Transparenz entscheidet: Wie vertrauenswürdig sind Medizininhalte im Netz?

Christian Beneker | 18. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

 

Raimund Dehmlow
 

Welche medizinischen Informationen im Internet sind vertrauenswürdig? Und woran erkennt man das? Medscape Deutschland fragte Raimund Dehmlow, 1. Vorsitzender des Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem (afgis) e.V. und bei der Ärztekammer Niedersachsen zuständig für die Online-Redaktion. Das Aktionsforum hat ein Prüfverfahren (nicht nur) für medizinische Informationsangebote im Internet entwickelt. „Es beruht darauf, dass Anbieter Zusatzinformationen über sich und ihr Angebot an Gesundheitsinformationen zur Verfügung stellen“, heißt es auf der afgis-Homepage www.afgis.de. Diese Informationen werden anhand von 10 Kriterien geprüft und in einer anbieterunabhängigen Datenbank hinterlegt. 

Medscape Deutschland: Das Web quillt über von medizinischen Informationsangeboten. Wie viele medizinische Websites gibt es eigentlich?

Raimund Dehmlow: Das weiß ich nicht. Die Anzahl ist jedenfalls riesig. Die Grenzen zwischen Wellness, Gesundheitsinformationen und ausgesprochenen Fachinformationen sind ja auch fließend. Die Health on the Net Foundation – eine  Schweizer Nicht-Regierungs-Organisation, die sich um vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen bemüht – unterscheidet bei ihrem Qualitätsprüfungsverfahren für Websites auch nicht, ob ein Laie oder ein Fachmann die Information gibt, wichtigstes Kriterium für die Beurteilung ist vielmehr die Frage: Ist ersichtlich, wer die Informationen gibt? Welche Qualifikation hat die jeweilige Person? Das ist ein ganz vernünftiger Ansatz, finde ich. Er bestärkt sicher Menschen, ihre Erfahrungen zu publizieren.

Medscape Deutschland: Da wird aber bei den Usern eine große Medienreife vorausgesetzt.

Raimund Dehmlow: Das stimmt. Heute kann jeder Leser potentiell auch Autor sein. Früher war er in der Regel nur Rezipient. Heute kann jedermann Texte im Web publizieren, ohne darauf Rücksicht nehmen zu müssen, seine Aussagen zu belegen oder seine Informanten zu schützen. Das sind ja Aspekte, über die sich ein Laie zunächst keine Gedanken macht. Wir sind als afgis ganz einverstanden mit dem Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, einer Organisation, die sich der Suche nach dem jeweils besten empirischen Nutzen von medizinischen Entscheidungen widmet. Das EbM-Netzwerk will, dass der Produzent einer Fachinformation sich selbst für die Richtigkeit der medizinischen Informationen verbürgt. Dann kann sich zum Beispiel das afgis darauf konzentrieren, das Qualitätsprüfungsverfahren zu ermitteln.

Medscape Deutschland: Wie kann man seriöse Information erkennen?

Raimund Dehmlow: Seriöse Information erkennt man daran, dass Autoren- und Quellenangaben enthalten sind, die auch nachvollziehbar sind. Diese Angaben fehlen leider auch oft auf Ärzte-Homepages. Da wird häufig doch nach dem Motto verfahren: Wenn der Arzt eine Information gibt, dann ist sie auch richtig. Dabei wäre es ein Leichtes, auf ein Fachbuch oder einen Zeitschriftenaufsatz, der auch noch in einer öffentlichen Bibliothek zur Verfügung steht, zu verweisen.

Medscape Deutschland: Das afgis hat eine Kriterienliste aufgestellt [1] ...

