Brustkrebs: Die Nachbestrahlung lässt sich um Wochen verkürzen

Julia Rommelfanger | 11. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Neue radioonkologische Verfahren können die bisher übliche Bestrahlungszeit nach Brustkrebs-OP von etwa 2 Monaten auf rund 4 bis 5 Wochen verkürzen. Diese Techniken sind sicher und können empfohlen werden, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) zur Bewertung dieser Verfahren [1].

Das Mammakarzinom ist in Deutschland mit jährlich etwa 72.000 Neuerkrankungen die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Etwa 70% aller Brustkrebspatientinnen erhalten nach der brusterhaltenden operativen Entfernung des Tumors zusätzlich eine Chemotherapie und eine Bestrahlung.

Bisher dauerte die post-operative Radiotherapie (RT) durchschnittlich 7 bis 8 Wochen und umfasste eine 25- bis 28-malige Bestrahlung der ganzen Brust. Hinzu kam ein so genannter „Boost“, eine Konzentration der Radiotherapie mit 5 bis 8 zusätzlichen Bestrahlungen direkt auf die Tumorstelle. Dort entstehen 80% der Rezidive.

Um Patientinnen, insbesondere denjenigen mit langen Anfahrtswegen zu den Bestrahlungszentren und älteren, weniger mobilen Frauen die Behandlung zu erleichtern, favorisieren viele Experten mittlerweile kürzere Bestrahlungszeiten.

Von Patienten nachgefragt

„Eine Verkürzung auf 4 bis 5 Wochen ist absolut unproblematisch, erklärt Prof. Dr. Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie an der Universität Lübeck und bis vor kurzem Präsident der DEGRO, gegenüber Medscape Deutschland. „Kaum ein Patient erhält bei uns länger als 5 Wochen Bestrahlung.“ Einen wesentlichen Beitrag zur Verkürzung dieser Therapie leistet seit einigen Jahren die intraoperative Radiotherapie (IORT), bei der die Patientinnen den „Boost“ noch im Operationssaal, direkt nach der Entfernung des Tumors, erhalten.

„Da man das Bestrahlungsgebiet relativ genau definieren kann, ist der intraoperative Boost wahrscheinlich eine ziemlich gute Sache“, erklärt Dunst. „Trotzdem hat sich bisher aufgrund der anschließenden histologischen Befunde gezeigt, dass auf die weiteren Bestrahlungstermine danach nicht verzichtet werden kann.“ Die Geräte für die intraoperative Bestrahlung kosten je nachdem ob mit Elektronen oder Röntgenstrahlen gearbeitet wird, zwischen 500.000 und 1 Million Euro, erklärt Dunst. Daher seien nicht alle Kliniken in der Lage, diese Technik anzuwenden.

„Die Operationszeit wird durch die IORT um 30 bis 45 Minuten verlängert, die Gesamtzeit der Strahlenbehandlung jedoch substanziell verkürzt“, erklärt Prof. Dr. Tanja Fehm, Direktorin der Universitätsfrauenklinik in Düsseldorf, auf Nachfrage von Medscape Deutschland. Seit Oktober 2010 wurden insgesamt 149 Patientinnen im Brustzentrum der Düsseldorfer Uniklinik mit der IORT behandelt, was die Strahlendauer um etwa 2,5 Wochen verkürzt. „Unsere bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv, weil die Strahlendosis auf die Haut über dem Tumorbett durch die IORT reduziert wird“, betont Fehm. „Diese Behandlung wird oft von unseren Patientinnen nachgefragt.“

Verkürzungen der Bestrahlungszeit nach der Operation auf 4 bis 5 Wochen erzielen außerdem 2 weitere neuartige Verfahren: Beim simultan-integrierten Boost (SIB) erfolgt die Bestrahlung des Tumorbetts bereits während der Termine zur Bestrahlung der ganzen Brust und bei der so genannten Hypofraktionierung wird die Brust jeweils mit einer etwas höheren Dosis pro Tag bestrahlt, der Boost wird anschließend gegeben. Letzteres Verfahren empfiehlt die DEGRO vor allem für ältere Patientinnen mit günstiger Prognose.

