Ein Transitionskoordinator hilft, wenn das Erwachsenwerden mit Typ-1-Diabetes Probleme macht

Simone Reisdorf | 16. Mai 2013

Autoren und Interessenkonflikte

Leipzig – Diabetologen sollten sensibel nachfragen, wenn junge Erwachsene mit Typ-1-Diabetes über längere Zeit hohe Blutzuckerwerte aufweisen: Oft erschweren kritische Lebensereignisse und manchmal auch psychische Komorbiditäten das tägliche Management der Krankheit. Es gibt aber Möglichkeiten, die Übergangsphase von der Kinder- in die Erwachsenendiabetologie von vornherein in speziellen Transitionsprogrammen zu planen und zu begleiten.

 

Prof. Dr. Karin Lange
 

Junge Erwachsene haben häufiger psychische Probleme, als man glaubt. Junge Menschen mit Typ-1-Diabetes machen da keine Ausnahme. Das belegen auch die Ergebnisse der Studie „Lebenschancen mit Diabetes 2011/2012“, die von Prof. Dr. Karin Lange, Fachpsychologin Diabetes DDG an der Medizinischen Hochschule Hannover auf der Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Leipzig vorgestellt wurde [1]. Es handelt sich um eine strukturierte Befragung von 306 jungen Erwachsenen im Alter von 19 bis 30 Jahren mit Typ-1-Diabetes in Niedersachsen.

Darin berichten 10,6% der Studienteilnehmer, dass bei ihnen eine Angststörung, eine Essstörung oder Depressivität diagnostiziert worden ist. Das hat Folgen: Studienteilnehmer mit psychischen Komorbiditäten hatten eine schlechtere Lebensqualität, mehr diabetesbezogene Belastungen im Alltag und mit 8,9% vs. 8,2% einen signifikant höheren HbA1c-Wert als die psychisch Gesunden [2].

Kritische Lebensereignisse erschweren die Blutzuckereinstellung

 
„Schon ein kritisches Lebensereignis reicht aus, um die Diabeteseinstellung zu verschlechtern.“
Prof. Dr. Karin Lange
 

Aber nicht nur eine manifeste Depression kann die Stoffwechseleinstellung junger Erwachsener ungünstig beeinflussen, gibt Lange zu bedenken: „Schon ein kritisches Lebensereignis reicht aus, um die Diabeteseinstellung zu verschlechtern.“ Ein solches Ereignis hatten immerhin 33,2% der jungen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes in der Studie in den letzten 12 Monaten erlebt [2].

Dabei handelte es sich um die unterschiedlichsten Erfahrungen, die Spannweite reichte von Partnerschafts- und Ausbildungsproblemen über Geldsorgen bis hin zu eigenen Gewalterfahrungen oder dem Tod eines Familienangehörigen. „Den eigenen Glukosestoffwechsel in solchen Situationen unter Kontrolle zu behalten, kann manchmal schwierig sein für die jungen Erwachsenen“, so Lange. Denn nun müssen sie allein damit zurechtkommen, während zuvor Eltern und Kinderdiabetologen als 2 beschützende Diabetesteams für sie da waren.

So verwundert es nicht, dass in der Studie auch diejenigen Patienten, die gerade kritische Lebensereignisse durchgemacht hatten, eine eher ungünstige Blutzuckereinstellung hatten. Ihr Durchschnitts-HbA1c lag bei 8,8% im Vergleich zu 8,0% bei den unbelasteten Altersgenossen.

„Das Wissen um zu hohe Blutglukosewerte verstärkt dann noch diabetesspezifische psychische Belastungen wie die Angst vor Folgeerkrankungen oder Schuldgefühle wegen unzureichenden Therapieverhaltens“, so Lange. Dies bildet sich auch im allgemeinen Wohlbefinden ab. 

