Androgendeprivation beim Prostatakarzinom – ein Risiko für die Niere?

Dr. Susanne Heinzl | 31. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Bei Patienten mit neu diagnostiziertem, nicht-metastasiertem Prostatakarzinom erhöht eine Androgendeprivation das Risiko für ein akutes Nierenversagen. Dies ergab eine Fallkontrollstudie, die von der Arbeitsgruppe um Dr. Samy Suissa, Epidemiologin an der McGill Universität in Montreal in Kanada, im JAMA publiziert wurde [1]. Die Ergebnisse können jedoch nicht ohne weiteres auf die Praxis übertragen werden, wie Prof. Dr. Peter Albers, Direktor der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, auf Nachfrage von Medscape Deutschland erläuterte.

 
„Daher sollte diese Fall-Kontroll-Studie nicht so interpretiert werden, dass die sicher lebensverlängernde Hormontherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom aufgrund einer fraglichen Nephrotoxizität zurückhaltender indiziert werden sollte.“
Prof. Dr. Peter Albers
 

Eine Androgendeprivation (AD) ist Standard bei Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom. So empfiehlt die interdisziplinäre deutsche S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie des Prostatakarzinoms, dass Patienten mit symptomatischem, metastasiertem Prostatakarzinom eine Androgendeprivation erhalten sollten [2]. Zunehmend wird die AD aber auch bei weniger schweren Erkrankungsformen eingesetzt.

Die Verringerung des Testosteronspiegels löst jedoch im Organismus eine Reihe metabolischer Veränderungen aus, wie Fettstoffwechselstörungen, Hyperglykämie und eine Zunahme des Körperfetts. Hyperglykämie und Fettstoffwechselstörungen können die glomeruläre Funktion der Nieren stören, indem sie zu einer Verdickung der interstitiellen Tubulusmembran führen. Darüber hinaus fehlen die gefäßerweiternden Wirkungen von Testosteron auf die Nierengefäße.

All diese Mechanismen können das Risiko für ein akutes Nierenversagen erhöhen. Außer einem Fallbericht zum Auftreten eines Nierenversagens unter Flutamid liegen bislang aber keine Beobachtungsstudien vor, in denen ein Zusammenhang zwischen Androgendeprivation und Nierenversagen untersucht wurde.

Fallkontrollstudie zur Risikobeurteilung

Daher wurde die aktuelle Fallkontrollstudie zur Frage vorgenommen, ob die Androgendeprivation mit einem erhöhten Risiko eines akuten Nierenversagens assoziiert ist. Aufgenommen wurden 10.250 Patienten, bei denen zwischen Januar 1998 und Dezember 2008 ein nicht-metastasiertes Prostatakarzinom neu diagnostiziert worden war und die bis Dezember 2009 beobachtet wurden.

Albers weist auf ein methodisches Manko der Studie hin: Die Aufnahme  der Teilnehmer in die Studie basiert auf Einweisungsdiagnosen und nicht auf den tatsächlichen patientenkorrelierten Befunden etwa dem Serumkreatininwert oder der glomerulären Filtrationsrate.

Alle Patienten erhielten eine Androgendeprivation. Bei 232 Patienten kam es während der durchschnittlichen Beobachtungsdauer von 4,1 Jahren zu einem akuten Nierenversagen, was einer Rate von 5,5 je1.000 Personenjahren entspricht. Jeder Fall wurde randomisiert mit bis zu 20 entsprechenden Kontrollpatienten gematcht. Insgesamt wurden die Daten von 2.721 Kontrollen einbezogen.

Risiko für Nierenversagen erhöht

Bei Patienten unter laufender AD war das Risiko für ein akutes Nierenversagen im Vergleich zu Personen ohne AD etwa 2,5-fach signifikant erhöht (Odds-Ratio: 2,48, 95%-Konfidenzintervall: 1,61-3,82), während es sich bei einer AD-Anwendung in der Vergangenheit von den Kontrollpersonen nicht unterschied (OR: 1,25, 95 %-KI: 0,68-2,29). Das Risiko für ein Nierenversagen stieg vor allem bei Kombination von Gonadotropin-Releasing-Hormonagonisten mit oralen Antiandrogenen (OR: 4,5), bei Östrogenen (OR: 4,00) und bei anderen Kombinationstherapien (OR: 4,04). Das Risiko war vorwiegend im ersten Drittel der Behandlungszeit (< 386 Tage) hoch, im weiteren Verlauf der Therapie nahm es ab, war aber immer noch höher als ohne AD.

Das Ergebnis belege eindeutig, dass eine AD bei neu diagnostizierten Patienten mit nicht-metastasiertem Prostatakarzinom das Risiko für ein akutes Nierenversagen erhöhe, meinen die Autoren der Studie. Sie weisen jedoch auch darauf hin, dass diese Ergebnisse in weiteren, sorgfältig geplanten Studien bestätigt und ihre klinische Relevanz weiter untersucht werden müsse.

Patienten sollte AD nicht vorenthalten werden

Albers sieht noch andere Interpretationsmöglichkeiten: „Die Tatsache, dass kombinierte Hormonblockaden häufiger zu Nierenerkrankungen führen, kann auch darauf hindeuten, dass Patienten mit ausgeprägter Erkrankung, die eine Kombinationstherapie benötigen, untersucht wurden. Diese haben aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung auch häufiger Nierenfunktionseinschränkungen. Auch wenn eine relative Risikoerhöhung gemessen wurde, so ist doch das absolute Risiko für eine Nierenerkrankung unter antihormoneller Therapie angesichts der Grunderkrankung mit 2,2 Prozent vernachlässigbar klein.“

Er führt weiter aus: „Hilfreich wäre gewesen, wenn die Autoren ein Risikoprofil derjenigen Patienten erstellt hätten, die tatsächlich eine Nierenerkrankung hatten. Aufgrund der fehlenden Erkrankungs- und Behandlungsdaten war dies aber nicht möglich. Daher sollte diese Fall-Kontroll-Studie nicht so interpretiert werden, dass die sicher lebensverlängernde Hormontherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom aufgrund einer fraglichen Nephrotoxizität zurückhaltender indiziert werden sollte.“

Referenzen

Referenzen

  1. Lapi F, et al: JAMA. 2013; 310(3):289-296.
    http://dx.doi.org/doi:10.1001/jama.2013.8638  
  2. Interdisziplinäre S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. AWMF-Register-Nummer (034-022OL).
    http://www.prostatakrebs-bps.de/images/stories/pdf/leitlinie/s3%20prostataca%20update%202011%20langversion.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Susanne Heinzl
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Suissa S, Albers P: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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