, die eine durchschnittliche Trinkmenge von über 8,04 g Alkohol pro Tag konsumierten, lag das Risiko, ein Endometriumkarzinom zu entwickeln, um 35% niedriger als das von lebenslang abstinent lebenden Frauen. Diejenigen, die zwischen 2,68 und 8,04 g/Tag konsumierten, hatten ein um 38% verringertes Risiko; lag der Konsum schließlich unter 2,68 g/Tag, betrug die Risikominderung noch 21%. Am günstigsten schnitt dabei der Bierkonsum ab.

Die Autoren um Friedenreich führen für die günstige Wirkung des Alkohols auch biologische Gründe ins Feld – nämlich als Schutz vor möglichen krebsfördernden Wirkungen des Insulins. Alkohol kann die Insulin Response verbessern und geht mit günstigeren, niedrigeren Nüchtern-Insulinwerten einher, nicht zuletzt über eine Erhöhung der Adiponektinkonzentration. Die Studienautoren weisen außerdem darauf hin, dass es Insulin-Rezeptoren in der Gebärmutterschleimhaut gibt und in-vitro-Versuche zeigen, dass Insulin für Endometrium-Zellen einen Wachstumsfaktor darstellt.  

Die Ergebnisse der kanadischen Studie werden indes durch eine große europäische prospektive Kohortenstudie (EPIC, European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) mit 301.051 Frauen aus 10 europäischen Ländern nicht bestätigt. Diese kam Anfang dieses Jahres zu einem anderen Ergebnis – nämlich, dass zwischen Alkoholkonsum und dem Krebs der Gebärmutterschleimhaut kein Zusammenhang besteht, er mithin im Hinblick auf diese Tumorform weder schützt noch schadet [3].

 

Dr. Manuela Bergmann
 

Dr. Manuela Bergmann, Senior Scientist am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE), ist selbst an der EPIC-Studie beteiligt und bezweifelt gegenüber Medscape Deutschland den protektiven Effekt des Alkohols auf die Entstehung von Endometriumkrebs. Das Fall-Kontroll-Design der kanadischen Studie und verschiedene, unzureichend berücksichtigte Variablen haben ihrer Ansicht nach dazu beigetragen, das Ergebnis zu verzerren.

Wie verlässlich sind die gezogenen Vergleiche?

Problematisch bei der kanadischen Untersuchung sei zunächst einmal ihr retrospektives Studiendesign, so Bergmann. „Erinnerungslücken im Sinne eines recall bias der Studienteilnehmerinnen sowie Fehler bei der Selektion der Kontrollpersonen lassen sich bei diesem Studientyp nicht ausschließen.“

Zudem bestehe bei diesem Typ das Risiko, dass sich die Krebspatientinnen der Fallgruppe schon längere Zeit mit möglichen Ursachen ihrer Erkrankung, inklusive ihres Alkoholkonsums, auseinandergesetzt haben. Fragen zu persönlichen Trinkgewohnheiten würden deshalb von den Frauen in der Kontrollgruppe, die unvorbereitet auf das Thema treffen, möglicherweise unreflektierter beantwortet.

Die Epidemiologin kritisiert außerdem die Wahl von lebenslangen Abstinenzlerinnen als Referenzgruppe. Denn in den westlichen Ländern unterliege das Trinken von Alkohol auch gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Alkoholkonsum gelte mehr oder weniger als Norm. „Wenn jemand lebenslang keinen Alkohol trinkt, betrifft das vor allem ältere Generationen von Frauen oder es gibt dafür meistens einen Grund, der in Bezug zu einem gesundheitlichen Aspekt steht", erklärt Bergmann.

Hingegen gehörten regelmäßig Alkohol trinkende Frauen häufiger zu einer jüngeren, besser ausgebildeten Gesellschaftsschicht, die im Job höhere Positionen einnehme und möglicherweise regelmäßig zum Arzt ginge – also in dieser Hinsicht eher Prävention betreibe. Zu welchen Verzerrungen es bei dem Vergleich zwischen den beiden Gruppen gekommen sein könne, so Bergmann, sei deshalb schwer festzustellen. Allerdings hatten die Autoren um Friedenreich im Hinblick auf das Alter vergleichbare Kohorten vor sich und konnten diesen Bias ausschließen.

