Schaut ihnen in die Augen – ADHS-Diagnostik mittels Retinogramm

Megan Brooks | 4. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

San Francisco – Die Untersuchung der Retina könnte dazu beitragen, die Diagnose eines Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) besser abzusichern. Zumindest deuten neue Forschungsergebnisse in diese Richtung.

 
„Daher sind sämtliche Versuche, objektive Marker für ADHS zu identifizieren, hilfreich.“
Dr. med. Emanuel Bubl
 

Eine kleine Studie von Wissenschaftlern der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg zeigte, dass ADHS-Patienten im Vergleich zu gesunden Probanden in einer als Muster-Elektroretinogramm (PERG, pattern electroretinogram) bezeichneten Untersuchung erhöhtes Hintergrundrauschen aufweisen [1].

Wie Dr. med. Emanuel Bubl, der die Studie auf der Jahrestagung der American Psychiatric Association im Mai 2013 vorstellte, gegenüber Medscape Medical News erläuterte, könnte diese veränderte optische Signalverarbeitung als ein neuronales Korrelat gedeutet werden, das mit einem ADHS in Zusammenhang steht: „Wenn wir diesen Befund reproduzieren können, wäre er klinisch höchst bedeutsam, da damit ein objektiver Marker für das ADHS gefunden wäre.“

Fehlende Aufmerksamkeit sowie leichte Ablenkbarkeit sind wesentliche Symptome des ADHS, aber „eindeutige neuronale Korrelate fehlen bisher. Daher sind sämtliche Versuche, objektive Marker für ADHS zu identifizieren, hilfreich“, wie Bubl weiter erklärt.

Die Freiburger Forschungsgruppe weist auf die möglicherweise erhebliche klinische Bedeutung ihrer Forschungsergebnisse hin. „Im Fall von ADHS wird einerseits diskutiert, ob die Erkrankung überhaupt existiert. Andererseits nehmen die Bedenken hinsichtlich der Überdiagnose von ADHS und der übermäßigen Verordnung entsprechender Medikamente immer mehr zu“, so Bubl.

Ein PERG, bei dem elektrische Spannungsänderungen der Retinazellen ähnlich aufgezeichnet werden wie die elektrische Herzaktivität im EKG, misst elektrophysiologisch die Aktivität der Ganglionzellen in der Retina. „Das Verfahren ist einfach anzuwenden und in der Ophthalmologie gut etabliert. In angepasster Form ließe es sich vielerorts einsetzen“, so Bubl.

In der vorgestellten Studie haben Bubl und seine Kollegen mittels PERG bei 20 Patienten mit ADHS und bei 20 gesunden Probanden die Reaktion der Retina auf einen optischen Reiz in Gestalt eines Schachbrettmusters gemessen.

Anzeichen für veränderte optische Wahrnehmung bei ADHS

„Verstärktes neuronales Rauschen oder Hintergrundaktivität ist als zugrundeliegender pathophysiologischer Mechanismus und als Behandlungstarget bei ADHS postuliert worden. Wir haben jetzt Belege für eine frühe Änderung der optischen Wahrnehmung oder Signalweiterleitung bei Patienten mit ADHS gefunden, und zwar bei signifikant verstärktem neuronalen Rauschen (p<0,14)“, berichtet Bubl.

Insbesondere korrelierte das neuronale Rauschen signifikant mit dem Aufmerksamkeitsmangel der Patienten, der mit der Conners-Skala zur Beurteilung von ADHS bei Erwachsenen (CAARS) gemessen wurde. Laut Bubl könnten „die Ergebnisse erklären, warum Patienten mit ADHS so leicht ablenkbar sind."

Ob sich die Ergebnisse auch auf Kinder übertragen lassen, ist noch nicht klar, wie Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst, der die Freiburger Forschungsgruppe gemeinsam mit Bubl leitet,  gegenüber Medscape Deutschland erklärte. Außerdem muss sich das potenzielle neue diagnostische Verfahren erst noch bewähren. So „müssen die Befunde zunächst repliziert werden. Dann muss die Spezifität zu anderen neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen oder etwa Autismus untersucht werden. Der Einsatz in der Diagnostik steht erst am Ende einer solchen Reihe von Untersuchungen.“

Dann allerdings ließe sich die ADHS-Diagnostik mittels PERG „anhand messbarer Signale objektivieren, was äußerst hilfreich für die öffentliche Kontroverse wäre“, so Bubl. Er verweist außerdem auf den möglichen Einsatz von PERG zur Beurteilung der Wirkung von Methylphenidat (Ritalin) oder einer Psychotherapie bei ADHS. Ungeeignet ist das Verfahren bei Patienten mit relevanten Augenerkrankungen wie Grauem Star, wie Tebartz von Elst weiter anmerkt. Denn diese verändern das Retinogramm ihrerseits.

Für weitere Untersuchungen des diagnostischen Potenzials von PERG hat die Forschungsgruppe finanzielle Unterstützung bei der Europäischen Union beantragt.

Dieser Text wurde von Dr. Ulrike Walter-Lipow aus medscape.com übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Referenzen

  1. The American Psychiatric Association's 2013 Annual Meeting. Abstract SCR02-2. Vortrag vom 18. Mai 2013
    http://annualmeeting.psychiatry.org/

Autoren und Interessenkonflikte

Tebartz van Elst L, Bubl E: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.