Schützt Gluten-freie Diät bei Zöliakie auch die Gefäße?

Dr. Martina Reiter | 8. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Woran lässt sich erkennen, ob die Zöliakie neben der Darmwand auch die Gefäße schädigt? Und – kann eine Gluten-freie Diät (GDF) das verhindern? Mit dieser Thematik beschäftigt sich die Arbeitsgruppe von Prof. Sergio De Marchi, von der gastroenterologischen Klinik der Universität Verona. In einer klinischen Studie, präsentierten sie jetzt erste biochemische Risikomarker und Kriterien des Gefäßverschleißes, um ein erhöhtes Arteriosklerose-Risiko bei Zöliakie exakter erfassen zu können [1].

Dabei zeigte sich insbesondere, dass die bekannte Messung der Intima-Media-Dicke (IMT) der Arteria Carotis communis und die Berechnung der endothel-abhängigen Gefäßdilatation (EDD) der Arteria circumflexa humeri großes Potenzial besitzen, um Veränderungen des Herz-Gefäßrisikos objektiv erfassen zu können. Besonders erfreulich für die Patienten: Gemessen an diesen Kriterien senkt das Einhalten der Diät das Arteriosklerose-Risiko erkennbar ab.

 
„Es stellt sich die Frage, ob im Rahmen der Malabsorption, arteriosklerose-protektive Nährstoffe nicht aufgenommen werden können.“
Dr. Michael Schumann
 

„Es stellt sich die Frage, ob im Rahmen der Malabsorption, arteriosklerose-protektive Nährstoffe nicht aufgenommen werden können“, umreißt der Gastroenterologe Dr. Michael Schumann von der Charité Berlin Schumann im Gespräch mit Medscape Deutschland das mögliche Erklärungsmodell für einen derartigen Effekt und stellt somit die Ernährung als wichtigen Einflussfaktor in den Raum. Insbesondere die Normalisierung der biochemischen Risikofaktoren unter der GDF würde diese Vermutung bestätigen.

Klare Verbesserung durch gluten-freie Diät

An der Studie nahmen insgesamt 20 Zöliakie-Patienten und eine Kontrollgruppe von 22 Personen, zwischen 23 und 41 Jahren teil. Mögliche Risikomarker wurden vor Studienbeginn bei allen Teilnehmern gemessen. Die Gruppe der Zöliakie-Patienten erhielt anschließend 6 bis 8 Monate lang eine gluten-freie Diät (GFD). Danach wurden die Risikomarker erneut gemessen.

Für Schumann ist das ein methodisch überzeugendes Vorgehen, wie er im Gespräch erläuterte: „Eine Gruppeneinteilung in Kontrollgruppe, Zöliakie-Patienten und Zöliakie-Patienten nach GFD macht Sinn, da Diät-abhängige Effekte schön gezeigt werden können.“ 

Vor der GDF wiesen die Werte der biochemischen Risikofaktoren, zum Beispiel das Lipidprofil, nur leichte Unterschiede zwischen Zöliakie-Patienten und der Kontrollgruppe auf. Bis auf die Hyperhomocysteinämie – sie gilt als Hinweis auf ein generell erhöhtes Entzündungsgeschehen im Organismus – ließ sich nach Einhalten der GDF eine Verbesserung aller zuvor bestimmten Risikofaktoren bei den Zöliakie-Patienten beobachten. Ebenso kam es zu einer deutlichen Normalisierung der Darmmukosa und einer Absenkung der intra-epithelialen Lymphozyten – als Maßstab für den Rückgang der Entzündungsreaktion.

Risikomarker finden

Wie hoch das Arterioskleroserisiko bei Zöliakie-Patienten ist – und um wie viel höher im Vergleich zu Gesunden – ist umstritten. Allerdings weisen große Kohortenstudien auf ein erhöhtes Risiko an ischämischen Herzerkrankungen bei diesen Kranken hin [2]. Bei weiteren Autoimmunerkrankungen, wie der rheumatoiden Arthritis, zeigte sich ebenfalls eine eindeutige Erhöhung des Arteriosklerose-Risikos im Vergleich zur übrigen Bevölkerung [3].

