Dopingprävention: Im entscheidenden Moment ‚Nein‘ sagen können

Inge Brinkmann | 5. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Die Versuchung, mit unerlaubten Substanzen oder Methoden, die Bergetappen ein bisschen besser als die Konkurrenz zu überstehen, wird für viele Radrennfahrer auch bei der diesjährigen Tour de France vermutlich wieder einmal groß sein. Einige werden mutmaßlich bei den Doping-Stichproben erwischt werden – andere nicht. Und für ein paar Sportler werden die reumütigen Bilder entlarvter Rennfahrer sogar eine abschreckende Wirkung entfalten – für andere nicht.

 

Prof. Dr. Gerhard Treutlein
 

Um ernsthaft gegen Doping vorzugehen, müsse man sowieso viel früher ansetzen, sagt Prof. Dr. Gerhard Treutlein im Interview mit Medscape Deutschland. Der ehrenamtliche Leiter des Zentrums für Dopingprävention der Pädagogischen Hochschule Heidelberg war bis zu seiner Pensionierung 2007 Professor im Fach Sportpädagogik mit den Schwerpunkten Sportpädagogik, Geschichte und Soziologie des Dopings, Dopingprävention sowie Leichtathletik.
Gemeinsam mit der Deutschen Sportjugend (dsj) setzt er das Projekt „Sport ohne Doping“ um. Kernpunkte sind der Aufbau eines Pools von Referenten, die Durchführung von Schulungsmaßnahmen und die Veranstaltung von Regionalkonferenzen sowie die Weiterentwicklung des Konzepts „Juniorbotschafter/-innen Dopingprävention“. Vor allem die Juniorbotschafter sollen als Multiplikatoren dienen und Wissen und Materialien in Schulen und ihren Sportvereinen weitergeben (peer education).
Alle diese Maßnahmen dienen letztlich demselben Ziel: Nachwuchssportler sollen auf die Versuchungssituationen vorbereitet werden, in denen Sportmediziner, Trainer, Kameraden oder Funktionäre einschlägige Angebote machen.

Medscape Deutschland: Dopen tatsächlich auch schon Kinder?

Prof. Treutlein: Das kommt darauf an, wie Sie Doping definieren. Die enge Definition entspricht der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Die weite Definition bezieht sich auch auf alles, was leistungssteigernd wirkt oder wirken kann, aber nicht verboten ist.

Letzteres kann man schon bei Eltern beobachten, die ihren Kindern regelmäßig Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel oder Schmerzmittel geben, um ihre Leistungsfähigkeit und -bereitschaft zu erhöhen – sei es in der Schule oder im Sport. Das hat langfristige Folgen: Die Kinder gewöhnen sich an Pillen und entwickeln eine sogenannte Dopingmentalität. Je intensiver die Gewöhnung ist, umso leichter fällt später auch der Übergang zu den verbotenen Dingen. Nach dem Motto: Pille ist Pille, Pillen sind gesund.

Medscape Deutschland: Können Vitaminpillen eine Art „Einstiegsdroge“ sein?

Prof. Treutlein: Ja! Der Weg zum Doping läuft in verschiedenen Etappen ab, und der Griff zu einer verbotenen Substanz, sei es als Pille oder Spritze, ist erst die dritte oder vierte Etappe. Die Zuhilfenahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist eine Etappe, die die Entwicklung einer Dopingmentalität wesentlich beschleunigen kann.

Bei den Nahrungsergänzungsmitteln muss man zudem zwischen Produkten unterscheiden, die „sauber“ sind und solchen, bei denen noch etwas zugemixt wurde. Die Sporthochschule Köln hat beispielsweise vor ein paar Jahren eine Untersuchung mit verschiedenen auf dem Markt erhältlichen Nahrungsergänzungsmitteln durchgeführt. Dabei kam heraus, dass in ca. 20% der Produkte nicht deklarierte Zusätze enthalten waren, in erster Linie Anabolika [1].

