Eisensubstitution in der Schwangerschaft: Eindeutig positiv fürs Neugeborene

Ute Eppinger | 15. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Eisensubstitution in der Schwangerschaft kommt direkt den Neugeborenen zugute. Die nämlich legen an Gewicht zu. Das bestätigen jetzt die Ergebnisse von Dr. Batool Haider, Department of Epidemiology and Nutrition der Harvard School of Public Health in Boston, USA, und Kollegen in einer im British Medical Journal publizierten Metaanalyse. Hintergrund der großangelegten Studie war die inkonsistente Datenlage, nach der ein positiver Effekt der vorgeburtlichen Gabe von Eisen bislang unklar war. Nun ist klar: Dies kann direkt das Risiko für Untergewicht reduzieren. Sollte also generell, auch in Deutschland, mehr substituiert werden?

 
„Zu beachten ist aber, dass es in Deutschland in einer Größenordnung von vielleicht 20% Schwangere gibt, die supplementiert werden sollten.“
Prof. Dr. Hans Hauner
 

„Die Studie ist in hohem Maße relevant. Der Eisenmangel in der Schwangerschaft ist auch in Deutschland eines der ganz großen Probleme“, erklärt Dr. Wolf Kirschner, Leiter der Abteilung Evaluation und Forschungsplanung der FB+E GmbH Forschung, Beratung und Evaluation, Berlin, auf Nachfrage von Medscape Deutschland und verweist auf Daten einer eigenen Studie [2].

Laut Kirschner liegt eine Anämie in der Schwangerschaft dann vor, wenn der Hämoglobinwert (Hb-Wert) im 1. und 3. Trimenon <11 g/dl und im zweiten <10,5 g/dl beträgt. Der (zunächst) über das Serum-Ferritin zu bestimmende Eisenmangel zeigt bei Werten <30 µg/l insuffiziente und bei Werten <12 µg/l entleerte Eisenspeicher an.

„Diese interessante Analyse gibt Anlass zur Diskussion. Zu bedenken ist aber, dass die Mehrzahl der dort berücksichtigten Studien aus Ländern stammt, in denen Eisenmangel ein deutlich größeres Problem als in Deutschland darstellt“, kommentiert hingegen Prof. Dr. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München, die Ergebnisse. Und er fügt hinzu: „Daraus so allgemeine Empfehlungen abzuleiten wie hier geschehen, ist aus verschiedenen Gründen zumindest für die deutsche Situation nicht unbedingt zulässig.“

Neugeborene profitieren klar von der Eisensubstitution ihrer Mutter

Weltweit ist Eisenmangel die häufigste Mangelerkrankung, vor allem in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen. Im Jahr 2011 waren geschätzt 32 Millionen schwangere Frauen von Eisenmangel betroffen. Haider und sein Team hatten 48 randomisierte kontrollierte Studien (randomized controlled trials, RCT) mit 17.793 Schwangeren und 44 Kohortenstudien mit 1,8 Millionen Schwangeren ausgewertet.

Eindeutig waren die Ergebnisse zur Anämie: Die Substitution steigerte die Hämoglobinkonzentration im Mittel um 4,59 g/l (95% Konfidenzintervall KI 3,72-5,46). Die Zahl der Eisenmangelanämien ging um 60% zurück. Vor allem die Kinder profitierten von der Eisensubstitution ihrer Mütter: In den Studien stieg das Geburtsgewicht im Durchschnitt um 41,2 g an und die Zahl der Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht ging um 19% zurück (relatives Risiko rR: 0,81, 0,71-0,93) In der Auswertung der RCTs ließ sich ein Trend für einen Rückgang der Frühgeburten beobachten (16%, rR 0,84, 0,68-1,03), allerdings war dieser Rückgang nicht signifikant.

