Allroundtalent Assistance-Arzt: Hilfe für Touristen in Not

Ute Eppinger | 30. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Ferienzeit ist Hochsaison für eine Gruppe von Ärzten, deren berufliche Tätigkeit selbst viele Kollegen kaum kennen. Assistance-Mediziner müssen Allroundtalente sein: Die Wunde eines Entwicklungshelfers im tropischen Regenwald managen, für eine schwangere Langzeitreisende einen Termin zur Vorsorgeuntersuchung organisieren, einen Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt mitten im Verkehrschaos von Neu Delhi telefonisch betreuen und beraten, ein Kind mit zerebraler Malaria von Nigeria nach Frankreich fliegen lassen oder für einen verunglückten deutschen Touristen auf einem Berg in Norwegen den Rücktransport organisieren. Gibt es einen Hubschrauber, eine Straße oder auch nur einen befahrbaren Weg? Fehlanzeige. Dann muss eben der Esel als Transportmittel herhalten.

 
„Man muss diese Herausforderung mögen, muss kreativ sein und die Tatsache lieben, dass immer wieder etwas Neues auf einen zukommt.“
 

So oder so ähnlich sieht das tägliche Brot eines Assistance-Mediziners aus. Er leistet medizinische Hilfe, wenn Touristen im Ausland verunglücken oder erkranken, aber auch bei jenen, die als Deutsche im Ausland arbeiten. Der Hilfesuchende setzt sich mit einem Assistance-Arzt (meist aus dem eigenen Sprach- bzw. Kulturkreis) in Verbindung, der medizinisch fachübergreifende Kenntnisse – hilfreich sind hier insbesondere Chirurgie, Innere Medizin, Psychiatrie, Kinderheilkunde und Notfallmedizin – besitzt und zudem mehrere Sprachen spricht.
Eine der wichtigsten Berufsvoraussetzungen ist  aber wohl auch gesunder Menschenverstand.

Worauf es im Falle eines medizinischen Problems im Ausland ankommt, erläutert Dr. Stefan Eßer, Assistance Mediziner beim International SOS und im Fachausschuss für Assistance Medizin bei der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin, in seinem kürzlich erschienenen Aufsatz: „Assistance-Medizin – Ein neues Fachgebiet in der Medizin“. Zusammen mit einigen Kollegen gibt er einen Einblick in ein noch wenig bekanntes Berufsbild [1].

Die Wurzeln dieses Berufsbildes lagen dabei gar nicht primär in der Medizin. Diejenigen, die in den 70er Jahren die ersten Assistenzen aufbauten, waren keine Ärzte. Sie waren vielmehr „street-wise“ und verfügten offenbar über jede Menge Organisations-Talent und Auslandserfahrung. Ein paar Abenteurer-Gene schaden sicher auch nicht: „Man muss diese Herausforderung mögen, muss kreativ sein und die Tatsache lieben, dass immer wieder etwas Neues auf einen zukommt“, umschreibt es ein erfahrener Assistance-Mediziner. Manchmal muss man dann eben auf einen Esel als einziges Transportmittel zurückgreifen.

Der Assistance Mediziner hat es nicht nur mit dem Kranken selbst zu tun, sondern mit stets wechselnden Bedingungen der Umgebung. Er kontaktiert auch die behandelnden Ärzte am Notfallort (Krankenhaus, Hotelzimmer, Campingplatz u.a.), macht sich so ein Bild über die Situation vor Ort und informiert dann seinerseits den Patienten oder dessen Angehörige in deren Muttersprache über das Ergebnis dieses Arztgesprächs. Manchmal muss der Assistance-Mediziner seinerseits einen Dolmetscher einschalten, um bei weniger gängigen Sprachen den Kontakt herzustellen.

Von A bis Z...

Das Aufgabengebiet des Assistance-Mediziners reicht vom einfachen therapeutischen Rat über Impfungen bis zur Rückholung mit einem Ambulanzflugzeug. Auch Ratschläge bei plötzlichen Epidemien im Reiseland oder bei Tropenkrankheiten gehören zu seinem Tätigkeitsgebiet. Oft muss er auch Befunde über Vorerkrankungen, Allergien, Medikationen etc. vom Hausarzt erfragen, diese dann übermitteln oder geeignete Ärzte vor Ort finden und den Kontakt zu ihnen herstellen. All diese Leistungen und eben auch jede Menge Organisationstalent umfasst das Spektrum der modernen Assistance-Medizin. Das Ausstellen der Kostenübernahmeerklärung für ein ausländisches Krankenhaus und den Versicherungsschutz mit der zuständigen Auslandskrankenversicherung zu klären, gehören ebenfalls zum Job.