Die aktuelle Studie sollte zusätzliche Anhaltspunkte liefern, um den Zusammenhang zwischen Arteriosklerose und Zöliakie richtig einschätzen und nachweisen zu können. So wurde die Messung der Intima-Media-Dicke (IMT) an der Halsschlagader als Ultraschall-Marker herangezogen. Diese Methode wurde bereits erfolgreich zur Risikobewertung bei der rheumatoiden Arthritis eingesetzt. Zudem sollte die Berechnung der endothel-abhängigen Dilatation (EDD) der A. circumflexa humeri zur Berechnung der Gefäßbelastung genutzt werden.

Die Ergebnisse fielen deutlich aus: Im Vergleich zur Kontrollgruppe war die IMT bei den Zöliakie-Patienten signifikant erhöht (p<0,005). Die EDD war wiederum bedeutend niedriger bei den Patienten mit Zöliakie als in der Kontrollgruppe (p<0,05).

Zudem wurden in der Studie high-density lipoprotein (HDL), low-density lipoprotein (LDL), Triglyzeride, Homocystein, C-reaktives Protein (CRP), Folsäure und Vitamin B12 als mögliche biochemische Risikomarker ausgewählt und analysiert.

Besseres Lipidprofil unter Gluten-freier Diät

Die LDL- und der Homocystein-Spiegel waren in der Zöliakiegruppe bei der Anfangsmessung leicht erhöht (+10.73mg/dl; +3.60µmol/l) im Vergleich zur Kontrollgruppe. Alle anderen Werte wiesen keine nennenswerten Unterschiede auf. Die Homocysteinspiegel wurden zwar nicht positiv beeinflusst. Allerdings änderte sich das Lipidprofil dahingehend, dass sich das Verhältnis von Gesamtcholesterin zu HDL erkennbar verbesserte.

Warum die Diät solche Effekte hervorbringt, bleibt allerdings nach wie vor unklar. Die Autoren vermuten, dass sie sich nicht zuletzt günstig auf systemische Entzündungsgeschehen auswirkt. Das bestätige auch Schumann.

Er fügte ergänzend an, dass es weitere Ursachen geben könne für das erhöhte Arterioskleroserisiko, etwa starke genetische Assoziationen mit anderen Autoimmunerkrankungen, die eher zu solchen Gefäßveränderungen beitragen können. So ist z.B. ein Zusammenhang zwischen Autoimmunerkrankungen wie  Diabetes mellitus und Zöliakie bekannt [4].

De Marchi und seine Kollegen fordern nun weitere, größere Studien, um Ihre Ergebnisse bestätigen und den Ursachen weiter auf den Grund gehen zu können.

Referenzen

Referenzen

  1. De Marchi S, et al: Aliment Pharmacol Ther 2013;38(2):162-169
    http://dx.doi.org/10.1111/apt.12360
  2. Ludvigsson JF, et al: Circulation 2011;123(5):483-90.
    http://dx.doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.110.965624
  3. Carroti M, et al: Reumatismo 2007;59(1):38-49
    http://www.reumatismo.org/index.php/reuma/article/view/reumatismo.2007.38
  4. Mollazadegan K, et al: J Intern Med (online) 11. Juni 2013
    http://dx.doi.org/10.1111/joim.12092
  5. Zimmer K-P, et al: Deutsches Ärzteblatt 2001;98(49):A-3285-3292
    http://www.aerzteblatt.de/archiv/29756/Klinische-Bedeutung-nichtklassischer-Zoeliakieformen

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Martina Reiter
Es liegen keine Interessenskonflikte vor.

Schumann, M: Es liegen keine Interessenskonflikte vor.

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