Rettet Hautkrebs-Screening Leben?

Andrea S. Klahre | 12. August 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Hamburg – „In keinem anderen Land der Erde gibt es bislang ein Hautkrebs-Screening als Versicherungsleistung für die gesamte Bevölkerung ab dem 35. Lebensjahr. Aber nur etwa die Hälfte weiß, dass sie einen gesetzlichen Anspruch darauf hat.“ Prof. Dr. Rudolf Stadler, Chefarzt der Dermatologie am Johannes Wesling Klinikum Minden und Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), zitierte auf dem 8th World Melanoma Congress die Ergebnisse einer von der DDG initiierten FORSA-Umfrage, die Aufschluss darüber geben sollte, wie in Deutschland das seit fast 5 Jahren gesetzlich verankerte Hautkrebs-Screening wahrgenommen wird [1, 2].

 
„Das Bewusstsein, dass Hautkrebs zu der am häufigsten verbreiteten Krebsart in Deutschland gehört, ist ebenso unterentwickelt wie das Screening unbekannt ist.“
Prof. Dr. Rudolf Stadler
 

Im März 2011 sowie im April 2013 waren repräsentativ 1.114 bzw. 1.004 gesetzlich versicherte Personen ab 18 Jahren befragt worden Medscape Deutschland berichtete. Die Umfrage zeigt zwar, dass

  • die Sorge um eine Hautkrebserkrankung wächst (2011: 45%; 2013: 51%),
  • die Akzeptanz des Screenings steigt (31% vs. 35%),
  • die Patienten den Vorteil der Früherkennung sehen (44% vs. 50%) und
  • sich die Patienten für die Diagnose lieber einem Dermatologen denn einem Allgemeinmediziner anvertrauen (76% vs. 79%).

„Doch nur ein Drittel nutzt es“, so Stadler. „Das Bewusstsein, dass Hautkrebs zu der am häufigsten verbreiteten Krebsart in Deutschland gehört, ist ebenso unterentwickelt wie das Screening unbekannt ist. Beides müssen wir optimieren. Zumal wir durch unsere umfangreiche Begleitforschung belegen können, dass die Patienten keinen Nachteil durch die Früherkennung haben.“

Deren entscheidende Zielsetzung, den Zeitpunkt der Diagnose für maligne Melanome und epitheliale Hauttumoren vorzuverlegen, sodass eine Progression vermieden und eine komplette Heilung erreicht werden kann, ist laut Stadler im Alltag der Mediziner messbar: Die Mortalitätsrate sei nicht so drastisch gestiegen, wie es die zunehmenden Prävalenzen erwarten ließen. „Es tritt ein, was die Befürworter des Screenings prognostiziert haben: Ein sprunghafter Anstieg der erfassten Erkrankungszahlen bei gleichzeitig guten Behandlungserfolgen. Es gibt etwa 20% mehr Diagnosen als vor dem Start im Jahr 2008.“

Welche Vorteile haben Teilnehmer?

Was bedeuten solche Aussagen? Kritiker des flächendeckenden Screenings fordern Studien, in denen der nachweisbare Nutzen ebenso belegt wird wie das Fehlen von Schadenspotential: Leben Teilnehmer länger, werden sie seltener operiert, haben sie mit der Diagnose eine bessere Lebensqualität?

 
„Wir haben eine neue Tumorentität kreiert, die perhaps future slow melanoma.“
Prof. Dr. Jean-Jacques Grob
 

Und: „Wie viele der Melanome, die wir entfernen, würden zur Mortalität beitragen, wenn wir sie nicht operierten?" Im Kontext dieser Fragen diskutierte Prof. Dr. Jean-Jacques Grob, Chef der Dermatologie am Hôpital Sainte Marguerite in Marseille und Mitglied des Kongresskomitees, seinen Interessenkonflikt, der in diesem Fall nicht finanzieller, sondern vor allem wissenschaftlicher und politischer Natur war – „was die Aussagekraft aktueller Daten ebenfalls beeinflusst“.

Grob zeigte am Beispiel amerikanischer Awareness-Kampagnen, dass vor allem das Leben von Patienten mit langsam wachsenden Melanomen gerettet wird. Dagegen sei die Inzidenz schnell wachsender, aggressiver und insbesondere dicker Tumoren (nach Breslow) seit 20 Jahren nicht nur stabil bis steigend, unbekannt sei auch die Zahl der Leben, die durch Früherkennung gerettet werden.