Wenn jemand zu solchen Mitteln greift, kann er – ohne es zu wissen – in einer Dopingkontrolle positiv getestet werden.

Medscape Deutschland: Also immer erst einen Experten fragen, bevor man irgendetwas einnimmt?

Prof. Treutlein: Auch damit ist man leider nicht immer auf der sicheren Seite, wie ein weiteres Beispiel aus Frankreich zeigt. Mitarbeiter der Doping-Hotline „Ecoute Dopage“ in Montpellier nahmen etwa im Jahr 2005 2 Nahrungsergänzungsmittel, von denen sie wussten, dass darin verbotene Substanzen gefunden wurden, und gingen damit zu 2 verschiedenen Apotheken. Zu den Apothekern sagten sie, dass sie Spitzenathleten betreuen würden und dass sie sichergehen wollten, dass sie diese Mittel den Athleten geben könnten.

Nach einem Blick auf die Beipackzettel sagten die Apotheker einhellig, dass man die Mittel problemlos geben könnte. Das heißt also: Im Zweifelsfall sind auch Apotheker nicht ausreichend informiert oder wachsam.

Es gibt aber noch andere Fallen, in die Sportler hineinlaufen können. Bei manchen Sportlern reichen etwa schon 2 Stück Mohnkuchen, um positiv getestet zu werden. Andere greifen unbedacht zu einem Erkältungsmittel mit Ephedrin, was ebenfalls zu einem positiven Test führen kann.

Medscape Deutschland: Wie können junge Sportler solche Fallen umgehen?

Prof. Treutlein: Zunächst einmal sollten die Eltern darüber aufgeklärt werden, dass ihre Kinder, wenn sie gesund sind und keine Defizitsituation vorliegt, weder zusätzliche Vitamine noch irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel benötigen. Sie sollen für eine gesunde Ernährung sorgen, dann brauchen ihre Kinder keine zusätzlichen Mittel – auch nicht als Leistungssportler.

Medscape Deutschland: Mit welchen Maßnahmen versucht man, die Jugendlichen selbst zu erreichen?

Prof. Treutlein: Bei den jungen Sportlern werden gezielte Präventionsmaßnahmen eingesetzt. Das darf aber nicht nur in Form von Vorträgen geschehen. Bei den jungen Menschen geht das sonst zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, eine möglichst interaktive Vorgehensweise ist angesagt!

Wir arbeiten deshalb mit kleineren Gruppen und versuchen zum Beispiel mit Hilfe von Rollenspielen, den jungen Leuten Positionen von Dopinggegnern und -befürwortern näher zu bringen. So lernen sie zu argumentieren und ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. Das soll als Grundlage für rationale Entscheidungen dienen.

Medscape Deutschland: Eine bewusste Entscheidung gegen Doping.

Prof. Treutlein: Tatsächlich sagen wir den Jugendlichen nicht: Du darfst dich nicht dopen! Wir sagen ihnen aber, dass sie für sich selbst verantwortlich sind. Und sollten sie sich für Doping entscheiden, sind sie auch verantwortlich für alle Konsequenzen, die sich daraus ergeben – und können die Schuld nicht auf den Trainer, einen Funktionär oder sonst irgendjemanden abwälzen.

Medscape Deutschland: Eine ziemlich große Verantwortung für die Heranwachsenden.

Prof. Treutlein: Wir haben gute Erfahrungen mit den Veranstaltungen gemacht. Entscheidend ist aber auch, welcher Druck vom Sportsystem ausgeübt wird. Diese Systeme pendeln immer zwischen Sauberkeitserwartungen auf der einen und den Erfolgserwartungen auf der anderen Seite.

Wenn der Erfolgsdruck zu groß wird, fällt es schwer, die Sauberkeitserwartungen zu erfüllen. Für mich als Pädagogen geht es im Leistungssport deshalb in erster Linie um die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Sportlern.

