Hepatitis C: „Wir gehen von einer erheblichen Dunkelziffer aus“

Axel Viola | 30. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

 

Dr. Peter Buggisch
 

Auf kaum einem anderen Gebiet gibt es so viele Innovationen wie bei der Therapie von Patienten mit Hepatitis-C-Virus-Erkrankungen. Ein wichtiges Instrument, um den Erfolg oder auch Misserfolg der neuen Therapien beurteilen zu können, sind Kohortenstudien. Der Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands (bng) sammelt seit Jahren Daten aus dem Praxisalltag [1]. Im Anschluss an das 10. HepNet-Symposium in Hannover im Juni 2013 führte Medscape Deutschland ein Interview mit Dr. Peter Buggisch, Ärztlicher Leiter des Leberzentrums Hamburg im Institut für interdisziplinäre Medizin an der Asklepiosklinik St. Georg, über die Erkenntnisse aus den bng-Kohorten.

Medscape Deutschland: Herr Dr. Buggisch, was ist der Hintergrund für die Datenerhebung aus den bng-Kohorten?

Dr. Buggisch: Im Grunde muss man zwischen klinischen Studien unterscheiden, die dem Entwicklungs- oder Zulassungsprozess dienen, und Kohortenstudien, in der die Langzeitbeobachtung plus die therapeutischen Bemühungen im alltäglichen Umfeld im Vordergrund stehen. Die bng-Kohorte ist mittlerweile weltweit die größte Kohorte, in der Hepatitis-C-Patienten in Arztpraxen oder ambulanten Einrichtungen behandelt und beobachtet werden. Mittlerweile umfasst die bng-Kohorte um die 37.000 Patienten.

Medscape Deutschland: Für welche Fragestellungen werden die Daten aus den bng-Kohorten genutzt?

Dr. Buggisch: Uns steht wirklich ein Fundus zur Verfügung, aus dem sich Daten für die verschiedensten Fragestellungen generieren lassen: Wie verändert sich die Population? Haben die Patienten mehr fortgeschrittene Zirrhosen? Oder mehr Karzinome?
Die Patienten altern mit dem Verlauf der Erkrankung, und damit nimmt auch die Krankheitsdauer zu. Wir können also gut Vergleiche ziehen, wie sich im Laufe der Jahre die Therapie verändert hat. Die Therapien vor 10 Jahren sahen anders als heute.

Medscape Deutschland: Welche Unterschiede können beobachtet werden?

Dr. Buggisch: Die Patienten, die vor 10 Jahren behandelt wurden, waren hinsichtlich der HCV-Infektion meistens therapienaiv und vom Altersdurchschnitt ein bisschen jünger. Man sieht auch, was für Patientengruppen einen Bedarf haben: Es sind nämlich zunehmend Patienten, die schon mal vorbehandelt wurden, die also ein Rezidiv durchmachen. Man sieht aber auch, welche Patienten gar nicht behandelt wurden und werden. Mit der bng-Kohorte können wir also das gesamte Spektrum des therapeutischen Verhaltens abbilden – im Hinblick auf die Ursachen für ein bestimmtes Vorgehen und im Bezug zu Änderungen in der medikamentösen Therapie.

Medscape Deutschland: Warum werden manche HCV-Patienten nicht behandelt?

Dr. Buggisch: Ursachen sind meist Kontraindikationen für Interferon. Deshalb wird große Hoffnung in Richtung einer Interferon-freien Therapie gesetzt. Die befindet sich zurzeit allerdings noch im Stadium klinischer Studien. Außerhalb von Studien gibt es kein Therapieschema, das ohne Interferon funktioniert. Zugelassen sind also nur Therapien mit Interferon.

Medscape Deutschland: Hat sich der HCV-Patient im Lauf der Zeit verändert?

Dr. Buggisch: Im Vergleich zu den früheren Behandlungsbeobachtungen haben wir zum einen jetzt überwiegend Patienten, die schon einmal vorbehandelt wurden. Zum anderen verschiebt sich die Verteilung bei den Genotypen ein bisschen. Hepatitis C liegt ja in verschiedenen Genotypen vor. Anfangs zum Beispiel wurde in etwa mit 65% Genotyp 1 in der Bevölkerung gerechnet, bei 25% der Infizierten lag ein Genotyp 3 vor, ca. 5% Genotyp 2 und 3% Genotyp 4. So war das grobe Schema. Das verändert sich, weil in früheren Jahren die therapeutischen Erfolge bei Genotyp-2- und -3-Patienten größer waren. Jetzt erzielen wir hinsichtlich der Behandlung die besseren Ergebnisse bei Patienten mit Genotyp 1.

