Gendoping: Noch scheint die Büchse der Pandora verschlossen

Axel Viola | 4. Juli 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Spätestens mit Beginn der Tour de France nimmt im Jahresverlauf die Berichterstattung über Doping bzw. Dopingvergehen an Intensität zu. Der Radsport dient seit Jahren als Blaupause für populäre Sportarten, in denen unerlaubte Maßnahmen zur Leistungssteigerung durch medikamentöse Supplementation vorherrschen. Jüngstes Beispiel ist die aktuelle Verlautbarung des ehemaligen Tour-Gewinners Jan Ullrich, der zum Besten gab, tatsächlich durch Eigenblutdoping seine Leistungsfähigkeit manipuliert zu haben.

Bei den Dopingverfahren wird schon seit einigen Jahren vermutet, dass sogenanntes Gendoping in absehbarer Zeit ins Arsenal der sportlichen Fälscher Eingang finden wird. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) gab im Jahr 2003 einen Warnschuss ab, indem sie den Begriff Gendoping in die Liste der verbotenen Substanzen aufnahm und darüber hinaus Aufträge zur Entwicklung von Nachweismethoden herausgab.

Den Missbrauch gen- und zelltherapeutischer Verfahren, durch die DNA- oder RNA-Material in Zellen, Organe oder den Organismus eingeschleust werden, hat die WADA genauso auf die Verbotsliste gesetzt wie alle denkbaren Verfahren, die eine Beeinflussung der Genexpression zum Ziel haben („1. The transfer of polymers of nucleic acids or nucleic acid analogues; 2. The use of normal or genetically modified cells.“) [1].

Erster konkreter Verdacht im Jahr 2006

Als „wahrscheinlichste Ansatzpunkte“ eines Gendopings wurde in einer Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag die Skelettmuskulatur (molekulare Ziele: z.B. Myostatin, PPAR-delta), die Sauerstoffversorgung (z.B. EPO, VGEF) und die Energiebereitstellung (z.B. FATP, GLUT) genannt [2].

Bereits 2006 war in Deutschland konkret der Verdacht aufgetaucht, Gendoping könnte schon praktiziert werden. In einem Gerichtsverfahren vor dem Amtsgericht Magdeburg war Thomas Springstein, bekannt unter anderem als Leichtathletik-Trainer der beiden Dopingsünderinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer, im Frühjahr 2006 zu 16 Monaten Haft auf Bewährung und zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Er hatte einer jugendlichen Läuferin Dopingmittel verabreicht.

Wie die Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 2008 berichtete, hatte der Prozess deshalb sportgeschichtliche Bedeutung, weil eine E-Mail auf Springsteins von der Polizei beschlagnahmten Computer „erstmals die Realität von Gendoping“ dokumentierte [3]. „Der Trainer von Grit Breuer tauschte sich darin mit einem spanischen Dopingarzt über die Verfügbarkeit des Mittels Repoxygen aus, das niemals klinisch erprobt und nie für den Einsatz am Menschen hergestellt wurde. Das Gericht verlas die Mail in der öffentlichen Verhandlung“, rekapitulierte die FAZ die Erkenntnisse aus dem Gerichtsverfahren.

EPO als Zielgröße gentherapeutischer Eingriffe

Repoxygen, ein gentherapeutischer viraler Vektor, sollte eine Hypoxie-abhängige und damit physiologisch kontrollierte Expression des EPO-Gens vermitteln. Die Entwicklung des Vektors wurde ursprünglich als Alternative zu gentechnisch oder synthetisch hergestelltem EPO zur Behandlung von Blutarmut bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz, chronischen Entzündungserkrankungen, Krebserkrankungen oder nach Chemotherapie von einem britischen Pharmaunternehmen seit 2002 forciert. Allerdings wurde das Projekt wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektiven noch in der vorklinischen Phase wieder eingestellt, wie der Biologe Thomas Beiter, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Sportmedizin der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen, und die Sportwissenschaftlerin Martina Velders in einer Übersichtsarbeit zu Gendoping Ende vergangenen Jahres in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin berichteten [4].

Erste Nachweistests stehen zur Verfügung

Beiter war 2010 unter der Federführung des Sportwissenschaftlers Prof. Dr. Dr. Perikles Simon von der Universitätsklinik Mainz und des Gentherapeuten Prof. Dr. Michael Bitzer vom Universitätsklinikum Tübingen an der Entwicklung eines Bluttests beteiligt, der mittels Real-Time-PCR 6 potenziell für Gendoping geeignete Transgene (EPO, IGF 1, VEGF-A, VEGF-D, hGH, FST) nachweisen konnte [5]. „Mehrere Arbeitsgruppen haben ähnliche Tests entwickelt“, berichtete er im Gespräch mit Medscape Deutschland. Von der WADA zugelassen sind diese Tests bis jetzt allerdings noch nicht.

