Überlebens-Chancen beim Melanom: Frauen sind eindeutig im Vorteil

Andrea S. Klahre | 25. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Hamburg – Blass is beautiful: Zwei Berufsgruppen haben diesbezüglich mit Sicherheit keine Zweifel – die Dermatologen und die Dermato-Onkologen. Das machte der 8th World Congress of Melanoma in Hamburg überdeutlich, wo sich namhafte Wissenschaftler aus 27 Nationen getroffen haben, um die neuesten Entwicklungen und Trends zu den wichtigsten Krebserkrankungen der Haut zu diskutieren [1].

 
„Rund 90% aller Hautkrebs-Diagnosen bei über 45-Jährigen können mit der UV-Exposition in Zusammenhang gebracht werden.“
Dr. Freddie Bray
 

Denn ob malignes Melanom (MM) oder die nicht-melanozytären Hauttumoren (NMSC) Basalzellkarzinom (BCC) und spinozelluläres Karzinom – all diese noch vor 2 Dekaden eher seltenen Tumorentitäten gehören heute zusammengenommen weltweit zu den häufigsten Tumoren unter der weißen Bevölkerung.

„Australien hat global die höchste Inzidenzrate von Hautkrebs, gefolgt von Neuseeland und einigen Staaten in den USA, beispielsweise New Mexico, Los Angeles und South Carolina. Die nicht-melanozytären Tumoren sind die jeweils am häufigsten diagnostizierten Arten, und deren Inzidenz steigt nach wie vor konstant“, sagte Dr. Freddie Bray, Forscher an der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon [2].

Allerdings, so schränkte Bray gleichzeitig ein, sind exakte Zahlen für Patienten mit BCC oder SCC aufgrund inkompletter oder fehlender Erfassung in den nationalen Krebsregistern unklar. Zuverlässig seien nur die Schätzungen für das maligne Melanom, da diese Patienten erfasst werden.

317.000 Melanom-Neuerkrankungen pro Jahr bis 2025

„Die Sektion für Krebsforschung der WHO gibt aktuell für das Melanom eine weltweite Steigerung um jährlich 1 bis 5 Prozent an, vorausgesetzt, die primären Präventionsstrategien zur Risikominimierung greifen nicht“, so Bray. Das heißt: Von rund 200.000 Neuerkrankungen/Jahr im Jahr 2008 – davon 88.500 (49%) in Europa – wird die Zahl bis 2025 auf mindestens 317.000 Neuerkrankungen/Jahr steigen.

In Deutschland erkranken jährlich ca. 28.000 Menschen neu an einem Melanom, das Robert Koch-Institut prognostiziert für 2013 bei ca. 137.000 Patienten ein BCC und bei ca. 70.000 ein SCC.

„Die wichtigsten Risikogruppen sind die jetzt jüngeren Generationen in europäischen Hochrisikoländern, also die 25- bis 44-Jährigen z. B. in Frankreich, UK, England und Wales, Dänemark, Tschechien und besonders Norwegen – und unabhängig von der geographischen Lokalisation die geburtenstarken Jahrgänge und die über 65-Jährigen“, so Bray. Verantwortlich dafür sei einerseits die Kindheit als kritisches Zeitfenster und andererseits die lange Latenzzeit von zum Teil 30 Jahren: „Rund 90% aller Hautkrebs-Diagnosen bei über 45-Jährigen können mit der UV-Exposition in Zusammenhang gebracht werden.“

Das gilt für alle Spektren des UV-Lichts. Seit der Erkenntnis, dass auch UV-Strahlung aus Solarien karzinogen ist, richtet sich der Fokus für direkte DNA-Schäden auf UVB (280-320 nm) und UVA (320-400 nm). UVA sorgt zusätzlich für die vorzeitige Alterung der Haut. Zusammen mit den weiteren Risikofaktoren

- multiple Sonnenbrände (v. a. zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr),
- Gesamtzahl an Pigmentmalen (melanozytäre Naevi, Sommersprossen, Lentigines),
- Phänotyp (Hauttyp I/II; Haarfarbe rot/blond, Augenfarbe blau/grün/grau),
- Genotyp und
- indirekt zudem ein niedriges Bildungsniveau

ergeben sich laut Dr. Catherine Olsen vom Queensland Institute of Medical Research gute Hinweise für die individuelle Identifizierung eines erhöhten Risikos. „Mehr als die Hälfte aller Melanome entsteht auf vorher nicht auffallend veränderter Haut, bei den anderen Betroffenen nimmt die Erkrankung von einem bereits bestehenden Naevus ihren Ausgang“, so Olsen.

Die genetische Anfälligkeit sei vor allem durch mindestens 2 Melanom-Erkrankungen bei Verwandten 1. Grades definiert. Hier spielen Mutationen der Hochrisikogene CDKN2A (cyclin dependent kinase inhibitor 2A) und CDK4 (cyclin dependent kinase 4) die entscheidende Rolle.