Eßer und seine Kollegen definieren das Berufsbild so: „Zur klinischen Ausbildung mit Facharztkompetenz sollte die Fähigkeit und Kenntnis kommen, Kranke und Verletzte auf Reisen aus der Distanz über fernmündliche Kommunikation zu betreuen, Behandlungsmöglichkeiten vor Ort im Ausland zu prüfen, einen Abgleich mit dem medizinischen Standard im Heimatland durchzuführen und entsprechende therapeutische und logistische Maßnahmen einzuleiten.“

Die Telekommunikation ermöglicht es Assistance-Medizinern für Patienten in aller Welt eine medizinische Betreuung zu gewährleisten, auch wenn keine direkte körperliche oder klinische Behandlung stattfindet.

Zu den Leistungen eines Assistance-Mediziners gehören u.a.:

• die telefonische ärztliche Beratung,
• die Empfehlung von vor Ort geeigneten medizinischen Einrichtungen,
• die Verlegung in geeignete Krankenhäuser vor Ort,
• die Durchführung von Notfallevakuierungen sowie
• die Rückholung in die Heimat, wenn es medizinisch notwendig oder medizinisch sinnvoll ist.

Und nicht zu vergessen: Ein gut abgestimmtes Zusammenspiel von ärztlichen und nicht ärztlichen Berufsgruppen ist unentbehrlich. Im Idealfall kennt der Assistance-Mediziner selbst das Reiseland und dessen medizinische Standards und Möglichkeiten.

Wie wird man Assistance-Mediziner?

Die Qualifizierung der in der Assistance-Medizin beschäftigten Ärzte erfolgt bislang überwiegend durch praktische Erfahrung, also „on the job“ beziehungsweise im Rahmen von internen Bildungsmaßnahmen der großen Assistance-Unternehmen, schreibt Eßer. Der Fachausschuss Assistance-Medizin plant deshalb mittelfristig die Etablierung eines einheitlichen Curriculums analog beispielsweise zu dem der Reisemedizin.

Man brauche schon ein Händchen für unkonventionelle Lösungen, charakterisiert ein Assistance-Mediziner, der namentlich nicht genannt werden möchte, den eher ungewöhnlichen Beruf. Ohne Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen geht es nicht. Schon während des Medizinstudiums habe er sich sehr für Sprachen interessiert, lernte Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Französisch, Serbokroatisch und Türkisch kamen dazu. In der Zeit habe der Türkei-Tourismus gerade angefangen. Es sei damals sehr selten gewesen, dass ein deutscher Arzt türkisch sprach und in der Lage war, sich mit türkischen Ärzten in der Landessprache auszutauschen. Als er von einer Bekannten, die selbst Assistance-Medizinerin ist, angeworben wurde, habe er nicht lange gezögert.

Seit zehn Jahren ist dieser Assistance-Mediziner nun in Thailand tätig; spricht fließend thailändisch und chinesisch, und betreut dort Urlauber, die verunglücken oder erkranken. „Das können auch Franzosen sein, die im Saarland arbeiten oder Thailänder, die in Deutschland leben und arbeiten und praktisch auf Heimaturlaub sind.“

Seit rund 30 Jahren bieten private Reisekrankenversicherungen ihren Versicherten neben der finanziellen Absicherung auch medizinische Betreuung an. In Deutschland gehörte der ADAC mit zu den ersten Anbietern, inzwischen gibt es weitere wie z.B. die DRK Assistance oder International SOS. In den letzten Jahren haben sich hier private, internationale und weltweit operierende, ärztlich geführte Unternehmen mit einem großen Netzwerk von Assistance-Centern und Dienstleisternetzwerken besonders engagiert.

Assistance-Medizin wird in Deutschland quasi ausschließlich in privaten Einrichtungen betrieben. Diese arbeiten teilweise als Unterorganisation einer Versicherung, teilweise für andere Verbände oder vollkommen selbstständig und unabhängig. Ein Curriculum für die Fort- und Weiterbildung, wie es derzeit angestrebt wird, ist also mehr als überfällig.

Referenzen

Referenzen

  1. Eßer S, et al: Flug u Reisemed. 2013;20(2):96-100
    http://dx.doi.org/10.1055/s-0033-1347129

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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