Lag im 1. oder 2. Schwangerschaftstrimester eine Anämie vor, wies die Analyse der Kohortenstudien ein signifikant erhöhtes Risiko für niedrigeres Geburtsgewicht und Frühgeburten auf. Die Ergebnisse zeigen, dass für jede 10 mg Erhöhung der Eisendosis pro Tag (bis zu 66 mg pro Tag) das Risiko für eine maternale Anämie um 12% gesenkt wurde, das Geburtsgewicht um 15 g anstieg und das Risiko für ein geringes Geburtsgewicht um 3% gesenkt wurde. Keine Unterschiede zeigten sich hinsichtlich der Dauer der Eisensubstitution, nachdem die Dosis festgelegt worden war.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Eisensubstitution während der Schwangerschaft als präventive Strategie taugen könnte, um den maternalen hämatologischen Status und das Geburtsgewicht zu verbessern“, sagen die Autoren. Sie fordern die rigorose Evaluierung der Effektivität von existierenden pränatalen Vorsorge-Programmen in den Ländern, in denen viele Frauen an Eisenmangel leiden, um Lücken in der Politik und Programm-Implementierung zu identifizieren.

Sie fügen hinzu, dass brauchbare Strategien der Eisensubstitution erforscht werden sollten, genau so wie die Effektivität anderer Strategien wie (Eisen)-Anreicherung und erhöhte Nahrungsvielfalt.

Eisenmangel nicht nur über Hb-Wert definieren

Der Wert der Analyse von Haider werde höchstens dadurch eingeschränkt, dass alle herangezogenen Studien den Eisenmangel lediglich über den Hb-Wert definierten, gibt Kirschner zu bedenken. „Die Zufuhrempfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Eisen in der Schwangerschaft sind 30 mg, gegenüber 15 mg vor der Schwangerschaft. Dies erreicht praktisch keine Schwangere durch die übliche Ernährung“, erklärt der Gesundheitsforscher.

Leider bleibe durch die bloße Messung des Hb-Wertes die größte Zahl von Schwangeren mit Eisenmangel – gemessen über das Serum-Ferritin – unerkannt. „Wie die Studie eindrücklich zeigt, sind damit erhebliche Risiken verbunden“, stellt Kirschner fest, dessen Team gerade an einer Studie zu Eisenmangel in der Schwangerschaft arbeitet: Die Ergebnisse dieser Studie werden für Herbst dieses Jahres erwartet.

Dass die hierzulande empfohlene Eisenzufuhr in der Schwangerschaft über Lebensmittel fast nicht zu schaffen ist, stellt auch Hauner klar. Er meint allerdings, dass Frauen nicht zuletzt für den Fall einer Schwangerschaft meist ausreichend große Eisenspeicher aufweisen, die in der Regel den Mehrbedarf sicherstellen. „Zu beachten ist aber, dass es in Deutschland in einer Größenordnung von vielleicht 20% Schwangere gibt, die supplementiert werden sollten.“ Bei diesen Frauen werde der Eisenmangel meist am Hb-Wert festgemacht. Allerdings achteten Frauenärzte oft zu wenig darauf.

„Aus der Metaanalyse kann meines Erachtens nicht klar abgeleitet werden, dass Frauen in Deutschland von einer generellen Eisensubstitution in der genannten Größenordnung profitieren würden und ob tatsächlich so hohe Mengen sinnvoll sind“, stellt Hauner klar. Die Studienlage sei dünn. Eisenmangel in Deutschland sei jedoch leicht und kostengünstig zu verhüten, erfordere jedoch eine präventiv ausgerichtete Gesundheitspolitik, an der es in Deutschland mangele. „Diese muss konzeptionell auf aktuelle, sichere und repräsentative epidemiologische Daten gründen, die ebenfalls nicht oder nur rudimentär vorliegen“, schließt Kirschner.

Referenzen

Referenzen

  1. Haider B, et al: BMJ (online) 20. Juni 2013
    http://dx.doi.org/10.1136/bmj.f3443
  2. Kirschner W, et al: Der Gynäkologe. 2011; 44:759–766
    http://dx.doi.org/10.1007/s00129-011-2841-4

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Die Nutrition Impact Model Study wurde von der Bill and Melinda Gates Foundation gefördert. Alle Studienautoren haben erklärt, dass weder Interessenkonflikte vorliegen, noch dass finanzielle Unterstützung von Firmen vorliegen, die ein Interesse an den Studienergebnissen haben könnten.

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