 

Prof. Dr. Mario Thevis
 

„Der missbräuchliche Einsatz der Gentherapie hat zur Zeit möglicherweise noch wenig Relevanz im Vergleich zu anderen Dopingmaßnahmen“, argumentiert der Dopingfahnder Prof. Dr. Mario Thevis, Leiter des Zentrums für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, gegenüber Medscape Deutschland. „Das Einbringen fremder DNA in die Zielzellen des Menschen ist gegenwärtig wahrscheinlich ein weniger zu erwartendes Szenario, weil die damit verbundenen Risiken in der Tat noch enorm sind.“

Im Gegensatz dazu seien aber Therapeutika, die auf der Methode der RNA-Interferenz basieren und sich in der klinischen Entwicklung befinden, im Hinblick auf Doping das größere Risiko. Das Einschleusen von siRNA z.B. kann Gene abschalten. „Die RNA-Interferenz hat eine eher kurzfristige Wirkung und verliert – ähnlich wie andere verfügbare Medikamente – nach Absetzen ihre Wirkung, so dass wir hier ein Szenario haben, das in mittelbarer Zukunft als Bedrohung für den Sport und als Herausforderung für die Dopinglaboratorien zu sehen ist.“

Was ist derzeit realistisch?

Bei einer Einschätzung, welche Gendoping-Methoden ein realistisches Szenario darstellen, schließt Beiter zumindest bis auf weiteres ex-vivo-Methoden aus. Hierzu müssten dem Sportler körpereigene Zellen entnommen und in einem entsprechend ausgestatteten Labor kultiviert werden. Nach genetischer Modifikation mittels viralem Vektor würden die Zellen wieder reimplantiert.

Weder seien bisher entsprechende gentherapeutische Behandlungskonzepte umfassend klinisch geprüft worden, noch könne davon ausgegangen werden, dass professionelle Gentherapie-Zentren ihr Know-how für unerlaubtes Gendoping zur Verfügung stellen.

Wahrscheinlicher seien zum jetzigen Zeitpunkt in-vivo-Anwendungen, weil die Herstellung von simplen Plasmid-Vektoren zum „Standardrepertoire eines jeden Forschungslabors“ gehöre. Einen merklichen Effekt ziehen Beiters und Velders allerdings in Zweifel. Leistungssteigerungen, wie sie aus den bisher üblichen Doping-Anwendungen bekannt sind, seien nicht zu erwarten.

Hohes Risiko für Sportler und Unbeteiligte

Allerdings hält eine unsichere wissenschaftliche Lage besonders unentwegte Doping-Sportler nicht immer davon ab, unerlaubte, aber möglicherweise leistungssteigernde Therapien anzuwenden – unabhängig davon, ob gesundheitliche Schäden zu erwarten waren.

Gerade beim Gendoping muss darauf hingearbeitet werden, solch einen unkontrollierten Einsatz schon im Ansatz zu unterbinden. Welche Folgen beispielsweise das Einschleusen von Genmaterial mittels viraler Vektoren auf den Organismus und seine Umwelt hat, ist völlig unklar. Perikles und Kollegen warnten in einem Beitrag im Deutschen Ärzteblatt, wenn gentherapeutische Verfahren zu Dopingzwecken eingesetzt würden, sei „in jedem Einzelfall nicht nur von einer Gefährdung des Sportlers auszugehen, sondern auch von einer möglichen Gefährdung Unbeteiligter. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn nicht absolut sicher ist, dass die zum Gentransfer verwendeten Viren vermehrungsunfähig sind“ [6].

Referenzen

Referenzen

  1. The World Anti-Doping Code; The 2013 Prohibited List – International Standard
    http://www.wada-ama.org/Documents/World_Anti-Doping_Program/WADP-Prohibited-list/2013/WADA-Prohibited-List-2013-EN.pdf
  2. Gerlinger K, et al: Gendoping. Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB). Endbericht. TAB-Arbeitsbericht Nr. 124. Berlin, 2008.
    http://www.tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/buecher/gerlinger-etal-2008-124.pdf
  3. Reinsch M: Der „perfekte Coach“ ist zurück. faz.net, 17.04.2008
    http://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/doping-trainer-springstein-der-perfekte-coach-ist-zurueck-1538633.html
  4. Beiter T, et al: Dtsch Z Sportmed. 2012; 63:121-131
    http://www.dgsp.de/_downloads/allgemein/uebersicht_Beiter.pdf
  5. Beiter T, et al: Gene Therapy. 2011;18:225-231
    http://www.nature.com/gt/journal/v18/n3/abs/gt2010122a.html
  6. Perikles S, et al: Dtsch Ärztebl. 2012;109 (3): A 80-83
    http://www.greenpilot.de/beta2/app/search/listDetails/ea4b1cde5e016127e0871c01e241e249?qid=1&dbid=GREENPILOT_ALL&recno=6&offset=1

Autoren und Interessenkonflikte

Axel Viola
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Beiter T, Thevis M: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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