Der Wissenschaftler bezog sich hier auf die Surveillance Epidemiology and End Result (SEER)-Analyse des National Cancer Institute, die die zwischen 1988 und 2006 erhobenen Daten aus 17 bevölkerungsbezogenen Krebsregistern der USA von insgesamt 153.124 Patienten mit malignem Melanom auf Basis des Breslow-Levels ausgewertet hat [3]. Die wesentliche Änderung betraf allerdings die Inzidenz von malignen Melanoma in situ, die sich nahezu verdoppelt hatte.

 
„Mit einem Aufwand von einer Million Euro werden, optimistisch geschätzt, 32 Leben gerettet.“
Prof. Dr. Jean-Jacques Grob
 

Die aktuellen deutschen Daten für 2010 aus dem – auch aus internationaler Perspektive vorbildlichen – Krebsregister Schleswig-Holstein weisen in die gleiche Richtung: Auffällig ist die hohe Zahl der Frühstadien beim Melanom und Spinaliom, hier liegt der Anstieg gegenüber 2007 bei jeweils rund 50% [4]. Das überrascht allerdings nicht wirklich, denn in Schleswig-Holstein hat die Registrierung von Hautkrebs eine lange Tradition, insbesondere aufgrund der Aktivitäten zum Hautkrebs-Screening seit 1998: Alle Dermatologen sind/werden sensibilisiert, auch die In-situ-Tumoren und Frühformen der epithelialen Tumoren vollzählig zu übermitteln. Insofern sind Daten zumindest für diese Entitäten möglicherweise belastbarer als in anderen Regionen Deutschlands.

Bisheriger Nutzen wegen zu geringer Resonanz begrenzt

Grobs Einwand: „Die deutschen Zahlen sprechen für eine anhaltende Prävalenz unter dem systematischen Hautkrebs-Screening, ein Zusammenhang zum Mortalitätsrisiko ist nicht so offensichtlich.“ Was ihn insgesamt zu der Feststellung veranlasste: „Wir haben eine neue Tumorentität kreiert, die perhaps future slow melanoma. Das freut die Pathologen, korrespondiert aber nicht mit einer realen Gesundheitsbedrohung. Wir müssen die Patienten mit aggressiven, schnell wachsenden Melanoma erreichen – gleichgültig, ob diese dünn sind oder dick!“

Zumal neue Daten vermuten lassen, dass nicht Breslow das entscheidende Äquivalent ist, sondern die Biologie, da die Mortalitätsrate bei Männern höher ist als bei Frauen. „Doch gerade Männer sind für Früherkennung nicht erreichbar: Die Jungen interessiert das Thema nicht, die Älteren fühlen sich nicht angesprochen“, so Grob.

Summa summarum ist laut Grob bislang wegen zu geringer Resonanz der Nutzen staatlicher Früherkennungsprogramme für die Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung begrenzt, und in Relation zu den Kosten für Schulungen von Dermatologen und Allgemeinmedizinern, Kampagnen und Programmen nicht ausbalanciert: „Mit einem Aufwand von einer Million Euro werden, optimistisch geschätzt, 32 Leben gerettet.“

Was muss besser gemacht werden, um die Zielgruppen zu erreichen und umfassender mit Informationen zu versorgen, die sie zum eigenverantwortlichen Umgang mit der Gesundheit befähigen? Da ringt Grob auch mit sich selbst: „Ich weiß es nicht. Ich hätte ein paar Ideen, aber die sind politisch nicht korrekt.“ Stadler parierte pragmatisch: „Nichts ist perfekt, gerade deshalb sollten wir weitermachen auf unserem Weg und so früh wie möglich diagnostizieren.“

Referenzen

Referenzen

  1. 8th World Congress of Melanoma. 17. bis 20. Juli 2013, Hamburg.
    Symposium 15: “Skin cancer awareness campaigns around the world” am 18. Juli 2013
    www.worldmelanoma2013.com
  2. FORSA Umfrage: Hautkrebsscreening
    http://www.derma.de/fileadmin/derma/ddgpresse/FORSA-Befragung_2013.pdf
  3. Criscione VD, et al: Journal of Investigative Dermatology. 2010; 130:793-797
    http://dx.doi.org/10.1038/jid.2009.328
  4. Institut für Krebsepidemiologie e.V./Registerstelle des Krebsregisters Schleswig-Holstein: Jahresbericht 2013. Aktualisierte Schätzung zu Hautkrebs im Jahr 2010
    http://www.krebsregister-sh.de/aktuelles/Zahlen_Hautkrebs_2013.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Andrea S. Klahre
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Stadler R, Grob JJ: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.