Chronische Migräne: Elektrische Nervenstimulation hilft, wenn Tabletten versagen

Nadine Eckert | 18. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Reichen Entspannungsverfahren und Schmerztabletten nicht mehr aus, können Menschen mit chronischer Migräne von einer elektrischen Nervenstimulation profitieren. Häufigkeit und Schwere der Migräne-Anfälle sanken in einer Studie unter Leitung von Prof. Jan Vesper, Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Düsseldorf, um 70% [1].

Etwa 2% der deutschen Bevölkerung – rund 400.000 Menschen – leiden unter chronischer Migräne. Die Attacken erreichen die höchsten Werte auf der Schmerzskala von 1-10 und entsprechen damit der Intensität von Geburtswehen. „Der Leidensdruck bei Patienten mit chronischer Migräne ist ungeheuer groß, sie leiden an mehr als 15 Tagen im Monat unter den heftigen Kopfschmerzen“, erklärte Vesper gegenüber Medscape Deutschland.

2 Elektroden unter die Haut, die Batterie im Gesäß

„Der erste und wichtigste Behandlungsschritt bei häufiger Migräne ist die Vorbeugung von Anfällen, betonte PD Dr. Charly Gaul von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie im Gespräch mit Medscape Deutschland. Ausdauersport und ein geregelter Tagesablauf mit festen Essens- und Schlafenszeiten haben sich als wirksame Prophylaxe erwiesen. Zusätzlich kann eine vorbeugende Medikation verschrieben werden: Standard sind Betablocker oder Topiramat. „So kann die Kopfschmerzhäufigkeit bei vielen Patienten halbiert werden, sagte der Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Darüber hinaus kann das Nervengift Botulinumtoxin eingesetzt werden, das bei chronischer Migräne an 31 Muskelpunkten an Kopf und Nacken injiziert wird.

Vielen Patienten, die an chronischer Migräne erkrankt sind, kann mit Medikamenten geholfen werden“, bestätigte Vesper. Doch bei den 21 Patienten mit chronischer Migräne, die der Neurochirurg und sein Team in ihre Studie aufnahmen, hatten alle konservativen Therapieversuche nichts gebracht.
Ihnen setzten die Düsseldorfer Mediziner am Übergang von Kopf zum Hals 2 Elektroden unter die Haut. Diese verbanden die Ärzte mit einer Batterie von der Größe eines Herzschrittmachers, die sie dauerhaft im Gesäß einpflanzten.

Die Elektroden geben permanent Stromimpulse ab und stimulieren die beiden  Hinterhauptsnerven. Die Stimulation spüren die Patienten als leichtes Kribbeln am Hinterkopf, das meist nicht als störend empfunden wird. Rund zwei Drittel der behandelten Patienten profitierten von dem Eingriff.

Die Hinterhauptsnerven sind im Gehirn mit dem Gesichtsnerv, dem Nervus trigeminus, verschaltet. Er ist für die Schmerzverarbeitung von Gesicht, Kopf und Hirnhäuten zuständig. Über ihn kann man Einfluss auf die Migräne nehmen“, erklärte Gaul.

Komplikationsrate noch recht hoch

Nach der Implantation der Elektroden kann es allerdings bis zu 6 Wochen dauern, bis die Wirkung einsetzt. „Diese Zeit sollte man abwarten, betonte Vesper. Der Düsseldorfer Experte ist überzeugt, dass sich die periphere Nervenstimulation in den kommenden Jahren als feste Therapiesäule bei chronischer Migräne etablieren wird.

„Das Stimulationsverfahren ist derzeit noch mit relativ hohen Komplikationsraten von bis zu 15% verbunden, schränkte allerdings Gaul ein. Verrutschte Elektroden, Infektionen und Kabelbrüche gehören zu den häufigsten Schwierigkeiten. „Doch man kann davon ausgehen, dass die Komplikationen im Laufe der Jahre geringer werden, wenn die Operationstechniken vereinheitlicht werden und bessere Implantate zur Verfügung stehen, ist sich Vesper sicher.

Für die Patienten sei es ratsam, die Behandlung in spezialisierten Zentren großer Universitätskliniken durchführen zu lassen. Zentren, die sich auf diese Methode spezialisiert haben, gibt es derzeit unter anderem in Düsseldorf, Essen, Kiel und Lübeck. Der etwa 15.000 Euro teure Eingriff wird von den Krankenkassen übernommen.

Referenzen

Referenzen

  1. Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie vom 6. Juni 2013
    http://idw-online.de/de/news536994

Autoren und Interessenkonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Jan Vesper ist als medizinischer Berater für St. Jude Medical tätig. Das Unternehmen stellt das in der Studie verwendete Neurostimulationssystem her.

Charly Gaul erhielt Vortrags- und Beratungshonorare von Desitin, Allergan, Boehringer Ingelheim, Berlin Chemie AG, MSD, Complen Health, ATI und St. Jude.

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