Präeklampsie und Cerebralparese – Vorsicht bei fetaler Wachstumsstörung

Inge Brinkmann | 23. August 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Erstmals ist eine Kohortenstudie gezielt der Frage nachgegangen, ob ein direkter Zusammenhang zwischen Präeklampsie und den durch frühkindliche Hirnschädigung hervorgerufenen Bewegungsstörungen existiert. Denn einerseits sind Frühgeburten und ein geringes Geburtsgewicht bekannte Risikofaktoren für die frühkindliche Cerebralparese. Andererseits geht eine Präeklampsie als Schwangerschaftskomplikation ihrerseits häufig mit einer verfrühten Geburt und einem niedrigen Geburtsgewicht einher. Denkbar wäre also, dass eine Präeklampsie auf diese Weise indirekt zur Entstehung einer Cerebralparese beiträgt.

Kristin M. Strand und ihre Kollegen können aufgrund ihrer im British Medical Journal  veröffentlichten Ergebnisse eine differenzierte Antwort geben: Bei Kindern, deren Mütter unter Präeklampsie litten, erhöht sich wie erwartet insgesamt das Risiko für eine Cerebralparese. Bei termingerecht geborenen Kindern ist dieses Risiko jedoch vor allem abhängig von einem niedrigen Gestationsgewicht der Kinder.

Und überraschenderweise scheint bei einem sehr frühen Geburtszeitpunkt die Präeklampsie sogar vor der Hirnschädigung zu „schützen“. Tatsächlich war dann nämlich das Risiko für eine solche Hirnschädigung signifikant niedriger – zumindest wenn die Kinder ein dem Gestationsalter entsprechendes Gewicht aufwiesen. Bei einem zu niedrigen Gewicht war dieser Effekt dagegen nicht mehr nachweisbar. Ein klarer und direkter Zusammenhang zwischen Präeklampsie und Cerebralparese konnte indes nicht nachgewiesen werden.

Die Ergebnisse lassen sich nicht so einfach deuten

Prof. Dr. Dietmar Schlembach, Leiter der Pränataldiagnostik am Universitätsklinikum in Jena, kritisiert im Gespräch mit Medscape Deutschland, dass sich die Ergebnisse kaum sinnvoll interpretieren lassen: „Die große Schwäche der Studie sind fehlende Aussagen zum Geburtsmodus.“ So erfahre man nicht, welche Kinder per Kaiserschnitt und welche vaginal auf die Welt gekommen sind.

„Eine frühzeitige Spontangeburt wird bei Frauen z. B. häufig durch entzündliche Prozesse hervorgerufen, wohingegen Frauen mit Präeklampsie eher einem Kaiserschnitt unterzogen werden“, erklärt der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

„Eine frühzeitige Spontangeburt wird bei Frauen z. B. häufig durch entzündliche Prozesse hervorgerufen.“
Prof. Dr. Dieter Schlembach

Geht man nun davon aus, dass inflammatorische Prozesse die Cerebralparese begünstigen, besteht in der ‚Kontrollgruppe’ – also bei den frühzeitig gebärenden Frauen ohne Präeklampsie – möglicherweise ein höheres Risiko für infantile Hirnschädigungen als bei den Frauen mit der hypertonen Erkrankung. „Dadurch erklärt sich eventuell der auch schon zuvor beobachtete ‚Schutzmechanismus’ der Präeklampsie bei Frühgeburten“, sagt Schlembach, der auch Leiter der AG Schwangerschaftshochdruck/Gestose der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) ist.

Bei etwa 3 bis 5% aller Schwangeren tritt die hypertone Schwangerschaftserkrankung Präeklampsie auf, die Ursachen ihrer Entstehung sind noch unklar. Leitsymptome der Multiorganerkrankung sind nach der 20. Schwangerschaftswoche auftretende Blutdruckwerte von =140/90 mm Hg und Proteinurie (=300 mg/24h). Neben dem Herzkreislaufsystem und den Nieren können auch das ZNS, die Leber oder das Blutgerinnungssystem betroffen sein.

Eine vor der 34. Schwangerschaftswoche auftretende Präeklampsie ist zudem häufig mit einer ausgeprägten Plazentainsuffizienz verbunden, die die fetale Blutversorgung beeinträchtigt und zu fetalen Wachstumsrestriktionen führt.

Bewirkt die Präeklampsie eine frühkindliche Cerebralparese?

Bei einem direkten Zusammenhang zwischen Präeklampsie und der infantilen Cerebralparese, so die Autoren, müsste insbesondere die unilaterale Ausprägung der Parese bei den Kindern betroffener Frauen nachweisbar sein. Ihre Hypothese: Da die Präeklampsie als Risikofaktor für perinatale ischämische Hirninfarkte gilt und speziell die unilaterale Parese als eine Folge solcher Hirninfarkte betrachtet wird, müssten die halbseitigen Bewegungsstörungen dementsprechend häufiger auftreten.