Medscape Deutschland: Wie haben sich die Therapieerfolgsraten bei HCV-Patienten mit Genotyp 1 verändert?

Dr. Buggisch: Anfangs lag der Therapieerfolg bei 50%. Im Moment, so scheint es, bewegt sich der Therapieerfolg in Richtung 65% bis zu 70%. Allerdings stehen noch nicht genug Langzeitdaten zur Verfügung, um das abschließend beurteilen zu können.

Medscape Deutschland: Wieso sprechen mehr Patienten auf die Therapie an?

Dr. Buggisch: Das hängt damit zusammen, dass wir neue Substanzen mit einbeziehen können.

Medscape Deutschland: Wie würden Sie aktuell einen HCV-Patienten beschreiben?

Dr. Buggisch: Die Patienten werden älter. Echte Neuinfektionen sind nicht die entscheidenden Parameter. Man muss auch aufpassen, was als Neuinfektionen bezeichnet wird. Meldungen betreffen nicht unbedingt die, die sich aktuell neu infiziert haben, sondern häufig sind das Patienten, die das Virus schon seit etlichen Jahren tragen und zufällig diagnostiziert werden. Es gibt viele Patienten, die lange nicht aufgefallen sind. Wir gehen von einer erheblichen Dunkelziffer an Patienten aus, die von ihrer HCV-Infektion nichts wissen.

Was wir auch beobachten, dass sich die Übertragungswege ändern. Früher waren es häufig kontaminierte Blutprodukte. Das nimmt ab, weil die Blutprodukte besser kontrolliert werden, die Hygienestandards sind besser geworden, und das Bewusstsein hinsichtlich der Übertragungswege ist in der Bevölkerung sicherlich auch besser geworden.

Medscape Deutschland: Warum ist es so schwierig, HCV-infizierte Patienten zu identifizieren?

Dr. Buggisch: Wenn überhaupt Symptome auftreten, dann sind sie wenig spezifisch. Kardinalsymptome sind ja Abgeschlagenheit und Müdigkeit, manchmal Gelenkbeschwerden. Diese Symptome lassen sich aber auch mit vielen anderen Erkrankungen in Verbindung bringen.

Medscape Deutschland: Welche Erkenntnisse hinsichtlich der neuen Therapien können aus den Daten der bng-Kohorte gezogen werden?

Dr. Buggisch: Was die neue Therapien betrifft, sind die Nebenwirkungen innerhalb der Kohorte eher mehr geworden. Stärkere Nebenwirkungen haben wir früher bei 65% der Patienten beobachtet, heute liegen wir da eher bei 75%. Die neuen Medikamente sind deutlich wirksamer, aber nicht nebenwirkungsärmer. Andererseits kann mit den neuen Therapien kürzer behandelt werden als mit den bisherigen medikamentösen Standardtherapien.

Aus der bng-Kohorte lässt sich auch ableiten, ob die richtigen Patienten mit den neuen Therapeutika behandelt werden. Es gab in Frankreich eine Kohorte, in der aus heutiger Sicht zu viele zu kranke Patienten behandelt wurden, was dann zu Problemen bei der Behandlung geführt hat. Bei der deutschen Kohorte ist der Anteil der sehr kranken Patienten eher gering, dadurch ist auch die Zahl der schweren Komplikationen gering.

Medscape Deutschland: Wenn Sie auf die vergangenen 10 Jahre zurückblicken, wie würden Sie den Wert der bng-Kohorte einordnen?

Dr. Buggisch: Die 10 Jahre haben doch schon einen elementaren Fortschritt in der Therapie gebracht. Wir haben viele neue Erkenntnisse gewonnen und dazu haben die Kohortenstudien einen wesentlichen Input beigesteuert.

Referenzen

Referenzen

  1. 10. HepNet Symposium, Hannover, 21. bis 22. Juni 2013
    http://www.deutsche-leberstiftung.de/symposium/10.-hepnet-symposium

Autoren und Interessenkonflikte

Axel Viola
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Buggisch P: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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