Fleischverzicht lohnt sich – ganz besonders für Männer

Julia Rommelfanger | 12. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Wer sich ausschließlich oder hauptsächlich vegetarisch ernährt, lebt nicht nur gesünder, sondern auch länger. Das jedenfalls ergab eine große US-amerikanische Kohortenstudie mit mehr als 70.000 Teilnehmern. „Wir haben herausgefunden, dass vegetarische Ernährungsformen mit einer niedrigeren Mortalität verbunden sind“, schreiben die Autoren um Dr. Michael Orlich von der Public School of Health an der kalifornischen Loma Linda Universität in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Journal of the American Medical Association (JAMA) Internal Medicine [1].

Fleischarme oder gar fleischlose Kost hat erwiesenermaßen positive Auswirkungen auf zahlreiche Gesundheitsrisiken und chronische Leiden wie Bluthochdruck, Diabetes und den Cholesterinspiegel und senkt somit auch das Herzinfarktrisiko. Ob mit Vegetarismus eine niedrigere Mortalitätsrate einhergeht, ist bisher jedoch nicht eindeutig belegt.

Aufgrund der möglichen gesundheitlichen Vorzüge vegetarischer Ernährung haben die Forscher einen Zusammenhang zwischen Vegetarismus und Mortalität vermutet und diesen in einer Gruppe von 73.308 Mitgliedern der Freikirche der Sieben-Tage-Adventisten untersucht. Die Teilnehmer wurden in 5 Ernährungsgruppen unterteilt: Nicht-Vegetarier, Halb-Vegetarier (Fisch- und Fleischkonsum zwischen 1 Mal monatlich und 1 Mal wöchentlich), Pesco-Vegetarier (nur Fisch-, jedoch kein Fleischkonsum), Ovo-Lakto-Vegetarier (Konsum von tierischen Produkten; kein Fleischkonsum) und Veganer.

Unterschiedliche Ernährungsmuster bei Männern und Frauen?

Während eines mittleren Follow-ups von 5,79 Jahren traten in der gesamten Gruppe 2.570 Sterbefälle auf. Die allgemeine Mortalitätsrate der Teilnehmer, die sich vegetarisch ernährten, war 12% niedriger als die der Nicht-Vegetarierer (Hazard Ratio HR=0,88; 95% Konfidenzintervall KI: 0,80-0,97). Genauso hatten die Vegetarier ein geringeres kardiovaskuläres Mortalitätsrisiko als die Nicht-Vegetarier. Das, so die Autoren, gehe mit dem kardioprotektiven Effekt vegetarischer Ernährung einher, der sich bereits in mehreren Studien gezeigt hat. Vegetarier nehmen beispielsweise weniger gesättigte Fettsäuren, viele Ballaststoffe, Nüsse, Gemüse und Obst zu sich.

„Viele Untersuchungen haben Ernährungsmuster identifiziert, die sich positiv oder negativ auf Morbidität und Mortalität auswirken können“, betont Dr. Markus Keller, Gründer und Leiter des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE) in Gießen gegenüber Medscape Deutschland. „Dabei korreliert eine niedrigere Mortalität vor allem mit erhöhtem Verzehr von Nüssen, Gemüse, Obst und Ballaststoffen und generell mit pflanzenbasierten Kostformen, während der steigende Konsum u.a. von Fleisch, vor allem rotem Fleisch, Fleischprodukten und Eiern die Sterblichkeit erhöht. Vegetarische Kostformen zeichnen sich durch einen höheren Verzehr gesundheitsfördernder pflanzlicher Lebensmittel aus.“

Bei Männern stellten Orlich und Kollegen eine noch engere Verbindung zwischen vegetarischer Kost und Mortalität fest als bei Frauen. „Möglicherweise unterschieden sich die Ernährungsmuster von vegetarisch lebenden Männern und Frauen, wobei es in dieser Studie keine großen Unterschiede gab“, erklärt Keller, der gemeinsam mit Prof. em. Claus Leitzmann, Ernährungswissenschaftler der Universität Gießen, das Buch „Vegetarische Ernährung“ veröffentlicht hat [2]. Denkbar seien auch unterschiedliche Auswirkungen gesundheitsfördernder beziehungsweise gesundheitlich nachteiliger Nahrungsinhaltsstoffe bei Männern und Frauen.

Vegetarische Ernährungsformen zu selten empfohlen

„Die Studie von Orlich und Kollegen liefert zusätzliche Beweise dafür, dass vegetarische Kost mit verbesserten gesundheitlichen Auswirkungen einhergeht“, schreibt Dr. Robert Baron, University of California, San Francisco, in einem Kommentar zur Studie mit dem Titel: „Sollten wir alle Vegetarier sein?“ [3]. Da die Studie jedoch wie alle Beobachtungsstudien nur Assoziationen und keine Kausalitäten herstellt, sei die Frage, ob vegetarische Kost tatsächlich das gesundheitliche Outcome verbessert. „Man kann nie sicher sein, ob die Beziehung zwischen vegetarischer Ernährung und Mortalität nicht durch andere Faktoren beeinflusst wird“, sagt er.

Wie die Autoren der Studie fordert auch Keller eine stärkere Berücksichtigung vegetarischer Kostformen in den Ernährungsempfehlungen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt lediglich eine Empfehlung für den Verzehr von Wurst- und Fleischwaren. Danach sollten maximal 300-600g Fleisch und Wurst pro Woche gegessen werden. Jeder Mann in Deutschland verzehrt im Schnitt 1,1 kg und jede Frau etwa 600 g pro Woche.

„Tatsache ist“, so Keller, „dass Vegetarier länger gesund bleiben und gesünder älter werden. „Den meisten älteren Menschen ist jedoch überhaupt nicht bekannt, welches präventive Potenzial vegetarische Kostformen haben. Und leider ist das auch bei den meisten Ärzten der Fall.“

Referenzen

Referenzen

  1. Orlich MJ, et al: JAMA Intern Med (online) 3. Juni 2013
    http://dx.doi.org/10.1001/jamainternmed.2013.6473
  2. Claus Leitzmann, Markus Keller: Vegetarische Ernährung. 2. Aufl. UTB, Stuttgart 2011, 366 Seiten, ISBN 978-3-8252-1868-3
  3. Baron RB: JAMA Intern Med (online) 3. Juni 2013.
    http://dx.doi.org/10.1001/jamainternmed.2013.6972

Autoren und Interessenkonflikte

Julia Rommelfanger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Orlich M:  Vortragshonorar von der Nordkalifornischen sowie der Südkalifornischen Konferenz der Seventh Day Adventists

Keller M: Gründer und Leiter des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung.

Leitzmann C: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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