Langzeitüberleben nach Krebs: Die Angst bleibt – auch bei den Angehörigen

Andrea S. Klahre | 5. August 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Wie sieht die Welt von Patienten aus, die ihren Krebs überleben? Chronische Fatigue, geschwächte Immunabwehr, Lymphödeme, neuronale Läsionen, kognitive und affektive Störungen, schlimmstenfalls ein Zweitmalignom bzw. Metastasen: Der potenzielle Preis für das Überleben ist eine lange Liste von Spätfolgen, die ebenso vielfältig sind wie die Tumorentitäten und ihre Therapien.

 
„Bei den Patienten ist meist eine Kombination von Angst und Depression zu finden, bei Langzeitüberlebenden steht eher die Angst im Vordergrund.“
Prof. Dr. Joachim Weis
 

Eine jetzt in Lancet Oncology veröffentlichte Metaanalyse zeigt, dass das Thema Angst und der Umgang damit für viele Patienten noch 10 oder mehr Jahre nach der Diagnose sehr belastend ist [1]. „Angst prägt aber nicht nur das Leben der Patienten, sondern auch das der Angehörigen“, schreibt Erstautor Dr. Alex J. Mitchell, Department of Liaison Psychiatry am Leicester General Hospital, UK. Im Vergleich zu Menschen ohne Krebs in der Biographie steige nicht, wie allgemein angenommen, das Risiko für Depressionen, sondern das für Ängste. Depressionen stellen im Rahmen einer Tumorerkrankung zwar ein gravierendes Problem dar, seien verglichen mit Nicht-Krebspatienten jedoch nicht wesentlich erhöht.

„Im Gegenteil, sofern sich keine weiteren Komplikationen einstellen, nimmt das Depressionsrisiko innerhalb von 2 Jahren ab, das Risiko für Angst klettert hingegen auf über 50%“, so Mitchell. Mehr noch: Während bei den Angehörigen die Depressionsraten auf ähnlichem Niveau persistieren, sei deren Angst sogar stärker als die der Langzeitüberlebenden.

Angst vor Rezidiv und ungewisser Zukunft

„Angst und Depression bei Tumorpatienten sind vorrangig vom Schweregrad der Erkrankung, den Folgen der Behandlung und den daraus resultierenden Funktionseinschränkungen abhängig. Bei den Patienten ist meist eine Kombination von Angst und Depression zu finden, bei Langzeitüberlebenden steht in der Tat eher die Angst im Vordergrund“, bestätigt Prof. Dr. Joachim Weis, Leiter der Psychosozialen Abteilung der Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg, Medscape Deutschland die wichtigste Aussage der Studie. Es sei vor allem Angst vor einem Rezidiv oder bei nicht kurativ Behandelten die Angst vor dem Progress der Erkrankung. „Es sind aber auch Ängste davor, die Anforderungen des Alltags nicht wieder zu schaffen oder vor einer ungewissen Zukunft allgemein“, so Weis.

Allerdings gäbe es Unterschiede darin, ob Mann oder Frau die betroffen Patienten bzw. Partner sind. „Hierzu kann die Metaanalyse keine verlässlichen Aussagen machen“, ergänzt Weis und nennt als weitere Einschränkung, dass die Studienlage zum Thema „Angst und Depression bei Patienten und deren Partnern“ nicht so umfangreich sei wie bei Patienten allein. Dadurch käme es zu einer Selektion von Studien bei bestimmten Diagnosegruppen. „Beispielsweise werden häufig Brustkrebspatientinnen und deren Partner untersucht.“

Psychosoziale Nachsorge unterrepräsentiert

Mitchell und Kollegen haben für ihre Analyse den Ansatz gewählt, dass neben den üblichen Nachsorgeuntersuchungen nur wenige Krebspatienten nach Entlassung aus der Klinik eine psychoonkologische Beratung oder Therapie erhalten, um ihre Erkrankung auch mental angemessen verarbeiten zu können. Daraus entstehende und nicht gelöste Probleme können zu schwerwiegenden affektiven Störungen führen.

