Febrile Neutropenie unter Chemo: Prophylaxe-Leitlinien von erfahrenen Ärzten ignoriert

Dr. Susanne Heinzl | 5. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

 

Prof. Dr. Hartmut Link
 

Chicago – Internationale evidenzbasierte Leitlinien empfehlen die primäre Gabe des Wachstumsfaktors G-CSF zur Prophylaxe der febrilen Neutropenie bei Patienten unter Chemotherapie, die ein hohes oder intermediäres Risiko haben, eine solch bedrohliche Komplikation zu entwickeln. Jedoch: Diese Leitlinien werden in Deutschland nicht ausreichend beachtet und befolgt, so das Ergebnis einer retrospektiven Datenanalyse von onkologischen Patienten, die von Prof. Dr. Hartmut Link von der Medizinischen Klinik I des Klinikums Westpfalz in Kaiserslautern beim ASCO 2013 präsentiert wurde [1].

Die Empfehlungen orientieren sich am Risiko, eine febrile Neutropenie zu entwickeln. Dieses wird unter Berücksichtigung verschiedener Risikofaktoren, etwa den Komorbiditäten, dem Geschlecht oder dem Allgemeinzustand, berechnet. Es gilt als hoch, wenn die Wahrscheinlichkeit bei über 20% liegt, als intermediär, wenn sie zwischen 10% bis 20% liegt. Bislang war aber nicht bekannt, ob und wie die Prophylaxe unter Alltagsbedingungen in klinischen und onkologischen Praxen tatsächlich umgesetzt wird. Daher untersuchten nun Link und seine Mitarbeiter retrospektiv anhand der Daten von 87 Krankenhäusern und 59 onkologischen Praxen in Deutschland, aufgrund welcher Faktoren Leitlinien in den Therapiealltag implementiert und wie gut sie eingehalten wurden.

Enttäuschend wenig Prophylaxe, vor allem bei Lungenkrebspatienten

In die von dem Arzneimittelhersteller Amgen unterstützte Analyse wurden Daten von 1.928 Patienten eingeschlossen, die zwischen Mai 2011 und April 2012 insgesamt 3 bis 9 Zyklen einer Chemotherapie erhalten hatten und ein Risiko für eine febrile Neutropenie von =10% aufwiesen. 286 Patienten mit Lymphom, 666 Patienten mit Lungenkrebs und 976 Patienten mit Brustkrebs waren von 195 Ärzten behandelt worden.

Die Ergebnisse waren ernüchternd: Am wenigsten wurden die Leitlinien bei den Patienten eingehalten, die an einem Lungenkarzinom erkrankt waren – nur 13,9% der Patienten mit hohem Risiko für eine febrile Neutropenie erhielten eine leitliniengerechte Prophylaxe, während es bei den Patienten mit intermediärem Risiko 28,9% waren. Von den Lymphom-Patienten mit hohem Risiko erhielten 84,2 % und mit intermediärem Risiko 69,2 % eine leitliniengerechte Prophylaxe, bei den Patientinnen mit Mammakarzinom waren es 76,3 % bzw. 68,7 %.

Über die Gründe des schlechten Abschneidens der Patienten mit Lungenkarzinom könne man nur spekulieren, erklärte Link auf Nachfrage von Medscape Deutschland. Gesicherte Aussagen hierzu seien nicht möglich.

Je mehr Erfahrung, desto eher werden Leitlinien ignoriert

Immerhin gab die Analyse Aufschluss darüber, dass Alter und Erfahrung ein Faktor sind, der die Adhärenz zur Umsetzung der Leitlinien beeinflusst: Die Prophylaxe wurde umso weniger leitliniengerecht eingesetzt, je spezialisierter die behandelnden Ärzte waren. Ärzte, die bis zu 10 Jahre  Erfahrung hatten, hielten sich eher an die Leitlinienempfehlungen als jene, die einer längere Erfahrung aufwiesen.

Akzeptanz und Einhaltung von Leitlinien zum Einsatz von G-CSF sind also nicht ausreichend. Ärzte unterschätzen das Risiko vor allem bei Patienten mit intermediärem Risiko und überschätzen ihre Adhärenz an die Leitlinien.

Eine febrile Neutropenie mit Temperaturen über 38,3° C oder über 38° C, die länger als eine Stunde anhält  in Kombination mit Neutrophilenzahlen unter 500/µl gilt letztlich als Hinweis auf eine schwerwiegende Infektion, auch wenn Erreger nicht immer nachweisbar sind. Nicht wenige Patienten unter einer Chemotherapie entwickeln eine Neutropenie  – 9 von 10 –, die einer febrilen Neutropenie den Boden bereitet. Vor allem ältere Patienten sind gefährdet [2]. Die Neutropenie selbst kann zur Reduktion der Chemotherapiedosis führen oder deren Abbruch erzwingen.

Referenzen

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Susanne Heinzl
Es liegen keine Interessenskonflikte vor.

Link H: Beratung, Honorare und Forschungsaufträge von Amgen

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