Zu jung für eine erektile Dysfunktion? – Auch Männer unter vierzig ernst nehmen

Ute Eppinger | 25. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Einer von 4 Männern, die wegen erektiler Dysfunktion (ED) ärztliche Hilfe suchen, ist jünger als 40 Jahre alt. Und nicht nur das: Nach den IIEF-Kriterien (International Index of Erectile Function) lag die Rate schwerer erektiler Dysfunktion bei den unter 40jährigen bei 48,8%, bilanziert Dr. Paolo Capogrosso, Sexualmediziner an der Universität Vita Salute San Raffale in Mailand und Leiter einer kürzlich im Journal of Sexual Medicine erschienenen Studie [1].

Capogrosso und seine Kollegen hatten die soziodemografischen und klinischen Charakteristika von 439 Männern bewertet, die zwischen Januar 2010 und Juni 2012 in Spezialambulanzen wegen erektiler Dysfunktion vorstellig wurden.Von den 439 Patienten waren 114 (26%) jünger als 40 Jahre. Wird erektile Dysfunktion bei jüngeren Männern in Schwere und Auftreten unterschätzt?

„Jein“, sagt Dr. Christian Neuhof, Internist, Psychotherapeut und Sexualmediziner am Sexualmedizinischen Kompetenzzentrum (SMK) Hannover, und fügt hinzu: „Die Studie enthält wichtige Hinweise, wirft aber auch manche inhaltliche und methodische Frage auf.“ Neuhof zählt auf: Schon die Wahl der Klinik verursacht einen Bias, da es sich um eine Spezialambulanz handelt, die selektionierte Patientengruppen akquiriert. So besteht bei 20% der unter 40jährigen eine positive Drogenanamnese und gut 22% nehmen, wenn Dopaminrezeptor-Agonisten und -Antagonisten einbezogen werden, zentralnervös wirksame Medikamente.

„Deshalb lassen sich diese Ergebnisse nicht ohne weiteres auf die Allgemeinheit übertragen“, gibt Neuhof zu bedenken. Für wenig zulässig hält er auch den Schluss der Studie: ´Schwere ED gleich organisch´ „Das wird in der Studie nicht wirklich klar, ist nicht schlüssig und lässt sich mit dem IIEF-Tool auch nicht erfassen.“ Neuhof: „Jeder Arzt, der Sexualmedizin sorgfältig und verantwortungsbewusst betreibt, schaut natürlich nach, ob organische Ursachen für eine erektile Dysfunktion vorliegen.“

Wie speziell die von Capogrosso untersuchte Klientel war, zeigt sich auch an der Rate des diagnostizierten Hypogonadismus: „Die liegt in der Studie bei 10%, das findet sich so im allgemeinen Patientenkollektiv nicht“, erklärt Neuhof.

Nach der Köln-Studie (KEED) von Dr. Markus Braun sind in Deutschland 19,2% aller Männer zwischen 30 und 80 Jahren von erektiler Dysfunktion betroffen [2]. Mit höherem Alter nimmt die Häufigkeit der Erektionsstörung deutlich zu. In der Gruppe der 30 bis 39 Jahre alten Probanden waren 2,3% von erektiler Dysfunktion betroffen, erklärt Neuhof.

Jüngere ED-Patienten rauchen häufiger

In Capogrossos Studie wiesen jüngere im Vergleich mit älteren Patienten einen geringeren durchschnittlichen BMI, einen höheren Testosteronwert im Blut und weniger andere Erkrankungen auf. Bei 9,6% der jüngeren Patienten zeigte sich eine oder mehrere Begleiterkrankungen; bei den älteren Patienten waren es 41,7%.

Die jüngeren ED-Patienten rauchten häufiger und nutzen häufiger illegale Drogen als die älteren. Frühzeitiger Samenerguss war bei jüngeren Männern verbreiteter, wohingegen die Peyronie-Krankheit (Induratio Penis Plastica, IPP) bei den älteren häufiger auftrat. Schwere ED lag bei 48,8% der jüngeren und bei 40% der älteren Patienten vor – wobei die Raten milder ED, milder bis moderater ED und moderater ED sich nicht signifikant zwischen den beiden Gruppen unterschieden.

