Antiepileptika in der Schwangerschaft beeinträchtigen die frühkindliche Entwicklung

Nadine Eckert | 9. August 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Epilepsiemedikamente in der Schwangerschaft können einer norwegischen Studie zufolge nicht nur das Fehlbildungsrisiko beim Kind erhöhen, sondern auch dessen kognitive Entwicklung stören. "Dennoch dürfen Antiepileptika nicht verteufelt werden", warnt Prof. Dr. Holger Lerche, ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie. "Es ist notwendig, die Mutter sicher und anfallsfrei durch die Schwangerschaft zu bringen."

„Es ist notwendig, die Mutter sicher und anfallsfrei durch die Schwangerschaft zu bringen.“
Prof. Holger Lerche

Die Studie von Dr. Gyri Veiby vom Universitätsklinikum Haukeland in Bergen, Norwegen, hat bei 333 Kindern untersucht, wie sich die fetale Exposition gegenüber Antiepileptika im späteren Leben auswirkt. Das Ergebnis: Die motorische Entwicklung sowie diejenige der Sprach- und sozialen Fähigkeiten scheint beeinträchtigt zu sein. Die Kinder zeigten außerdem häufiger autistische Verhaltensmerkmale [1].

"Unsere Untersuchungen bestätigen, dass die Exposition des Fetus gegenüber Antiepileptika Schlüsselbereiche der frühkindlichen Entwicklung beeinträchtigt", sagt Veiby. "Sowohl der Kontakt mit Valproat als auch mit Lamotrigin, Carbamazepin oder einer Polytherapie mit mehreren Substanzen beeinflusste die Entwicklung der Kinder negativ."

Folgen beschränken sich nicht auf Fehlbildungen

0,2 bis 0,5% aller schwangeren Frauen nehmen während der Schwangerschaft Antiepileptika ein, berichten die Autoren um Veiby. Dass dies das Risiko für angeborene Fehlbildungen erhöht, ist seit langem bekannt. Weniger wusste man dagegen bisher über die Auswirkungen auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten des Kindes.

Veiby und seine Kollegen untersuchten Kinder der großen und langfristig angelegten Norwegischen Mutter und Kind Kohortenstudie. Für diese Kinder liegen Angaben der Mütter zu motorischen, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten sowie zu autistischen Verhaltensmerkmalen im Alter von 18 sowie von 36 Monaten vor. Bei der ersten Datenerhebung erhielten die Forscher Angaben zu 61.351 Kindern. Bei der Erhebung nach 36 Monaten waren es noch 44.147 Kinder.

Grobmotorik eingeschränkt, autistische Merkmale vermehrt

333 Kinder waren im Mutterleib mit Antiepileptika in Kontakt gekommen. Im Alter von 18 Monaten war bei ihnen das Risiko, dass ihre grobmotorischen Fähigkeiten nicht altersentsprechend ausgebildet waren und dass autistische Verhaltensmerkmale auftraten, höher als bei Kindern, die diesen Substanzen im Mutterleib nicht ausgesetzt gewesen waren. Nach 36 Monaten zeigten sie weiterhin Störungen der grobmotorischen Fähigkeiten sowie autistische Verhaltensmerkmale, außerdem waren noch Schwierigkeiten bei der Satzbildung hinzugekommen.

Wie zu erwarten, war die Rate an angeborenen Fehlbildungen in der Gruppe von Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft Antiepileptika eingenommen hatten, ebenfalls erhöht. Doch selbst nachdem für die erhöhte Rate an Fehlbildungen korrigiert worden war, änderte dies nichts an dem gleichfalls gesteigerten Risiko für kognitive Einbußen.

Die Autoren betonen, dass es keine nachteiligen Auswirkungen auf die frühkindliche Entwicklung hatte, wenn der Vater an Epilepsie litt.