Hohes 5-Jahresüberleben

Doch so markant die Inzidenzen auch sind, so beeindruckend sind inzwischen die Überlebensdaten: Das 5-Jahresüberleben beim Melanom liegt laut Nora Eisermann, Institut für Krebsepidemiologie an der Universität zu Lübeck, weltweit zwischen 50% in Asien, 83% in Europa und 91-93% in den USA bzw. Australien. Unbeantwortet blieb die Frage nach regionalen Trends, da das relative Überleben abhängig ist von Faktoren wie Tumordicke (nach Breslow), Beteiligung von Lymphknoten, Fernmetastasen, Alter, Histologie und die der Sonne am häufigsten ausgesetzten Körperregionen (v. a. Arme, Kopf und Nacken, Rumpf, Beine).

 
„Frauen überleben einen Hautkrebs häufiger als Männer, das gilt für den europäischen Ländervergleich ebenso wie für den deutschen.“
Nora Eisermann
 

Nicht unbeantwortet blieb die Frage nach der Rolle des Geschlechts: „Frauen überleben einen Hautkrebs häufiger als Männer, das gilt für den europäischen Ländervergleich ebenso wie für den deutschen“, konstatierte Eisermann und stellte neue Daten vor, wonach der Unterschied europaweit bei 87% vs. 77% liegt und damit die Situation in einigen Bundesländern gut widerspiegelt – im Osten gilt dies für Sachsen (92,5 vs. 82,8%), Brandenburg, (89,1 vs. 78,0%) und Mecklenburg-Vorpommern (94,5 vs. 83,7), im Westen für Bremen (97,0 vs. 85,7%), NRW (92,8 vs. 83,9) und das Saarland (95,4 vs. 86,0).

„Die naheliegende Erklärung ist ein per se bewussteres Gesundheitsverhalten der Frauen. Sie nehmen sehr viel öfter als Männer Früherkennungsuntersuchungen wahr bzw. achten selbst stärker auf Hautveränderungen, so dass Tumoren häufiger in frühen Stadien erkannt werden“, ergänzte Dr. Arjen Joosse, Department of Public Health am Erasmus University Medical Center in Rotterdam. Doch: „Das ist zwar richtig, aber nicht das Ende der Geschichte“, sagte er und zeigte anhand von 7 zwischen 2008 und 2013 publizierten internationalen Studien mit rund 134.000 Teilnehmern, dass der Genderaspekt noch andere Effekte hat.

Geschlecht ist unabhängiger Prädiktor

„Plus minus 30% Überlebensvorteil der Frauen bezogen auf das BCC und SCC, selbst bei fortgeschrittener metastasierter Erkrankung sind es noch um 20% – und das nicht nur in Europa“, betonte der Forscher. Für eine soeben im Journal of Clinical Oncology veröffentlichte EORTC (European Organisation for Research and Treatment of Cancer)-Studie zu Progression und Überleben bei Patienten mit fortgeschrittenem metastasierenden Melanom (Stadium 3-4), haben Joosse und Kollegen deshalb die Frage untersucht, ob das Verhalten und damit assoziierte Tumorcharakteristika wie Breslow-Index, Stadium oder Lokalisation den Unterschied erklären können [2].

Analysiert wurden die Daten aus 5 randomisierten Studien – 3 adjuvante Phase-3- und 2 Phase-4-Studien – der EORTC Melanoma Group, die Ergebnisse wurden mit der publizierten Literatur verglichen. Fazit: Das Geschlecht ist ein sowohl von Verhaltensweisen als auch von Genmutationen (z. B. BRAF, NRAS) unabhängiger Prädiktor. Es muss genderspezifische biologische Mechanismen des Tumors geben, die eine Progression maligner Melanome und damit die Prognose beeinflussen.

„Wir wissen, dass wir nichts Genaues wissen“, schloss Joosse, hielt es aber für sinnvoll, verschiedene Parameter im Blick zu haben, die in der Melanom-Diskussion von Bedeutung sind: die freien Radikale, der Immun- und Vitamin-D-Status, Adipositas, die postmenopausalen hormonellen Veränderungen und schließlich das Gen MMP-2 (Matrix-Metalloproteinase 2) das eine fundamentale Rolle bei der Tumorinvasion und -metastasierung spielt – vermutlich insbesondere bei Männern.

Referenzen

Referenzen

  1. 8th  World Congress of Melanoma, 17. bis 20. Juli, Hamburg.
  2. [Ebda. Workshop 15: Epidemiology of melanoma. 18. Juli 2013
  3. Joosse A, et al: J Clin Oncol. 2013; 31(18): 2337-2346.
    OI:10.1200/JCO.2012.44.5031
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23690423

Autoren und Interessenkonflikte

Andrea S. Klahre
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Bray F, Olsen C, Eisermann N, Joosse A: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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