Cannabis – Was denn nun, Dopingmittel oder nicht?

Ute Eppinger | 11. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat den Grenzwert für den „erlaubten“ Cannabis-Konsum erheblich angehoben. Künftig ist erst bei 150 Nanogramm pro Milliliter Urin Schluss – das ist eine Verzehnfachung des bisher geltenden Richtwerts für den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC). Die WADA will damit dem Umstand gerecht werden, dass der Konsum von Cannabis außerhalb von sportlichen Wettbewerben nicht in allen Ländern verboten ist. Gleichzeitig soll die neue Regelung aber sicherstellen, dass sich Athleten nicht gezielt für den Wettkampf mit Cannabis dopen.

 
„Ein Athlet kann sich mit Cannabis bewusst die Angst nehmen, deshalb ist es bei Risikosportarten wie Snowboarding sehr beliebt.“
Prof. Dr. Wilhelm Schänzer
 

Cannabis – Dopingmittel oder nicht? Es kann beides sein, je nachdem wie es eingesetzt wird, erklären Dr. Mateus M. Bergamaschi, Abteilung für Neurowissenschaften und Verhalten an der Ribeirão Preto Medical School der Universität Sao Paulo in Brasilien, und Kollegen in einem Kommentar zur WADA-Entscheidung [1]. In den USA, so Bergamaschi, konsumieren 17,4 Millionen Menschen Cannabis, 6,9 Millionen davon nutzen die Droge täglich oder nahezu täglich. Damit ist Cannabis in den USA die meist benutzte illegale Droge.

Cannabiskonsum im Wettkampf wird als Dopingverstoß geahndet. Wie Bergamaschi erklärt, kann das Rauchen von Cannabis vor allem bei Risiko-Sportarten unterstützend wirken, denn es verbessert die Muskelentspannung und reduziert Ängste – was die Risikobereitschaft erhöhen und so zu einer Leistungsverbesserung führen kann. Was wiederum Doping gleich kommt.

„Ein Athlet kann sich mit Cannabis bewusst die Angst nehmen, deshalb ist es bei Risikosportarten wie Snowboarding sehr beliebt“, bestätigt Prof. Dr. Wilhelm Schänzer, Dopinganalytiker und Leiter des Biochemischen Instituts der Sporthochschule Köln im Gespräch mit Medscape Deutschland. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) führt den Stoff auf seiner Dopingliste, seit bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano Snowboarder Roll Rebagliati mit Marihuana im Körper die Goldmedaille gewann.

Nicht leistungssteigernd, aber angstlösend

Es werde zwar von keiner leistungssteigernden Wirkung ausgegangen, erklärt Schänzer, doch neben erhöhter Risikobereitschaft beruhigt und entspannt es. Was vor allem dann von Vorteil sein kann, wenn ein Athlet viele Wettkämpfe in einem kurzen Zeitraum bewältigen muss. Doch wie sieht es in Trainingsphasen oder zur Entspannung aus? Ist Cannabisrauchen dann ein Dopingvergehen? Immer wieder hatten einzelne Sportvereine gefordert, die Substanz von der Verbotsliste zu nehmen. Beim Internationalen Leichtathletikverband IAAF etwa gehört Cannabis nicht zu den verbotenen Substanzen.

„Angesichts seiner positiven Effekte kann angenommen werden, dass Cannabis ein Dopingmittel ist, das eine Entspannung des Geistes bewirkt und die Regeneration verbessert“, schreibt Bergamaschi. Potenzielle oder aktuelle Gesundheitsrisiken seien zwar noch ungeklärt, vermutlich aber würden CB1-Rezeptoren herunterreguliert, Exekutivfunktionen beeinflusst und motorische Beeinträchtigungen verursacht, die nur nach wochenlanger Abstinenz reversibel sind, zählt Bergamaschi auf. Der bislang gültige Grenzwert lag bei 15 ng/mL im Urin. Dopingverdächtig war damit auch ein Athlet, der vielleicht Tage vor dem Wettkampf mal ein wenig Cannabis geraucht hatte – ohne den Vorsatz, sich damit Wettkampfvorteile zu erschleichen.

Schutz vor falsch-positiven Analyseergebnissen
Strittig war deshalb die Frage, wann ein Befund als positiv zu bewerten ist, da Cannabis noch Wochen nach der Einnahme im Blut nachweisbar ist. Im Zuge der Einführung von Drogenkontrollen im Straßenverkehr zeigte sich: Die kritische Marke von 15 ng ist auch durch den Verzehr von Hanföl, beispielsweise am Salat, oder durch Passiv-Rauchen zu erreichen. „Durch die Anhebung der Grenzwerte können Wettbewerbsbefunde jetzt viel besser bewertet werden“, erklärt Schänzer. „Die Grenzwerte höher zu setzen ist sinnvoll. Wenn jetzt bei einem Athleten Werte von über 150 Nanogramm gefunden werden, dann kann man davon ausgehen, dass derjenige sich Wettbewerbsvorteile verschaffen wollte“, erklärt Schänzer. Gleichzeitig schütze man so Athleten, die aus welchen Gründen auch immer mal einen Joint geraucht hätten, aber keinen Dopingvorsatz hatten.

Und auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) freut sich, dass die neue Regelung der WADA jetzt mehr Klarheit schaffe. Christian Klaue, Sprecher des DOSB-Bundesverbandes stellt gegenüber Medscape Deutschland klar: „Die Anhebung des Grenzwertes ist ganz in unserem Sinne. Cannabis wird auf der WADA-Verbotsliste als spezifische Substanz, deren Verwendung im Wettkampf verboten ist, geführt. Durch die Anhebung des Grenzwertes kann es besser gelingen, den Konsum für den Zeitraum eines Wettkampfes und die damit verbundene Leistungsbeeinflussung nachzuweisen. Durch den erhöhten Grenzwert wird vermieden, dass Cannabiskonsum in Trainingsphasen als falsch positive Analyseergebnisse des Wettkampfzeitraumes von den Laboren rapportiert werden.“

Es sei unwahrscheinlich, dass Athleten chronische Cannabis-Konsumenten seien, macht Bergamaschi deutlich, schließlich zöge chronischer Konsum Inkonsistenz in Leistung, Konzentration und Motivation nach sich. So zeigt sich bei Radfahrern 10 Minuten nach Cannabis-Konsum ein deutlicher Leistungsabfall. Bergamaschi weist darauf hin, dass Cannabis aber wichtige Kompetenzen wie Entscheidungsfindung, Wachsamkeit und Aufmerksamkeit beeinträchtigen kann: „Diese sind bei Hochrisiko-Sportarten notwendig, um Unfälle oder Verletzungen zu vermeiden“, stellt der Experte klar. Und er gibt zu bedenken, dass der Konsum von Cannabis darüber hinaus den Geist des Sports und dessen Werte wie Ethik, Fair Play, Ehrlichkeit, Gesundheit, Respekt vor Regeln und Gesetzen und Respekt für sich selbst und andere verletze.

Referenzen

Referenzen

  1. Bergamaschi M et al: Front Psychiatry (online) 15. Mai 2013
    http://dx.doi.org/10.3389/fpsyt.2013.00032

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Bergamaschi MM, Schänzer W, Klaue C: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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