Vor allem Valproat wirkt sich ungünstig auf die Kognition aus

"Die Ergebnisse sind konsistent mit anderen Studien, die zeigen, dass Antiepileptika, vor allem Valproat, in der Schwangerschaft dosisabhängig den IQ des Kindes beeinträchtigen und das Risiko für Autismus erhöhen können", sagte Lerche im Gespräch mit Medscape Deutschland. Erst im März habe Dr. Kimford Meador von der Emory University in Atlanta in Lancet Neurology berichtet, dass eine fetale Valproat-Expositionancet dosisabhängig mit verringertem IQ und kognitiven Fähigkeiten im Alter von 6 Jahren assoziiert ist [2.]

Bereits 2009 war eine im New England Journal of Medicine publizierte Analyse der gleichen Kohorte bei den damals 3-jährigen Kindern zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen, ergänzte der Ärztliche Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Epileptologie am Universitätsklinikum Tübingen [3].

Allerdings fanden Meador und sein Team damals keine Korrelation zwischen der Kognition und den anderen untersuchten Antikonvulsiva Carbamazepin, Lamotrigin und Phenytoin. Ebenfalls im März berichteten dänische Forscher um Dr. Jakob Christensen vom Universitätsklinikum Aarhus in JAMA zudem, dass Valproat mit einem signifikant erhöhten Risiko für Autismus beim Kind verbunden ist [4].

In der Studie von Veiby beschränkten sich die nachteiligen Verläufe jedoch nicht auf Valproat. Auch bei fetaler Exposition gegenüber Lamotrigin und Carbamazepin kam es zu einer Beeinträchtigung der frühkindlichen kognitiven Entwicklung.

Anfallsfreiheit in der Schwangerschaft ist notwendig

Lerche betont, dass auch in der Schwangerschaft eine medikamentöse Behandlung der Epilepsie notwendig ist, um die Anfallsfreiheit und damit den Schutz von Mutter und Kind vor Unfällen zu gewährleisten. Dabei sei "die Behandlung immer eine Gratwanderung zwischen der Anfallsfreiheit der Mutter und den potentiellen gesundheitlichen Folgen für das Kind."

Grundsätzlich versuche man, schwangere Frauen mit Epilepsie mit einer möglichst niedrig dosierten Monotherapie von Medikamenten zu behandeln, die eine niedrige Fehlbildungsrate aufweisen. In manchen Fällen kann auch versucht werden, die Medikamente vor der Schwangerschaft vorsichtig abzusetzen, zum Beispiel wenn die Patientin schon lange stabil und anfallsfrei ist.

Doch wenn Medikamente wie Valproat notwendig sind, um die Anfälle unter Kontrolle zu halten, dann müsse man in Einzelfällen auch mit dieser schwierigen medikamentösen Situation umgehen. "Selbst unter Valproat-Einnahme in einer klinisch relevanten Dosierung von bis zu 1.000 mg am Tag liegt die Chance, ein gesundes Kind ohne Fehlbildungen zur Welt zu bringen, bei 95 Prozent", betont Lerche. "Demgegenüber steht ein Fehlbildungsrisiko in der Normalbevölkerung von 2 bis 3 Prozent, es geht also um eine moderate Risikosteigerung auf das Doppelte der Norm."

Referenzen

Referenzen

  1. Veiby G, et al: Epilepsia (online) 18. Juli 2013
    http://dx.doi.org/10.1111/epi.12226
  2. Meador K, et al: Lancet Neurol. 2013; 12(3): 244-252.
    http://dx.doi.org/10.1016/S1474-4422(12)70323-X
  3. Meador, et al: NEJM 2009; 360:1597-1605
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa0803531
  4. Christensen J, et al: JAMA. 2013;24;309(16):1696-703.
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.2013.2270

Autoren und Interessenkonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Veiby G: Reiseunterstützung von UCB Pharma und Vortragshonorare von GlaxoSmithKline.

Lerche H: Mitglied wissenschaftlicher Beratungsgremien für Eisai, GSK, Pfizer, UCB, Valeant; Reisekostenunterstützung von GSK, Pfizer, UCB und Honorare für Vorträge oder Fortbildung von Desitin, Esai, GSK, Pfizer, UCB sowie Forschungsunterstützung von Sanofi-Aventis, UCB.

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