Und das, obwohl die Zahl der Langzeitüberlebenden mit Krebs in den Industrieländern dank frühzeitiger Diagnosemöglichkeiten und einer besseren Wirksamkeit medizinischer Behandlungen seit 20 Jahren kontinuierlich steigt, und es für eine Vielzahl onkologischer Erkrankungen mittlerweile Therapiekonzepte gibt, die in den onkologischen Rehabilitations- und Nachsorgekliniken breite Anwendung finden.

Die Literaturrecherche sollte die Prävalenz von unipolarer Depression und Angststörungen bei Tumorpatienten mehr als 2 Jahre nach Diagnose, deren Ehepartnern und einer gesunden Kontrollgruppe abbilden. Aus 144 Ergebnissen wurden letztlich 43 Arbeiten aus 27 Publikationen mit fast 545.000 Teilnehmern für die Hauptanalyse verifiziert.

Die gepoolten Daten ergaben ein Risiko für Depressionen von 11,6% vs. 10,2% bei 51.381 Überlebenden und 217.630 Gesunden, sowie ein Risiko für Angststörungen von 17,9% vs. 13,9% bei 48.964 Überlebenden und 226.467 Gesunden. Für Genesene und deren Partner zeigte sich ein vergleichbares Niveau bei Depressionen (26,7% vs. 26,3%), Angst allerdings war bei den Angehörigen noch deutlicher ausgeprägt als bei den Überlebenden (40,1% vs. 28,0%).

„Unsere Ergebnisse machen darauf aufmerksam, dass eine Krebserkrankung auch nach Therapieende die Betroffenen und deren Familien im psychosozialen Bereich vielfältig belastet“, so die Autoren. Angst sei in diesem Rahmen weniger vorhersehbar und werde meist übersehen, da Patienten eher bezüglich Depressionen gescreent würden. Sie hätten jedoch Anspruch auf eine individuelle und qualifizierte psychosoziale Unterstützung. „Dafür müssen im gesamten Versorgungsprozess spezialisierte Angebote an psychosozialer Begleitung zur Verfügung stehen.“

Erstdiagnose Krebs bei rund 2 Millionen Menschen vor mehr als 10 Jahren

Das Fazit der Studie ist übertragbar auf die deutsche Situation. Für Krebspatienten und deren Angehörige ist die Rehabilitationsphase ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zurück in ein normales Leben, doch laut Weis ist die psychosoziale Nachsorge unterrepräsentiert, es besteht Nachholbedarf.

„Wir haben in Deutschland eine überwiegende Aufgabenteilung zwischen Akut- und Rehamedizin“, sagt Weis. „Reha-Onkologen sind zumeist gut psychosozial geschult, aber für die thematisierten Probleme wie Ängste und Depression braucht es den Experten, also Psychoonkologen oder Psychotherapeuten. Wir haben vor allem psychosoziale Krebsberatungsstellen, die aber nicht flächendeckend aufgestellt sind.“

Die Bedeutung dieses Sektors steigt mit der wachsenden Zahl der Patienten, die 5 Jahre oder länger mit ihrer Erkrankung leben. Dies sind laut Hochrechnungen des Robert Koch-Instituts inzwischen etwa 1,7 Millionen Menschen; bei rund 2 Millionen liegt die Erstdiagnose mehr als 10 Jahre zurück.

Um hier eine adäquate Entwicklung voranzutreiben, braucht es laut Weis Programme, die psychosoziale Probleme der Langzeitüberlebenden erkennen und valide erfassen, „damit wir angemessene sowie bedarfsgerechte Interventionskonzepte anbieten können.“

Referenzen

Referenzen

  1. Mitchell AJ, et al: The Lancet Oncology. 2013; 14(8): 721-732.
    http://www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045(13)70244-4/abstract

Autoren und Interessenkonflikte

Andrea S. Klahre
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Mitchell A, Weis J: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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