Hypoglykämien beim älteren Diabetiker erhöhen das Demenz-Risiko – und umgekehrt

Nadine Eckert | 21. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Verdachtsmomente aus epidemiologischen Untersuchungen gab es bereits seit längerem. Jetzt hat  eine prospektive Studie die Vermutungen bestätigt: Hypoglykämien können bei Diabetikern das Demenzrisiko erhöhen. Einer aktuellen, im JAMA Internal Medicine erschienenen Studie zufolge verdoppeln schwere Hypoglykämien bei älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes das Risiko für eine Demenzerkrankung [1].

Dr. Kristine Yaffe von der University of California in San Francisco und ihr Team haben die Krankenakten von 783 älteren Diabetikern analysiert, die an der Health, Aging, and Body Composition Study teilgenommen hatten. Die Patienten waren bei Eintritt in die Studie zwischen 70 und 79 Jahren alt und wiesen keine Anzeichen einer kognitiven Beeinträchtigung auf. Im Laufe der zwölfjährigen Follow-up-Phase trat bei 61 Patienten (7,8%) eine Hypoglykämie auf, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machte. 148 Patienten (18,9%) erkrankten an Demenz.

Gefährliches Wechselspiel zwischen Demenz und Hypoglykämie

Eine Hypoglykämie verdoppelte das Demenzrisiko: 34,4% der Studienteilnehmer, die schon einmal eine schwere Hypoglykämie erlitten hatten, erkrankten später an Demenz. Bei den Diabetikern, die nie eine schwere Hypoglykämie gehabt hatten, waren es dagegen nur 17,6%.

Allerdings fanden Yaffe und ihr Team auch den umgekehrten Zusammenhang: Patienten, die an Demenz erkrankten, hatten ein höheres Risiko für Hypoglykämien (14,2%) als diejenigen, deren kognitive Leistungsfähigkeit und Gedächtnisfunktion unbeeinträchtigt blieb (6,3%).

„Die Gründe hierfür sind vor allem verhaltensbedingt“, erklärte PD Dr. Bernhard Kulzer vom Diabetes-Zentrum Mergentheim gegenüber Medscape Deutschland.  Er weist darauf hin, dass Demenzkranke nicht immer die vorgesehenen Mahlzeiten essen oder sich unerwartet viel bewegen. Deshalb sei es für Angehörige und Pflegende schwierig, das Insulin richtig zu dosieren.

Yaffe und ihre Kollegen weisen zudem darauf hin, dass bestimmte Medikamente häufiger zu einer Hypoglykämie führen, etwa Mittel die die Insulinsekretion anregen wie Sulfonylharnstoffe. Sie könnten insbesondere für ältere Menschen mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigung ungeeignet sein, schreiben die Autoren.

Diabetestherapie am Patienten ausrichten

In einem Kommentar zu Yaffes Artikel betonen Dr. Kasia J. Lipska von der Yale University School of Medicine in New Haven und Dr. Victor M. Montori von der Mayo Clinic in Rochester, dass „die Hypoglykämie zu den gefährlichsten Nebenwirkungen der blutzuckersenkenden Diabetestherapie gehört“ [2]. Sie kritisieren, dass sich Diabetes-Richtlinien seit Jahrzehnten fast ausschließlich auf die Vermeidung von Hyperglykämien fokussieren. Dies könne in der Praxis bei einigen Patienten zu schwerwiegenden Konsequenzen führen.

„Ältere Patienten haben ein höheres Risiko für Hypoglykämien. Altersbedingte Veränderungen der Nierenfunktion und der Medikamentenausscheidung tragen wahrscheinlich zu dieser Vulnerabilität bei“, erklären die beiden Endokrinologen.

„Tatsächlich stand bislang immer die Vermeidung der Hyperglykämie im Mittelpunkt der Therapiebestrebungen“, bestätigte Kulzer. Doch inzwischen habe ein Umdenken stattgefunden. Bereits Anfang 2013 veröffentlichten die American Diabetes Association (ADA) und die European Association for the Study of Diabetes (EASD) ein Positionspapier, in dem sie einen individuellen, patientenzentrierten Therapieansatz fordern, worüber wir auf  Medscape Deutschland bereits berichtet haben. Und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) zieht nach: In der neuen S2-Leitlinie „Diabetes und Psychosoziales“ wird empfohlen, bei älteren Personen mit kognitiven Einschränkungen HbA1c-Werte anzustreben, bei denen Hypoglykämien sicher vermieden werden.

Der Glukosespiegel muss nicht immer perfekt sein

 „Es ist bei älteren Patienten besser, den Blutzucker weniger gut einzustellen, als Hypoglykämien zu riskieren“, betonte auch Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Mitautor der Leitlinie.

Doch auch, wenn noch keine kognitiven Veränderungen vorliegen, sollte die Diabetestherapie individuell aufgestellt sein. Die metabolischen Zielwerte müssten von Lebensalter, Erkrankungsdauer und Prognose abhängig gemacht werden. „Erkrankt ein über 80-Jähriger neu an Diabetes, reicht es, einen HbA1c-Wert von 7,5-8,5 anzustreben“, sagte Kulzer.

Wenn die Erkrankung schon länger vorliege, müsse abgewogen werden, ob der Patient wirklich von einer strengen Einstellung auf unter 7,5% profitiert. Die möglichen negativen Folgen einer Hypoglykämie sollten in die Entscheidung über Art und Intensität einer blutzuckersenkenden Therapie einfließen. 

Referenzen

Referenzen

  1. Yaffe K, et al: JAMA Intern Med (online) 10. Juni 2013
    http://dx.doi.org/10.1001/jamainternmed.2013.6176
  2. Lipska KJ, et al: JAMA Intern Med (online) 10. Juni 2013
    http://dx.doi.org/10.1001/jamainternmed.2013.6189

Autoren und Interessenkonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Yaffe K: Beratungstätigkeiten für Takeda, Pfizer, Medivation und Novartis

Bernhard Kulzer B: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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