Raimund Dehmlow: Ja, wir haben eine Liste mit 10 Qualitätskriterien geschaffen: 10 Regeln der Partnerschaft für soziale Netzwerke. Im Großen und Ganzen setzen wir auf den Grundgedanken der Transparenz. Wer sie bietet, bekommt von uns zum Abschluss unseres Prüfverfahrens einen Button. Transparenz ist das wesentliche Qualitätsmerkmal, das auch von Anbietern von Gesundheitsinformationen im Web bejaht wird: Wer steckt hinter der Information? Wie aktuell ist sie? Welche Quellen wurden benutzt? Wie wird das Angebot finanziert? Da verrät der Autor der betreffenden Information ja nichts Sensationelles, es sei denn, er hat etwas zu verbergen. Dann stellt er Transparenz natürlich nicht so gerne her.

Medscape Deutschland: Interessiert es die Leser überhaupt, ob da ein Button auf einer Website für Seriosität bürgt oder nicht?

Raimund Dehmlow: Siegel und Buttons werden geschätzt, aber sie werden von den Usern tatsächlich als verzichtbar angesehen. Aus meiner Sicht ist ein Button wie eine Hilfe, die grobe Orientierung ermöglicht. Es macht bei der Unmenge an Websites sicher keinen Sinn, Buttons massenhaft vergeben zu wollen. Sie sind vor allem für große Angebote, die Hunderte von Seiten umfassen, relevant. Übrigens auch für die großen öffentlich-rechtlichen Einrichtungen, deren Angebot ja nicht per se transparent, barrierefrei, benutzerfreundlich und verständlich ist.

Medscape Deutschland: Wie sicher sind medizinische Apps?

Raimund Dehmlow: Das ist eine ganz schwierige Frage. Denn die Qualitätssicherungsverfahren, wie wir sie aus anderen Bereichen kennen, greifen bei Apps nicht. Das betrifft schon die Frage, worum es sich bei einer App eigentlich handelt – um eine Wellness-App? Eine Gesundheits-App oder eine medizinische App? Wurden sie überhaupt geprüft? In der Regel nicht! Trotzdem sind Tausende von medizinischen Apps auf dem Markt.

Man müsste zunächst einmal ein fact sheet schaffen, also eine Beschreibung dessen, was der Hersteller einer App eigentlich als Grundlage einer Beurteilung liefern sollte. Zum Beispiel Name, Art, Anwendungsbereich, Nutzen, durchgeführte Studien, bekannte und behobene Störungen et cetera. Auf Basis dieser Angaben könnte man die Apps dann beurteilen. Aber hier stehen wir noch ganz am Anfang.

Medscape Deutschland: Gibt es die Chance, dass sich die große Zahl der Prüfbuttons auf einige wenige verlässliche reduziert? Wird es einmal so etwas geben, wie die Stiftung Warentest für medizinische Apps und medizinische Websites?

Raimund Dehmlow: Ich glaube nicht. Es wird eher genau umgekehrt laufen, glaube ich. Die einzelnen medizinischen Fachgebiete fächern sich immer weiter auf und die Kenntnisse werden immer spezifischer. Darum wird es wohl eher ganz spezielle Qualitäts-Buttons geben, zum Beispiel für Webangebote, die sich mit bestimmten Erkrankungen beschäftigen wie Diabetes oder Krebs.

Medscape Deutschland: Leidet bei all den Web-Informationen, mit denen ein Patient ins Sprechzimmer oder die Klinik kommt, nicht das klassische Arzt-Patienten-Gespräch?

Raimund Dehmlow: Letzte Untersuchungen zeigen, dass eher das Gegenteil der Fall ist: Immer mehr Ärzte sind bemüht, Patienten auf sinnvolle Internetangebote hinzuweisen oder solche auf den eigenen Praxis-Homepages zu geben. Und auf der anderen Seite kommen Patienten öfter mit Infos aus dem Internet in die Begegnung mit dem Arzt. Der Gesprächskontakt wird dadurch offenbar intensiver und Arzt und Patient sprechen länger miteinander.

Referenzen

Referenzen

  1. 10 Regeln der Partnerschaft für soziale Netzwerke
    http://www.afgis.de/standards/10-regeln-der-partnerschaft-fuer-soziale-netzwerke

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dehmlow R: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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