Bias hin zu psychologischen Ursachen bei jüngeren Männern

„Unsere Ergebnisse zeigen die Wichtigkeit einer umfassenden medizinisch-sexuellen Anamnese und einer umfassenden körperlichen Untersuchung aller Männer mit ED und zwar unabhängig von ihrem Alter“, schreibt Capogrosso. Und Dr. Irwin Goldstein, Chief-Editor des Journal of Sexual Medicine, weist darauf hin, dass die Studie die erste ihrer Art sei, die eine schwere ED in einer Gruppe von Männern um die 40 oder jünger nachweisen könne: „Wenn jüngere Patienten mit erektiler Dysfunktion in die Praxis kamen, dachten wir bislang eher, dem lägen psychologische Ursachen zugrunde“.

Man habe in solchen Fällen vaskuläre Untersuchungsverfahren als nicht notwendig erachtet, so Goldstein und fügt hinzu, da habe es sich um einen Bias gehandelt. Notwendig sei künftig aber, regelmäßig den Zustand des Arterienzuflusses bei jüngeren Patienten zu untersuchen um pathologische arterielle Probleme bei denen zu erkennen, deren langfristige Gesundheit dadurch beeinträchtigt sein könnte.

Sensibilisierung für eine sorgfältige Sexualanamnese

Und das ist auch der große Pluspunkt, den Neuhof der Studie attestiert: „Die Studie sensibilisiert dafür, erektile Dysfunktion nicht zu verharmlosen, sondern sie ernst zu nehmen, eine sorgfältige Sexualanamnese zu erstellen und eine genaue Ursachenklärung anzustreben“, erklärt Neuhof. Vielfach sei es doch noch so, dass Ärzte der Meinung seien, es gäbe Schlimmeres als sexuelle Probleme. „Es gibt schon eine Tendenz, bei jüngeren Männern mit ED überwiegend psychische Faktoren dafür verantwortlich zu machen, und die Studie erinnert an die Wichtigkeit, sorgfältig organisch bedingte Ursachen auszuschließen und nicht zu sagen: Es ist alles psychogen.“

Dass die `erektile Funktion grundsätzlich ein Marker für die gesamte kardiovaskuläre Funktion´ sei, wie Goldstein weiter formuliert hatte, würde Neuhof in dieser Ausschließlichkeit aber nicht unterschreiben: „Entweder ich sage, organisch bedingte erektile Dysfunktion ist ein Marker für kardiovaskuläre Erkrankungen, oder ich sage von vornherein, die erektile Dysfunktion kann ein Marker für kardiovaskuläre Erkrankungen sein“, präzisiert Neuhof und fügt hinzu: „Das sollte man differenzierter betrachten. Wird allerdings bei einem unter 40 Jahre alten Patienten eine organisch bedingte erektile Dysfunktion diagnostiziert, dann ist dies ein klarer Prädiktor für die drohende  Manifestation einer kardiovaskulären Erkrankung.“

Viagra als Generikum

Am vergangenen Wochenende ist das Patent von Viagra® abgelaufen. Die Konkurrenz steht mit entsprechenden Generika in den Startlöchern. Hersteller Pfizer selbst bietet Viagra® seit Anfang Juni als Generikum unter dem Namen Sildenafil Pfizer® an. Es basiert, wie auch das Original, auf dem Wirkstoff Sildenafil [3, 4].

Das Generikum wird in 3 Dosierungen angeboten: 25 mg, 50 mg und 100 mg. Packungen mit 4, 12 und 24 Tabletten stehen zur Verfügung. Generikum und Original unterscheiden sich nur durch Verpackung und Tablettenfarbe, so Hersteller Pfizer: Die Tabletten sind rautenförmig und weiß statt blau.

Je nach Packungsgröße und Dosierung ergibt sich beim Apothekenverkaufspreis eine Ersparnis von bis zu 82% pro Tablette. Verschreibungspflichtig bleibt die Substanz auch als Generikum, sie kann Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Sehstörungen, eine verstopfte Nase oder auch – in seltenen Fällen – Dauererektionen hervorrufen. Und für Männer mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder niedrigem Blutdruck ist das Medikament nicht geeignet. Auch bei Leberfunktionsstörungen und Erkrankungen der Netzhaut wird von der Einnahme abgeraten.

Viagra® hat eine beeindruckende Bilanz vorzuweisen: Seit Einführung im Jahr 1998 sind weltweit über 1,8 Milliarden Tabletten an über 37 Millionen Männer ausgegeben worden, davon über eine Million Männer in Deutschland.

Referenzen

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
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