Deutscher Ärztetag: Krach und Kompromiss um Weiterbildung

Christian Beneker | 3. Juni 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Hannover – Zäh und kontrovers diskutierten die Delegierten des 116. Deutschen Ärztetages fast 3 Sitzungstage lang die geplante neue Musterweiterbildungsordnung (MWBO) [1]. Besonders die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) geforderte Verpflichtung zur ambulanten Weiterbildung führte im Plenum zu heftigen Wortgefechten.

Der Marburger Bund als Vertretung der Klinikärzte wollte sich die Tarifvertragshoheit für die Weiterbildungsassistenten nicht aus den Händen nehmen lassen, wenn die „Assis“ zusätzlich in die Praxen gingen. Auch die jüngeren Kollegen der „Generation Y“ meldeten sich zu Wort. Sie fürchteten mit der Pflicht zur ambulanten Weiterbildung einen „Flaschenhals“ in ihrer Karriere. Schließlich einigten sich die 250 Delegierten mit großer Mehrheit auf einen Kompromiss.

Ambulante Medizin: die Weiterbildung hinkt hinterher

Provoziert hatte die hitzige Debatte ein Vorschlag der KBV-Vertreterversammlung. Die KBV-Vertreter hatten die Delegierten des Ärztetages aufgefordert, in den patientennahen Fächern eine ambulante Pflichtweiterbildung in die neue Musterweiterbildungsordnung einzufügen, eine Weiterbildung also, die zwingend in ambulanten Einrichtungen zu erfolgen hat. Dafür zugelassene Ausbildungsstätten sollen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen gefördert werden. „Entweder es gibt den Rückhalt des Deutschen Ärztetages, oder es wird uns nie gelingen, das umzusetzen“, hatte KBV-Chef Dr. Andreas Köhler gesagt.

Weil immer mehr Leistungen ambulant und sektorenübergreifend erbracht werden, dürfe die Weiterbildung nicht mehr nur in den Krankenhäusern ablaufen, begründet es die Bundesärztekammer (BÄK) in einem angenommenen Entschließungsantrag des Vorstandes, stärker in Arztpraxen weiterzubilden. „Aus diesem Grunde ist es sinnvoll, dass mehr Weiterbildung im ambulanten Bereich, insbesondere in Praxen niedergelassener Ärztinnen und Ärzte, stattfindet“, heißt es in dem Antrag.

Der Hannoveraner Kompromiss nimmt Bezug auf diesen Entschließungsantrag. Die Einigung sieht nun vor, dass sich die weiterzubildenden Ärzte in Zukunft Inhalte, die nur in der ambulanten Versorgung zu erlernen sind, auch in ambulanten Einrichtungen aneignen. Entsprechendes gilt für die Inhalte der stationären Versorgung. Von einer ambulanten Pflichtweiterbildung indessen, wie die KBV sie gefordert hatte, ist in dem Kompromisspapier nicht die Rede.

Wer zahlt?

 
„Die Generation Y wird das nicht mitmachen. Sie wird ins Ausland gehen, wo sie außerdem korrekt bezahlt wird.“
Delegierte des Ärztetages
 

Heftig diskutiert wurde auch die Bezahlung der Weiterbildungsassistenten in den Praxen. Der Ärztetag (ÄT) sprach sich dafür aus, dass die Ärzte in der ambulanten Weiterbildung zukünftig nach den gleichen Konditionen bezahlt werden wie ihre Kollegen im Krankenhaus. „Hierzu wird mit der für die im stationären Versorgungsbereich für die Tarifgestaltung ärztlicher Vergütungen maßgeblichen ärztlichen Organisation ein Vertrag abgeschlossen, der dies sicherstellt“, heißt es unter Punkt 4 des Kompromisspapiers. „Für die arbeitgeberseitige Vertragspartnerschaft wird zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und den betroffenen ärztlichen Berufsverbänden ein funktionsfähiges Organisationsmodell entwickelt.“

Der Marburger Bund (MB) als Vertretung der Klinikärzte hatte die verpflichtende ambulante Weiterbildung auf dem Ärztetag heftig attackiert. Der zweite Vorsitzende des MB, Dr. Andreas Botzlar, hatte gar mit dem „Krieg an allen Fronten“ gedroht, wenn der Ärztetag sich für eine ambulante Pflichtweiterbildung aussprechen würde. Hintergrund der martialischen Worte war die Befürchtung des MB, mit der ambulanten Pflichtweiterbildung in den Praxen die Tarifhoheit für die Weiterbildungsassistenten zu verlieren.

Nach der Einigung am Freitag gibt sich der MB versöhnlich. Der MB stehe nun „als tariffähige Gewerkschaft der angestellten Ärztinnen und Ärzte für entsprechende Vertragsverhandlungen bereit“, so Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes.

Kritik von vielen Seiten

Und nicht nur der MB meldete sich zu Wort, auch die „Generation Y“: „Für uns wäre die Pflicht zur ambulanten Weiterbildung ein Flaschenhals“, sagte eine junge Delegierte am Rednerpult. „Die Generation Y wird das nicht mitmachen. Sie wird ins Ausland gehen, wo sie außerdem korrekt bezahlt wird.“

Als „Generation Y“ gelten die zwischen 1980 und etwa 1985 Geborenen, die heute wegen ihrer guten Ausbildungen umworben werden, wählerisch sind und Wert legen auf einen guten Ausgleich zwischen Arbeits- und Privatleben. „Wir sind für unsere Patienten da. Acht Stunden am Tag. 100%“, hieß es programmatisch in einem beim Ärztetag eingespielten Video der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) über die Kollegen von morgen. Der bvmd hat sich allerdings noch nicht zum Thema ambulante Pflichtweiterbildung positioniert. 

Anders der Delegierte Jörg Zimmermann aus Niedersachsen. Er sagte am Donnerstag: „Der KBV geht es mit ihrem Beschluss gar nicht um die Weiterbildung, sondern um die Sicherstellung der ambulanten Versorgung. Ich will die Verknüpfung nicht!“ Tatsächlich argwöhnten nicht wenige Kritiker, die KBV wolle den Ärztetag dazu bewegen, das Rad der KVen zu drehen. So beschloss der ÄT denn auch: „Die MWBO ist kein Instrument, um den Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zu regeln.“

Seit Jahren debattiert der Ärztetag das Thema. 2011 hatte die „Ständige Konferenz Ärztliche Weiterbildung“ der Bundesärztekammer (BÄK) den zweiten Vorschlag zur Novellierung der MWBO auf den Tisch gelegt. Nun hat der Ärztetag die BÄK und die Landesärztekammern beauftragt, „noch im laufenden Jahr im Konvergenzverfahren zu beraten und möglichst dem 117. Deutschen Ärztetag 2014 eine beschlussreife Novelle vorzulegen.“

Referenzen

Referenzen

  1. 116. Deutscher Ärztetag, 28.-31. Mai 2013, Hannover
    http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.2.9807

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Botzlar A, Henke R, Köhler A, Zimmermann J: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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