Sind Dreimonatskoliken ein erstes Anzeichen von Migräne?

Ute Eppinger | 23. Mai 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Dass es einen Zusammenhang zwischen Dreimonatskoliken und Migräne gibt, ist schon länger bekannt. So sind Babies, deren Mütter an Migräne leiden, deutlich häufiger von Dreimonatskoliken geplagt, fanden Dr. Amy Gelfand von der Universität von Kalifornien in San Francisco vergangenes Jahr heraus [1]. Doch könnten die schmerzhaften Koliken auch ein Vorzeichen kindlicher Migräne sein? Diese These wird jetzt durch eine Studie von Dr. Silvia Romanello im Journal of the American Medical Association gestützt: Über 70% der untersuchten Kinder mit Migräne litten als Babies unter Dreimonatskoliken [2].

 
„Migräne wird von sehr jungen Kindern nicht als Kopfschmerz wahrgenommen. Die Äußerung, dass es sich um Kopfschmerzen handelt, stellt sich erst ein, wenn die Kinder älter sind.“
Prof. Dr. Florian Heinen
 

Prof. Dr. Florian Heinen, der als Kinderarzt und Neurologe die Pädiatrische Neurologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet, begrüßt die Studie, weist im Gespräch mit Medscape Deutschland aber darauf hin, dass eine Assoziation, nicht aber eine Kausalität nachgewiesen wurde.

Romanello, Pädiaterin am Department of Pediatric Emergency Care am AP-HP Hôpital Robert Debré in Paris, und ihre Kollegen suchten mittels einer Fall-Kontroll-Studie mit 208 Kindern im Alter von 6 bis 18 Jahren, die in 3 französischen und italienischen Notfallambulanzen zwischen April und Juni 2012 mit Migräne diagnostiziert worden waren, nach einer möglichen Assoziation zwischen frühkindlichen Koliken und Migräne in der Kindheit.

Deutlicher Zusammenhang zwischen Koliken und Migräne

Die Kontrollgruppe bestand aus 471 altersgleichen Kindern, die die Ambulanzen im selben Zeitraum wegen kleinerer Traumata aufgesucht hatten. Mit Hilfe eines strukturierten Fragebogens wurde in beiden Gruppen nach kindlichen Koliken gefahndet. Eine zweite Studie mit 120 Kindern, die an Spannungskopfschmerzen litten, sollte die Spezifität der Assoziation prüfen.

Das Team um Romanello verglich die Prävalenz von Dreimonatskoliken bei Kindern mit und ohne Migränediagnose. Die Koliken waren bei Kindern mit Migräne mehr als 6 Mal häufiger als bei denjenigen ohne Migräne (72,6% vs. 26,5%; Odds Ratio OR 6,61, 95% Konfidenzintervall KI, 4,38-10,00; p<0,001). 142 Kinder litten an Migräne ohne Aura (73,9% vs. 26,5%; OR, 7, 01,95% KI, 4,43 -11,09; p< 0,001) und 66 an Migräne mit Aura (69,7% vs. 26,5%; OR, 5,73 95% KI, 3,07-10,73; p<0,001).

Eine derartig signifikante Assoziation ließ sich für Kinder mit Spannungskopfschmerzen nicht nachweisen (35% vs. 26,5%; OR, 1,46 95% KI, 0,92 – 2,32; p=0,10). Romanello schreibt: „Das Vorhandensein von Migräne bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 18 Jahren war eindeutig mit dem Auftreten von Koliken im Säuglingsalter assoziiert.“

Doch worüber könnte der Zusammenhang vermittelt werden? Die Autoren vermuten, dass beidem eine Sensibilisierung der perivaskulären Nerven im Gehirn und im Darm zugrunde liegen könnte. Allerdings, schränkt Romanello ein, seien für genauere Erkenntnisse Langzeitstudien erforderlich.

