Wenn Radiojod nicht mehr hilft: Sorafenib verlängert Überleben bei Schildrüsenkarzinom

Dr. Susanne Heinzl | 4. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

 

Dr. Marcia Brose
 

Chicago – Der Tyrosinkinasehemmer Sorafenib verlängert signifikant das progressionsfreie Überleben bei Patienten mit differenziertem Schilddrüsenkarzinom, das auf Radiojodtherapie nicht mehr anspricht. Dies ergab die randomisierte Phase-3-Studie DECISION (Study of sorafenib in locally advanced or metastatic patients with radioactive iodine refractory thyroid cancer). Studienleiterin Dr. Marcia Brose, Professorin am Abramson Cancer Center und der Perelman School of Medicine der Universität Pennsylvania, stellte die Studienergebnisse in einer Plenarsitzung bei der ASCO-Jahrestagung 2013 vor [1].

Das differenzierte Schilddrüsenkarzinom ist die häufigste Form einer Schilddrüsenkrebs-Erkrankung. Im Allgemeinen sind die Heilungsraten nach Operation und Behandlung mit radioaktivem Jod hoch. Jedoch entwickeln etwa 5 bis 15% der Patienten eine Resistenz auf radioaktives Jod. In diesen Fällen ist bislang nur Doxorubicin zugelassen, das jedoch wegen seiner geringen Wirksamkeit und schlechten Verträglichkeit nur selten eingesetzt wird. Das mediane Überleben dieser Patienten liegt – so Brose – bei 2,5 bis 3,5 Jahren. Die Patienten leiden zudem häufig unter Komplikationen der fortschreitenden Erkrankung.

DECISION belegt Nutzen von Sorafenib

 
„Sorafenib ist eine potenzielle neue Therapieoption für Patienten mit Radiojod-refraktärem differenzierten Schilddrüsenkarzinom.“
Dr. Marcia Brose
 

Der oral applizierbare Tyrosinkinasehemmer Sorafenib hemmt VEGFR1-3 und Raf-Kinasen, er ist bislang in der Europäischen Union zugelassen für die Therapie des Leberzellkarzinoms sowie für die Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom, bei denen eine Behandlung mit Interferon alfa oder Interleukin-2 versagt hat oder die für eine solche Therapie nicht in Frage kommen.

In einer einarmigen Phase-2-Studie hatte Sorafenib zu vielversprechenden Ergebnissen bei Patienten mit Radiojod-resistentem differenziertem Schilddrüsenkarzinom geführt. In der von Bayer und Onyx unterstützten Phase-3-Studie DECISION wurden nun randomisiert und doppelblind Wirksamkeit und Verträglichkeit von Sorafenib und Placebo in dieser Indikation verglichen.

In die Studie wurden 417 Patienten mit lokal fortgeschrittenem/metastasiertem Radiojod-resistentem differenziertem Schilddrüsenkarzinom aufgenommen, deren Erkrankung in den letzten 14 Monaten progredient war. Knochenmark, Leber- und Nierenfunktion mussten adäquat sein und sie sollten einen Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG) Performance Status von 0 bis 2 aufweisen.

Die Patienten erhielten Sorafenib (400 mg zweimal täglich, n = 207) oder Placebo (n = 210). Die Patienten der Placebo-Gruppe konnten bei Progression offen mit Sorafenib weiter behandelt werden. Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS), zu den sekundären Endpunkten gehörten das Gesamtüberleben (OS), die Ansprechraten und die Verträglichkeit.

Fünf Monate längeres progressionsfreies Überleben

Der primäre Endpunkt wurde erreicht: Das mediane PFS betrug 10,8 Monate in der Sorafenib-Gruppe und 5,8 Monate im Placebo-Arm (Hazard-Ratio 0,58, 95%-KI 0,45–0,76, p<0,0001). Ein partielles Ansprechen zeigten 12,2% der Patienten unter Sorafenib und 0,5% unter Placebo. Das partielle Ansprechen hielt im Median 10,2 Monate an. Bei 42% der Patienten stabilisierte sich mit Sorafenib die Erkrankung über mindestens 6 Monate, während dies mit Placebo bei 33% der Fall war. Die Daten zum Gesamtüberleben liegen derzeit noch nicht vor.

Häufigste Nebenwirkungen in der Sorafenib-Gruppe waren Hand-Fuß-Syndrom, Durchfall, Alopezie, Hautausschlag, Fatigue, Gewichtsverlust und Bluthochdruck. Es wurden keine neuen, bislang noch nicht bekannten unerwünschten Wirkungen beobachtet.

„Sorafenib ist eine potenzielle neue Therapieoption für Patienten mit Radiojod-refraktärem differenzierten Schilddrüsenkarzinom“, fasste Brose die Ergebnisse der Studie zusammen.

Klasseneffekt der VEGF-Hemmer?

Das Schilddrüsenkarzinom ist ein hoch vaskularisierter Krebs, der VEGF/VEGFR stark exprimiert. Dr. Ezra E. W. Cohen von der Universität von Chicago wies in seinem Diskussionsbeitrag darauf hin, dass es sich vermutlich um einen Klasseneffekt der VEGF-Hemmer handeln würde. Denn es lägen derzeit aus Phase-2-Studien positive Daten zur Behandlung von Patienten mit Schilddrüsenkrebs für Axitinib, Levantinib, Motesanib, Pazopanib und Sunitinib vor. Eine gegen Liganden gerichtete Therapie mit Aflibercept und Bevacizumab sei nicht aktiv.

Die DECISION-Studie habe jedoch gezeigt, dass man auch mit einem VEGF-Hemmer wie Sorafenib keine komplette Remission und keine Heilung der Erkrankung erreichen könne. Cohen sieht es als unwahrscheinlich an, dass sich eine Überlegenheit im Gesamtüberleben zeigen wird. Ein Grund hierfür sei auch die hohe Wechselrate der Placebopatienten in den Sorafenib-Arm.

Seiner Ansicht nach benötigen auch nicht alle Radiojod-refraktären Patienten eine Therapie, die meisten Patienten seien asymptomatisch. Man müsse die Therapieentscheidung von den Symptomen, von der Lokalisation und von der Wachstumsrate abhängig machen.

Referenzen

Referenzen

  1. American Society of Clinical Oncology ASCO Annual Meeting, 31. Mai bis 4. Juni 2013, Chicago.
    Brose M: J Clin Oncol 2013;31 (suppl; abstr 4)
    http://chicago2013.asco.org/abstracts

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Susanne Heinzl
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Brose M: Honorare und Forschungsgelder von Bayer und Onyx

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