Für einen direkten Effekt spräche überdies, so die Überlegung der Autoren, wenn die Cerebralparese auch bei termingerecht geborenen Babys mit normalem Geburtsgewicht aufträte.

Strand und Kollegen überprüften deshalb zum einen den Einfluss von Geburtsgewicht und -zeitpunkt auf die Entwicklung der Cerebralparese und zum anderen, ob die unilaterale Form häufiger als andere Ausprägungen, wie etwa Tetra- oder Paraparesen, bei den betroffenen Kindern auftritt.

Für ihre populationsbasierte Kohortenstudie griffen sie auf Daten des norwegischen Geburtenregisters und des Cerebralparese-Registers zurück. Die finale Studienpopulation umfasste so 616.658 Kinder ohne und 849 Kinder mit Parese, die zwischen 1996 und 2006 geboren wurden.

Die Dauer der Schwangerschaft wurde dabei in 3 Kategorien eingeteilt: sehr frühe Frühgeburt (=31+6 Schwangerschaftswochen, SSW), mäßig frühe Frühgeburt (32+0 bis 36+6 SSW) und termingerechte Geburt (=37+0 SSW). Als untergewichtig galten überdies Kinder, die ein Geburtsgewicht unterhalb der 10. Perzentile aufwiesen.

Risikofaktor – ja, direkter Effekt – nein

Am Ende bestätigte die Studie, dass Präeklampsie zwar einen Risikofaktor für die Cerebralparese darstellt. Kinder, deren Mütter an Präeklampsie litten, und die termingerecht und normalgewichtig geborenen wurden, wiesen jedoch kein erhöhtes Pareserisiko auf. Das Risiko erhöhte sich nur bei den Kindern, die beim normalen Geburtszeitpunkt ein zu geringes Gewicht aufwiesen (Odds Ratio: 3,2).

Bei sehr früh geborenen Kindern schien die hypertone Erkrankung der Mütter die Kinder sogar vor der Hirnschädigung „schützen“ zu können. So wiesen etwa Babys mit einem normalen Gestationsgewicht, die vor der 32. SSW geboren wurden, ein signifikant niedrigeres Risiko für eine Parese auf, wenn die Mütter an Präeklampsie erkrankt waren (OR: 0,5).

Für Schlembach weisen die Daten zunächst einmal darauf hin, dass die Präeklampsie nicht in einem direkten Zusammenhang mit der frühkindlichen Parese steht. Auch Strand und Kollegen war es nicht gelungen, eine solche Verbindung nachzuweisen. „Entgegen unserer Hypothese zeigte sich kein spezifischer Zusammenhang zwischen Präeklampsie und dem unilateralen Parese-Subtyp“, erklärt die Erstautorin [2].

Entwarnung für Kinder mit normalem Schätzgewicht

„Erhöhte Aufmerksamkeit ist allerdings erforderlich, wenn das Kind in der Entwicklung zurückbleibt bzw. ein niedriges Schätzgewicht aufweist.“
Prof. Dr. Dieter Schlembach

Gefährlich für die Kinder ist nach Ansicht Schlembachs dagegen die Plazentaschwäche, eine Begleitassoziation der Präeklampsie, die sich in den fetalen Wachstumsrestriktionen bemerkbar macht. „Diese Kinder sind eventuell auch anfälliger für weitere Schädigungen“, sagt er. Dies würde jedenfalls das erhöhte Pareserisiko bei den untergewichtigen Babys erklären.

Obwohl nach wie vor vieles im Dunkeln liege, könne die Beratung von Schwangeren mit Präeklampsie anhand der aktuellen Ergebnisse aber bereits verbessert werden, meint der Mediziner. Für betroffene Frauen, deren Kinder sich entsprechend ihrem Gestationsalter entwickeln, könne man quasi Entwarnung geben. Hier hat sich kein erhöhtes Risiko für Cerebralparesen gezeigt.

„Erhöhte Aufmerksamkeit ist allerdings erforderlich, wenn das Kind in der Entwicklung zurückbleibt bzw. ein niedriges Schätzgewicht aufweist“, sagt Schlembach. Ob dann ein früher Kaiserschnitt vor der Hirnschädigung schützen kann, müsse durch eine weitergehende Auswertung der Daten bzw. neue Studien evaluiert werden.

Referenzen

Referenzen

  1. Strand KM, et al: BMJ (online) 9. Juli 2013
    http://dx.doi.org/10.1136/bmj.f4089BMJmedia: Mediators of the association between pre-eclampsia and cerebral palsy.
  2. Youtube, eingestellt am 11.07.2013
    http://www.youtube.com/watch?v=rw9mPgU5UxM&feature=youtu.be

Autoren und Interessenkonflikte

Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Strand KM, Schlembach D: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.
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