 
„Würden sich die Menschen an die empfohlenen Einschränkungen halten, könnten bei den Männern etwa 90% und bei den Frauen über 50% der alkoholbedingten Krebserkrankungen und Krebstode verhindert werden.“
Autoren der EPIC-Studie
 

Auch andere Confounder – etwa Body-Mass-Index, Menopausenstatus, Hormontherapie, körperliche Aktivität – waren bei der Analyse der Daten berücksichtigt und herausgerechnet worden. „Vollkommen ausschließen kann man jedoch ein residual confounding, also eine Verzerrung trotz der Berücksichtigung dieser Faktoren, nicht", bleibt Bergman skeptisch.

Auch vor anderen Krebsarten scheint Alkohol zu schützen – oder er löst sie aus

Die Epidemiologin zweifelt denn auch die Schlussfolgerung der kanadischen Autoren an, dass Alkoholkonsum einen protektiven Mechanismus bei Endometriumkrebs haben könnte. Die Vermutung aber, dass ein gepflegtes Pils hie und da vor Krebs schützen könnte, ist gar nicht so neu. Verschiedene Veröffentlichungen wiesen bereits auf einen solchen „Schutzmechanismus“ von Alkohol bei ganz unterschiedlichen Krebsarten hin, etwa beim Non-Hodgkin-Lymphom, bei Schilddrüsen- oder bei Nierenkrebs [4,5,6].

Ähnlich wie bei kardiovaskulären Erkrankungen ist die Rolle des Alkohols offenbar höchst ambivalent. Denn gleichzeitig ist längst belegt, dass Alkohol für verschieden Krebsarten verantwortlich ist oder zumindest als wichtiger Kofaktor das Risiko erhöhen kann. Dazu gehören Tumore des Mund- und Rachenraumes, des Kehlkopfes, der Speiseröhre, des Dickdarms, der Leber und der weiblichen Brust. Eine frühere Datenauswertung im Rahmen der EPIC-Studie belegte, dass Alkoholkonsum für schätzungsweise 10% der Krebsfälle bei Männern und 3% der Krebsfälle bei Frauen verantwortlich gemacht werden muss [7].

Wie passen diese Ergebnisse zusammen? Eine These lautet, der Schutzmechanismus von Alkohol komme nur bei moderatem oder leichtem Alkoholgenuss zum Tragen – wie es in dieser Studie der Fall war. Nicht zuletzt gilt etwa ein mäßiger Weingenuss als Indikator für eine gesunde Lebensweise, das könnte bei dieser Personengruppe ebenfalls günstig zu Buche schlagen. Allerdings konnte bisher keine generelle Schwelle ausgemacht werden, die nicht überschritten werden sollte, damit der Schutzeffekt nicht in ein Schadenspotential umschlägt.

Die EPIC-Autoren sind sich jedenfalls sicher: Würden sich die Menschen an die empfohlenen Einschränkungen halten (Männer maximal 20g Alkohol pro Tag, Frauen maximal 10g pro Tag), könnten bei den Männern etwa 90% und bei den Frauen über 50% der alkoholbedingten Krebserkrankungen und Krebstode verhindert werden. 20g Alkohol entsprechen dabei ca. 0,5 Liter Bier, 0,25 Liter Wein bzw. Sekt oder 0,06 Liter Schnaps. Ein Gläschen in Ehren darf es demnach weiterhin sein.

Referenzen

Referenzen

  1. WHO, International Agency for Research on Cancer; IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans; Volume 44: Alcohol Drinking. Stand: 21.01.1998
    http://monographs.iarc.fr/ENG/Monographs/vol44/volume44.pdf
  2. Friedenreich CM, et al: Cancer Causes Control (online) 09. August 2013.
    http://dx.doi.org/10.1007/s10552-013-0275-0
  3. Fedirko V, et al: Ann Epidemiol. 2013;23(2):93-98.
    http://dx.doi.org/10.1016/j.annepidem.2012.11.009
  4. Morton LM, et al: Lancet Oncol. 2005;6(7):469-476
    http://dx.doi.org/10.1016/S1470-2045(05)70214-X
  5. Meinhold CL, et al: Br J Cancer 2009;101(9):1630-1634.
    http://dx.doi.org/10.1038/sj.bjc.6605337
  6. Song DY, et al: Br J Cancer. 2012;106(11):1881-1890.
    http://dx.doi.org/10.1038/bjc.2012.136
  7. Schütze M, et al: BMJ 2011;342:d1584
    http://dx.doi.org/10.1136/bmj.d1584

Autoren und Interessenkonflikte

Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Friedenreich CM: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Bergmann M: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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