Diabetesteams erhalten gute Noten

Den sie betreuenden Diabetesteams in den Schwerpunktpraxen geben die jungen Erwachsenen in der Befragung gute Noten – im Durchschnitt bewerten sie sie mit 1,7. Fast alle sind mit der medizinischen Behandlung zufrieden oder sehr zufrieden, mehr als 80% beurteilen die Diabetesschulung ebenso positiv.

Allerdings finden nur 60% die in der Arztpraxis angebotene Ernährungsberatung, 50% die Unterstützung bei sozialen Fragen und gut 40% die psychologische Unterstützung zufriedenstellend oder sehr zufriedenstellend. „Das Hauptproblem ist hier, dass entsprechende Angebote im ambulanten Sektor oft nicht existieren“, so Lange.

„Was den jungen Erwachsenen oft fehlt, ist eine psychologische Beratung jenseits einer strukturierten Psychotherapie – einfach nur ein Rat von ihrem Arzt oder psychologisch qualifizierten Teammitgliedern“, ergänzt die Expertin und rät: „Wenn wir sie nach Gründen für ihre hohen Blutglukosewerte fragen, sollten wir uns mit Aussagen wie ‚Ich hatte Stress‘ nicht begnügen, sondern weiter nachhaken und gegebenenfalls Hilfsangebote machen.“

Neben Problemfeldern und Betreuungsbedarf mancher junger Erwachsener zeigte die Studie aber auch viel Positives. So hatten 48% der jungen Menschen in der Stichprobe die Hochschulreife, und nur 6% waren ohne Arbeit – damit schnitten sie jeweils besser ab als der Durchschnitt der Gleichaltrigen in Niedersachsen [2].

Strukturierte Programme und individuelle Betreuung

 

Priv.-Doz. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer
 

Viele Probleme lassen sich von vornherein durch gezielteVorbereitung der Transition von der Kinder- zur Erwachsenendiabetologie vermeiden oder lindern. Dazu gehören Schulungen zum Selbstmanagement, die Zusammenstellung einer Epikrise für den internistischen Diabetologen und die übergangsweise gemeinsame Betreuung der jungen Erwachsenen [3].

„Häufig zeigen sich spätere diabetologische und psycho-soziale Probleme schon in der Kinder- und Jugendzeit“, konstatiert Priv.-Doz. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Deshalb gibt es in pädiatrischen Diabeteszentren spezielle Transitionsprogramme mit einem Transitionskoordinator sowie Kliniken, in denen sowohl Pädiater als auch Internisten verfügbar sind.“

Kulzer, ebenfalls Fachpsychologe Diabetes DDG, rät bei Schwierigkeiten in der Diabeteseinstellung zunächst zu überprüfen, ob Schulungsbedarf besteht [4]. „Bei speziellen Problemen mit der Erkrankung kann auch die Mitbehandlung durch einen Psychologen bzw. Psychotherapeuten mit speziellen Kenntnissen über Diabetes indiziert sein.“

Im „Berliner Transitionsprogramm“ schließlich werden spezielle Lösungen für Patienten mit erhöhten somatischen oder psychosozialen Risiken erarbeite [5]. So kann Transitionindividualisiert und maßgeschneidert erfolgen.

Referenzen

Referenzen

  1. 48. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) 2013 vom 8.-10. Mai 2013, Leipzig /www.diabeteskongress.de
    Lange K: „Junge Erwachsene mit Typ 1-Diabetes: Risiken, Bedürfnisse und Versorgungsrealität“ (Symposium „Diabetes und Psyche“) / Online-Interview
    www.diabeteskongress.de
  2. „Lebenschancen mit Diabetes 2011/2012“, noch unveröffentlicht
  3. Peters A, et al: Diabetes care 2011;34:2477-2485.
    http://dx.doi.org/10.2337/dc11-1723
  4. Weitere Informationen auf:
    www.diabetes-psychologie.de
  5. Berliner Transitionsprogramm:
    http://www.drk-kliniken-berlin.de/westend/krankenhaus-westend/berliner-transitionsprogramm/

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Kulzer B: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Lange K: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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