Aus radiobiologischen Gründen muss die Gesamt-Strahlendosis bei Anwendung der Hypofraktionierung reduziert werden – darauf weist Fehm ausdrücklich hin. Hinsichtlich der lokalen Tumorkontrolle und anderer wichtiger onkologischer Parameter, sagt sie, zeigten Hypofraktionierungskonzepte in jüngsten klinischen Studien (z.B. den START-Trials) keine Unterlegenheit gegenüber der Standard-Bestrahlung. „Das macht das Konzept attraktiv, zumal sich bei moderater Hypofraktionierung die Dauer der Radiotherapie auf etwa 3 bis 4 Wochen verkürzt“, betont Fehm.

Kombination von SIB und Hypofraktionierung umstritten – Spätfolgen unklar

Derzeit diskutieren Fachleute, inwieweit sich beide Techniken verbinden und damit eine weitere Verkürzung der Bestrahlungszeit auf 3 bis 3,5 Wochen erzielen lassen. Erste Ergebnisse klinischer Studien zeigen eine gute Verträglichkeit von SIB und Hyperfraktionierung. „Zweifelsohne ein interessantes Konzept“, merkt Fehm an. Aktuell wird die Hyperfraktionierung, bei der die tägliche Dosis auf 2,5 Gy gesteigert wird, in Kombination mit SIB der Tumorregion in einer Studie der Arbeitsgemeinschaft Radioonkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) untersucht.

Ein weiteres Kombi-Verfahren, IORT der Tumorregion mit anschließender perkutaner Homogenbestrahlung werde aktuell unter anderem an der Uniklinik Düsseldorf in der HIOB-Studie überprüft, sagt Fehm.

„Wir haben in Deutschland eine ungewöhnlich hohe Dichte an Bestrahlungszentren und damit sehr kurze Anfahrtswege“, erklärt Dunst. Daher sei die Belastung für die Patienten nicht so extrem wie in Ländern wie Kanada oder in großen Teilen Skandinaviens, wo mancherorts extrem lange Wege zum Behandlungsort in Kauf genommen werden müssen.

Auch Prof. Dr. Rolf Sauer, Vorsitzender der DEGRO-Organgruppe Mammakarzinom aus Erlangen, stuft die Belastung der Patientinnen hinsichtlich einer 7- bis 8-wöchigen Therapie hierzulande als eher gering ein. „Die Patientinnen brauchen höchstens 45 Minuten, im Schnitt eher 20 Minuten, um zu uns zu kommen“, erklärt der Gründer des Erlanger Tumorzentrums in einem Interview mit Medscape Deutschland. „Daher ist die belastende Wegstrecke in Deutschland eine Ausnahme.“

Er gibt zu bedenken, dass Langzeitfolgen der neuen Techniken, insbesondere einer Kombination von SIB und Hypofraktionierung, bisher nicht ausreichend in Studien untersucht und erwähnt wurden. „Die meisten Studien haben keine lange Nachbeobachtungszeit von 5 bis 7 Jahren. Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht, wenn wir die Einzeldosis von 1,8 auf 2 Gy erhöhen“, erklärt Sauer, der seit 2008 emeritiert ist. „Fibrosen etwa sind Spätfolgen einer hohen Strahlendosis. Daher bin ich auch jetzt noch sehr vorsichtig, diese Techniken für den allgemeinen Gebrauch freizugeben.“ Der aktuelle Standard, sagt Sauer, sei gut und äußerst wirksam. „Daher sind wir vorsichtig, ein Risiko einzugehen, wenn es nur um eine komfortablere Behandlung geht.“

Referenzen

Referenzen

  1. Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e.V.: Pressemitteilung / Mai 2013
    DEGRO: Brustkrebs: Neue Techniken ermöglichen kürzere Bestrahlungszeiten.  

Autoren und Interessenkonflikte

Julia Rommelfanger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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