Kliniker haben eine solche Assoziation vermutet, schreibt Dr. Leon Epstein vom Department of Pediatrics and Neurology der Northwestern University in Chicago, Illinois, in seinem begleitenden Editorial [3]. „Sollten Koliken eine frühe Manifestation von Migräne sein, dann könnte das erklären, weshalb gastrointestinale Therapien so wenig wirksam sind”, so Epstein.

Koliken und Migräne seien verbreitet: Koliken treten bei 16-20% aller Säuglinge auf. Die Prävalenz von Migräne liege in der Altersgruppe der 3- bis 7-Jährigen zwischen 1,2% und 3,2%; bei den 7- bis 11-Jährigen bei 4-11% und bei den 11- bis 15-Jährigen bei 8-23%. Sollten die Koliken eine frühe Form von Migräne sein, sei zu vermuten, dass Migräne-Erkrankungen eine Art Kontinuität repräsentieren: „Von Koliken im Säuglingsalter über zyklische Übelkeits-Syndrome bei jungen Kindern hin zu Migräne bei Erwachsenen“, schreibt Epstein.

Koliken als neuer Baustein der Migräne

Wie Heinen gegenüber Medscape Deutschland erklärt, wird die Diagnose Migräne praktisch nie vor dem 4. Lebensjahr gestellt. Auch noch zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr sei sie eine echte „Rarität“. „Die Diagnose Migräne erfolgt im Schulalter, steigt nach dem 10. Lebensjahr sehr stark an und erreicht dann mit der Pubertät einen Gipfel, mehr bei den Mädchen als bei den Jungen.“ 10% der 15-Jährigen leiden an Migräne (mehr als 5-maliges Auftreten) und noch einmal 20% an „wahrscheinlicher Migräne“ (weniger als 5-maliges Auftreten).

„Migräne wird von sehr jungen Kindern nicht als Kopfschmerz wahrgenommen. Die Äußerung, dass es sich um Kopfschmerzen handelt, stellt sich erst ein, wenn die Kinder älter sind“, erklärt Heinen. Schon früh zeigten sich aber episodische, periodische Ereignisse. Dazu gehöre der paroxysmale benigne Schwindel und der benigne paroxysmale Torticollis, also ein Schief-Halten des Kopfes für kurze Zeit. Diese Episoden, so Heinen, werden alle mit Migräne assoziiert: „Koliken kommen jetzt als neuer Baustein hinzu.“ Denn Migräne haben laut Heinen die betroffenen Kinder von Geburt an und typisch sei eben, dass das Gehirn von Migränikern zu bestimmten Zeiten für eine Weile anders reagiere als das Gehirn von Nicht-Migränikern.

Als Einschränkung solcher Studien wertet Heinen, dass grundsätzlich nur Assoziationen und keine Kausalität nachgewiesen werde könne: „Doch die Daten sind sehr sicher und solide herausgearbeitet. Gezeigt wurde auch, dass nur zwischen Migräne und Koliken eine Assoziation besteht und nicht zwischen Spannungskopfschmerzen und Koliken.“ Die Studie sei nicht nur sehr gut gemacht und praxisnah, sie passe auch sehr gut zu den klinischen Erfahrungen von Pädiatern mit kindlicher Migräne.

Das Studienergebnis beeinflusse nicht zuletzt die Deutung kleinkindlicher Koliken: „Es ist ein Unterschied, ob man sagt, die Koliken könnten Ausdruck falscher Ernährung oder einer Bindungsstörung mit der Mutter sein, oder aber, ob ich eben weiß, dass sie auch ein früher Ausdruck von Migräne sein können.“ Die Diagnose frühkindliche Migräne sei dabei umso wahrscheinlicher, je eindeutiger Migräne in der Familie bekannt sei, etwa bei der Mutter oder Großmutter.

Referenzen

Referenzen

  1. Gelfand AA, et al: Neurology 2012;79(13):1392-6
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22972642
  2. Romanello S, et al: JAMA. 2013;309(15): 1607-1612
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.2013.747
  3. Epstein LG, et al: JAMA. 2013;309(15): 1636-1637
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.2013.3873.

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Gelfand AA, Romanello S, Epstein LG, Heinen F: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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