„Bei Rheumapatienten an Thromboserisiko denken!“

Michael Simm | 28. August 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für gefährliche Beinvenen- und Lungenthrombosen, so das Ergebnis einer Studie, für die Daten eines Großteils der Bevölkerung Taiwans ausgewertet worden sind. Der Bericht, erschienen in den Annals of the Rheumatic Diseases, stützt sich auf 29.238 Patienten, die im Zeitraum zwischen 1998 und 2008 an einer rheumatoiden Arthritis erkrankt sind, und denen 116.952 gesunde Menschen gleichen Alters und Geschlechts gegenüber gestellt wurden [1].

„Dies ist eine methodisch gut gemachte Arbeit mit einer großen Kohorte, auch epidemiologisch gut untersucht“, lobt Prof. Dr. Christof Specker, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, gegenüber Medscape Deutschland. Die dabei gefundene Erhöhung des Risikos gehe konform mit den bisherigen Daten, sei aber noch nie so gut herausgearbeitet worden, fügt der Leitende Arzt an der Klinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie der Kliniken Essen Süd hinzu.

Versicherungsdaten ausgewertet

Zuvor hatten bereits mehrere Studien gezeigt, dass chronische Entzündungen mit einem erhöhten Risiko für eine veränderte Blutgerinnung einhergehen, sagen auch die Forscher um Dr. Chia-Hung Kao vom Graduate Institute of Clinical Medicine der China Medical University in Taichung, Taiwan. Dennoch habe man bislang nicht gedacht, dass die rheumatoide Arthritis ein genereller Risikofaktor für tiefe Beinvenenthrombosen oder Lungenembolien sei. In 11-30% aller Fälle sterben die Patienten mit solch einer Erkrankung binnen 30 Tagen nach der Diagnose, heben Kao und Kollegen hervor.

Die chinesischen Wissenschaftler haben die Aufzeichnungen der nationalen Pflichtversicherung für die Jahre 1998 bis 2008 ausgewertet, sowie zusätzlich in ihrer Untersuchung eine Überwachungsperiode bis maximal zum Ende des Jahres 2010 angeschlossen. Sie wollten damit herausfinden, ob eine bestehende rheumatoide Arthritis mit einem erhöhten Risiko für tödliche Blutgerinnsel einhergeht.

„Die Konsequenz aus der Studie sollte deshalb sein, dass wir uns im Klaren darüber sind, dass Patienten mit einer rheuma-toiden Arthritis grundsätzlich ein erhöhtes Thrombose-risiko haben.“
Prof. Dr. Christof Specker

Mehr als drei Viertel (77%) der auf diese Weise identifizierten Rheumapatienten war weiblich; das Durchschnittsalter lag bei 52 Jahren, und nur etwa jede fünfte Person war über 65 Jahre alt. Gehäuft fanden sich in diesem Kollektiv auch erhöhter Blutdruck, Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte, Herzinsuffizienz und Knochenbrüche.

Auch nach der Korrektur für diese Einflussfaktoren blieb ein erhöhtes Risiko für die Rheumapatienten gegenüber der Kontrollgruppe bestehen. Die Wahrscheinlichkeit für tiefe Venenthrombosen war bei Patienten mit rheumatoider Arthritis 3,36-mal höher, Lungenembolien erlitten sie 2,07-mal so häufig wie die Kontrollgruppe. Dabei war das Risiko zwischen den Altersgruppen ungleich verteilt und bei den unter 50-Jährigen nochmals annähernd doppelt so hoch, wie für den Durchschnitt der Rheumapatienten.

Medikation beeinflusst Thromboserisiko

Ob diese Befunde für eine generelle antithrombotische Prophylaxe bei Rheumapatienten sprechen, beurteilt Specker zurückhaltend: Dies werde zwar bei ausgewählten Patienten mit einem genetisch stark erhöhten Risiko schon heute so praktiziert, erinnert der Experte. „Wollte man dies jedoch bei allen Patienten tun, würde man möglicherweise über das Ziel hinausschießen.“ Die Autoren selbst verweisen in der Diskussion darauf, dass auch der durch die Krankheit erzwungene Bewegungsmangel bei Rheumapatienten das Thromboserisiko erhöhen dürfte, und dass außerdem im Blut der Kranken vermehrt Entzündungsmediatoren kursieren, die ebenfalls zu einer Erhöhung des Thromboserisikos beitragen.

Auch die Art der Medikation beeinflusst erheblich das Thromboserisiko, wie Specker gegenüber Medscape Deutschland erläuterte: Daten dazu liefert die aktuelle Studie indes nicht. Sie wären auch von begrenztem Nutzen, weil sich die Art der Rheumamedikation heute sicherlich stark von derjenigen im Untersuchungszeitraum unterscheidet. „Die Konsequenz aus der Studie sollte deshalb sein, dass wir uns im Klaren darüber sind, dass Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis grundsätzlich ein erhöhtes Thromboserisiko haben und vielleicht eher einer Prophylaxe bedürfen in Situationen, die Thrombosen begünstigen, wie bei Operationen, krankheitsbedingten Immobilisierungen und längeren Flugreisen.“ Vor einer offiziellen Empfehlung seiner Fachgesellschaft müssten aber erst noch weitere Untersuchungen stattfinden, kommentiert Specker.

Vergleichsweise defensiv interpretieren auch Kao und Kollegen ihre Studie: „Die Befunde unterstreichen die Bedeutung interdisziplinärer Teams und einer integrierten Herangehensweise bei der Intervention gegenüber möglichen Risikofaktoren bei rheumatoider Arthritis“, schreiben sie lediglich in ihren Schlussfolgerungen.

Die gleiche Arbeitsgruppe hatte fast zeitgleich eine Auswertung derselben Datenbank veröffentlicht, wonach auch das Risiko für einen akuten Herzinfarkt bei Patienten mit rheumatoider Arthritis deutlich (um 38%) erhöht ist [2].

Referenzen

Referenzen

  1. Chung WS, et al: Ann Rheum Dis (online) 7. August 2013
    http://dx.doi.org/10.1136/annrheumdis-2013-203380
  2. Chung WS, et al: Int J Cardiol (online) 12. August 2013
    http://dx.doi.org/10.1016/j.ijcard.2013.07.233

Autoren und Interessenkonflikte

Michael Simm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Specker C: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenskonflikten vor.

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