Ambulante spezialfachärztliche Versorgung – der dritte Versorgungsbereich

Christian Beneker | 18. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Nach Monaten der Diskussion hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im März 2013 die Richtlinie für die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) fertiggestellt und veröffentlicht. Der Gesetzgeber hatte den G-BA dazu beauftragt.

 
„Woran will man eigentlich den Erfolg des neuen 116b messen?“
Prof. Norbert Schmacke
 

Der Plan: Sektorenübergreifend sollen Ärzte besonders schwer Erkrankte und Patienten mit bestimmten seltenen Diagnosen gemeinsam behandeln. Damit entsteht praktisch ein dritter Sektor der Versorgung. Zugleich wird der alte Paragraf 116b SGB V über die ambulanten Leistungen im Krankenhaus durch die Spezialfacharzt-Regelung ersetzt. Aber: Inwiefern das Ganze den betroffenen Patienten dient, sei völlig unklar, meint der Bremer Versorgungsforscher, Prof. Norbert Schmacke vom Institut für Public Health der Universität Bremen.

Die Eckpfeiler stehen

Die ASV wurde im Zuge des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes Anfang 2012 im Gesetz festgeschrieben. In dem nun neu entstehenden Versorgungsbereich zwischen ambulantem und stationärem Sektor sollen Patienten mit besonders seltenen und besonders schweren Erkrankungen und Verläufen behandelt werden. Diese ambulanten Leistungen sollen künftig sowohl von niedergelassenen Fachärzten als auch von Krankenhäusern angeboten werden können. Der G-BA hat in seiner Richtlinie die Voraussetzungen für die Teilnahme festgelegt. So können sich sowohl Kliniken als auch Niedergelassene oder Ärztenetze um die spezialfachärztliche Versorgung bewerben.

Wer mitmachen darf, werden in den Ländern 27-köpfige erweiterte Landesausschüsse aus Kassen, Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und Krankenhausgesellschaften plus dreier unabhängiger Vorsitzender entscheiden. Zu erwarten sind Tausende von Anträgen, meint Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft. Sie müssen innerhalb von 2 Monaten entschieden sein, „sonst werden sie automatisch genehmigt“, so Zimmer.

Aber zunächst muss der G-BA in speziellen Anlagen zu seiner Richtlinie klären, welche Behandlungen welcher Krankheiten zu welchen Honoraren nach dem neuen 116b vorgesehen sind. So teilt das Gremium mit: „Im nächsten Schritt werden die jeweiligen Erkrankungen und hoch spezialisierten Leistungen nun über die entsprechenden ICD-Codes konkret benannt und es wird der krankheitsspezifische Behandlungsumfang sowie die Anforderungen an Personal, Ausstattung und Qualitätssicherung bestimmt.“ Erst mit diesem Schritt wird der G-BA voraussichtlich ab Anfang 2014 festgelegt haben, „welche EBM-Ziffern im Rahmen des neuen 116b abrechenbar werden“, sagt Zimmer. Die Honorare dürften in erstrebenswerter Höhe liegen. Andernfalls würde sich kaum ein Arzt um die Behandlung nach der neuen Regelung bewerben.

Schöne neue Welt der Zusammenarbeit?

Werden sich die Ärzte unter dem neuen 116b nun zur Kooperation zusammenraufen? Das brauchen sie gar nicht, meint Dr. Axel Munte vom Bundesverband der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung Deutschland e.V. (BV ASV). „Die Kooperationen bestehen in Ansätzen längst“, sagt er. Besonders auf dem Lande mit Facharztmangel würde oft in einem der ASV vergleichbaren Format zusammengearbeitet. „Der G-BA gießt bewährte Strukturen in eine Form für alle.“

Die Neuregelung hat für die Versorger das Potenzial, 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie kann die sektorenübergreifende Kooperation beflügeln und zugleich den ständigen Honorarstreit, wie derzeit noch beim alten 116b, beenden. Denn nach der alten Regelung können nur die Kliniken bei den jeweiligen Ministerien die ambulante Versorgung bestimmter Patienten beantragen. Diese Leistungen werden dann direkt mit den Kassen abgerechnet. Klar, dass die KVen Sturm liefen. Sie fürchteten, dass die Kliniken Geld abziehen, das die KVen gerne für die ambulante Versorgung durch ihre Mitglieder ausgeben würden. In Niedersachsen erhielt die KV wenigstens ein Anhörungsrecht und durfte sich zu den Genehmigungen äußern, mehr jedoch nicht.

Aber auch bei der neuen Regelung des 116b bleibt die Frage offen, ob die Krankenkassen den Leistungskatalog der ambulanten Medizin in den Verhandlungen mit den KVen bereinigen würden. Detlef Haffke etwa, Sprecher der KV Niedersachsen, sagt: „Die Niedergelassenen können viele Leistungen nach 116b erbringen, vor allem in der Krebsnachsorge.“ In der Tat dürfte die Behandlung von Tumorpatientinnen und -patienten den Löwenanteil der Leistungen nach dem neuen 116b ausmachen. Allerdings könnten die Kassen nun darauf dringen, in den Verhandlungen mit den KVen die Budgets zu senken, flösse doch einiges Geld schon in die ambulante Versorgung nach 116b.

Patienten wurden nicht gefragt

„Dass nun ein dritter Versorgungsbereich für Niedergelassene und Klinikärzte geschaffen wird, ist vernünftig“, erklärt der Versorgungsforscher Schmacke, „aber woran will man eigentlich den Erfolg des neuen 116b messen?“ Laut Schmacke hätten Kassen und Gesetzgeber besser das Konzept in kontrollierbaren Studien erproben und vorher mit Patienten sprechen sollen. „Stattdessen wirft die Politik einen Stein ins Wasser und guckt, was passiert.“ Jetzt strebe man von vornherein eine flächendeckende Versorgung an, und dabei sei „vieles Blindflug, und Blindflug können wir uns nicht leisten.“

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schmacke N, Zimmer U, Munte A, Haffke D: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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