Neue S3-Leitlinie kolorektales Karzinom: regelmäßige Früherkennung und häufiger neoadjuvante Therapie

Axel Viola | 29. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Die bisherige S3-Leitlinie zur Diagnose und Therapie von Patienten mit kolorektalem Karzinom stammt aus dem Jahr 2007. Nach 5 Jahren war es Zeit für eine Revision: Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) hat nun eine aktualisierte Version der S3-Leitlinie publiziert [1].

„Wir haben seit der letzten Version der Leitlinien aus dem Jahr 2007 erhebliche Fortschritte gemacht“, begründet Prof. Dr. Wolff Schmiegel, Direktor der Medizinischen Universitätsklinik am Knappschaftskrankenhaus der Ruhr-Universität Bochum, warum eine Neufassung notwendig wurde. Überarbeitet wurden die Kapitel über Diagnostik, Prävention, zu Risikogruppen, zum Screening und zu Therapie sowie Nachsorge, ergänzt wurden Informationen zu genetischen Faktoren der Darmkrebserkrankungen [2].

Die Vorsorge sollte nicht vernachlässigt werden

Standardtherapie bleibt beim kolorektalem Karzinom auch in den neuen Leitlinien die Operation – ergänzt um neoadjuvante Therapien. Die operative Vorgehensweise hat sich jedoch gewandelt: Immer mehr Eingriffe werden minimal-invasiv vorgenommen. Bei versierten Operateuren werden mit dieser eher schonenderen Vorgehensweise ähnliche gute Ergebnisse erzielt wie bei einer offenen Operation.

Befindet sich der Patient schon in einem fortgeschrittenen Stadium, wird die Operation durch eine Chemotherapie ergänzt. Diese adjuvante Therapie erhöhe zwar die Heilungschancen, sagt Leitlinienkoordinator Dr. Christian Pox von der Medizinischen Universitätsklinik Bochum, aber eine Garantie sei damit nicht verbunden. Deshalb lautet der dringende Rat von Schmiegel und Pox, „an den Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen“.

Wie der Bund Deutscher Internisten auf seiner Internetseite informiert, hat „jeder gesetzlich Versicherte Anspruch auf mindestens 2 Darmspiegelungen“ [3]. Die Kosten einer Koloskopie werden ab dem 56. Lebensjahr von den Krankenkassen übernommen, bei unauffälligem Befund ist eine Nachfolgeuntersuchung auf Kosten der Kassen frühestens 10 Jahre danach möglich. Ab dem 50. Lebensjahr bis einschließlich zum 55. Lebensjahres haben Kassenpatienten Anspruch auf die Durchführung eines fäkalen Okkultblut-Tests einmal pro Jahr. Sollte der Befund positiv sein, wird eine vollständige Untersuchung des Darms empfohlen.

Die präoperative Radiochemotherapie hat sich bewährt

Die Leitlinie sieht einen Beginn der Vorsorge ab einem Alter von 50 Jahren vor. Bevorzugte Methode sei die Koloskopie. Der Vorteil der Darmspiegelung bestehe darin, dass der Arzt dabei entdeckte Polypen direkt abtragen und so der Krebsentstehung vorsorglich entgegenwirken könne. Stuhluntersuchungen seien eine Alternative, wobei neue immunologische Tests den Standardtest ergänzen.

Neben dem adjuvanten therapeutischen Vorgehen (Operation gefolgt von einer Chemotherapie) bei Patienten mit fortgeschrittenem Rektumkarzinom habe sich die präoperative Radiochemotherapie bewährt, teilt die DGVS mit: Um das Ziel der Operation besser zu erreichen oder eine Operation überhaupt erst möglich zu machen, erhalten die entsprechenden Patienten immer häufiger eine Bestrahlung und Chemotherapie vor dem Eingriff. „Der Effekt ist eine deutliche Verkleinerung des Tumors, so dass wir häufig das Ausmaß der Operation einschränken können“, erläuterte Schmiegel, der die Gruppe, die mit der Erstellung der Leitlinie befasst war, leitet. Für die betroffenen Patienten verbessere sich so die Wahrscheinlichkeit, ohne einen künstlichen Darmausgang auszukommen.

HPNCC: Jährliche Vorsorge bereits ab dem 25. Lebensjahr

Ein besonderes Augenmerk legt die neue S3-Leitlinie auf erbliche Darmkrebserkrankungen, wie z.B. das Hereditäre nicht-Polyposis-assoziierte kolorektale Karzinom (HPNCC). „Für diese Gruppe sollte die Vorsorge schon deutlich früher beginnen, in der Regel mit 25 Jahren“, sagt Schmiegel, „hierzu sind in der Leitlinie klare Empfehlungen und Diagramme enthalten, die ein standardisiertes Vorgehen ermöglichen.“

Beim HPNCC etwa wird ab dem 25. Lebensjahr eine jährliche körperliche Untersuchung und im Jahresrhythmus eine Koloskopie empfohlen, bei Frauen zusätzlich – ebenfalls einmal pro Jahr – eine gynäkologische Untersuchung einschließlich einer transvaginalen Sonografie. Ab dem 35. Lebensjahr werden die bis dahin empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen um eine regelmäßige Ösophagogastroduodenoskopie ergänzt, und bei Frauen gehöre darüber hinaus im jährlichen Abstand eine Endometriumbiopsie dazu.

Darmkrebs ist in Deutschland die häufigste Ursache für bösartige Tumorerkrankungen. Zwar werden inzwischen die meisten Patienten mit Krebs im Kolon oder im Rektum gerettet, doch sterben jährlich immer noch 27.000 Patienten an diesen Karzinomen – bei mehr als 73.000 Neuerkrankungen pro Jahr.

Referenzen

Referenzen

  1. Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom, Langversion 1.0, AWMF Registrierungsnummer: 021-007OL
    http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Leitlinien.7.0.html
  2. Pressemitteilung der AWMF vom 10. Juli 2013
    http://idw-online.de/de/news542792
  3. BDI: Darmkrebs – Vorsorge und Schutz; abgerufen am 14.7.2013
    http://www.internisten-im-netz.de/de_darmkrebs-vorsorge-schutz_94.html

Autoren und Interessenkonflikte

Axel Viola
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schmiegel W, Pox C: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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