Mescape Deutschland: Welche Rolle spielt die Abschreckung in dem Bereich – halten die Geschichten von Jan Ullrich oder Lance Armstrong junge Sportler nicht auch davon ab, es ihnen gleichzutun?

Prof. Treutlein: Für manche mag das abschreckend sein. Aber erinnern Sie sich zurück: Mit 16 oder 18 Jahren hatte das Verbotene oder Risikobehaftete auch immer einen gewissen Reiz. Und es gibt sogar eine französische Untersuchung, die belegt, dass die Risikobereitschaft bei Leistungssportlern höher ist als bei der durchschnittlichen Bevölkerung.

Wenn dann ein jugendlicher Sportler bereits in seiner Kindheit von den Eltern Pillen bekam und in einen Verein kommt, bei dem der Erfolg absoluten Vorrang hat, steigt das Risiko, dass er sich dem Milieu dort anpasst, also dopt. Das nennt man auch „Anpassung durch Abweichung“: Man wird in der neuen Gruppe nur akzeptiert, wenn man ebenfalls gegenüber der Norm abweicht.

Medscape Deutschland: Wie kann man das verhindern?

Prof. Treutlein: Bei unseren Workshops geben wir den jugendlichen Teilnehmern Material und Wissen über Doping an die Hand und hoffen, dass sie es in ihren Vereinen weiter verbreiten.

Die Deutsche Sportjugend hat außerdem in hohem Umfang von mir mitentwickeltes Material in Umlauf gebracht, darunter die Broschüre „Sport ohne Doping“, die grundsätzliche Fragen, z.B. „Was ist Doping?“, beantwortet, aber auch medizinische Fragen aufgreift.

Ein Athletenflyer informiert darüber hinaus über die relevanten Bestimmungen zum Thema Doping. Er enthält auch wichtige Informationen für Mediziner, etwa über das Antragsverfahren bei medizinischen Ausnahmegenehmigungen. Deshalb sollen die jungen Sportler diesen Flyer mitnehmen und dem Arzt  zeigen, damit dieser sich selbst informieren kann, auf was er aufpassen muss bei der Behandlung von Leistungssportlern, oder auch, wo er zusätzliche Informationen einholen kann, z.B. bei der Nationalen Anti Doping Agentur unter www.nada-bonn.de.

Die Materialien können auf der Webseite der Deutschen Sportjugend bestellt werden, sie werden kostenlos abgegeben [2].

Medscape Deutschland: Reichen die Maßnahmen aus?

Prof. Treutlein: Die bisherigen Maßnahmen reichen natürlich nicht. Für die Prävention von Doping und Medikamentenmissbrauch wird in Deutschland insgesamt – also von Bund, Ländern und Kommunen – etwa 1 Million Euro ausgegeben.

Für die Spitzensportförderung gibt allein der Bund ca. 250 Millionen Euro aus. Hinzu kommt das Geld, das die Wirtschaft in den Leistungssport investiert. Im Vergleich dazu ist die 1 Million Euro eigentlich nichts.

Medscape Deutschland: Wie sieht es mit dem Engagement der Fachverbände aus?

Prof. Treutlein: Die Sportjugenden in den europäischen Ländern sind viel aufgeschlossener als die Fachverbände. Letztere hängen sehr stark von den Erfolgen ab. Denn für Erfolg gibt es Geld – und wenn man intensiv Dopingprävention betreibt, gehen möglicherweise die Leistungen zurück, dann gibt es weniger Geld, d.h. wer ehrlich Doping bekämpft, wird damit im Prinzip für seine Anstrengung bestraft. Das ist das Problem.

Medscape Deutschland: Herr Prof. Treutlein, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Referenzen

Referenzen

  1. Geyer H, et al: Int J Sports Med. 2004;25(2):124-129
    http://dx.doi.org/10.1055/s-2004-819955
  2. Publikationen der Deutschen Sportjugend
    http://www.dsj.de/index.php?id=publikationen

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Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Treutlein G: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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