„Ab dann ging es aufwärts“ – Psycho-Edukation bei adultem ADHS

Andrea S. Klahre | 6. Mai 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Medscape Deutschland: Ist die Diagnose den Patienten bekannt, wurde diese in der Kindheit bereits gestellt?

Dr. Bender: Hier gilt, wie so oft in der Medizin, die gute alte Drittelregel. Ca. ein Drittel derjenigen, die in unsere Ambulanz für adulte ADHS kommen, sind irgendwann in Kindheit und Jugend einmal vordiagnostiziert worden und bitten um Wiederaufnahme bzw. Weiterbehandlung ab dem Erwachsenenalter. Von den zwei Dritteln, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, hat sich schon die Hälfte mit dem Thema auseinandergesetzt: über die Diagnose ihrer Kinder.

Medscape Deutschland: Und der Rest weiß nicht, wie ihm geschieht...?

Dr. Bender: So ist es wohl. Immerhin haben ca. 20% der Suchtkranken eine ADHS, die aber meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Medscape Deutschland: Sucht als eine Komorbidität. Was bedeuten Komorbiditäten für die Biographie?

Dr. Bender: Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den Prägnanztypen. Das eher bei Mädchen/Frauen verbreitete ADS ist geprägt von einer Selbstwertproblematik, entstanden durch die Verarbeitung vieler Misserfolge, das Anderssein in der Peergroup, Angststörung und Depressionen. Beim Vollbild des hyperaktiven und impulsiven Typus kommt es häufiger zu dissozialen Verhaltensweisen und Straffälligkeit sowie zu Substanzmissbrauch.

Medscape Deutschland: Aufgrund welcher Umstände wird ADHS bei einem Erwachsenen überhaupt diagnostiziert?

Dr. Bender: Die Patienten, die eigeninitiativ in die Ambulanz kommen, haben meist mit krisenhaft zugespitzten Lebenssituationen zu kämpfen, die sie aufgrund ihrer ADHS-Symptomatik nicht ohne Hilfe überwinden können. Das betrifft z. B. Partnerschafts- oder familiäre Konflikte, Arbeitsplatzprobleme, Schwierigkeiten zu einem Schul-, Studien- oder Berufsabschluss zu gelangen.

Bei anderen findet sich eine lange Reihe frustraner Psychotherapieversuche bei unklarer Diagnose, bis jemand an die Differentialdiagnose ADHS denkt und nicht selten dann erst eine effiziente Behandlung beginnt. In jedem Fall ist eine gezielte biographische Anamnese erforderlich, wobei es eine conditio sine qua non für die Feststellung einer adulten ADHS ist, dass entsprechende Auffälligkeiten in der Kindheit zu eruieren sind. Hierbei können gute validierte Fragebögen hilfreich sein.

Medscape Deutschland: In der Kindheit gibt es gerade im Bereich Aufmerksamkeit Schnittstellen zu anderen Diagnosen, z. B. zur Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD). Und das ab Mai verfügbare DSM V hat die umstrittene Neudiagnose Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD) aufgenommen. Was bedeutet das für die Diagnostik – und eine potenzielle Falschdiagnose?

Dr. Bender: Im Hinblick auf kognitive und auch Teilleistungsstörungen müssen selbstverständlich Differentialdiagnosen angestellt werden – beziehungsweise wie bei der FASD ätiopathogenetische Überlegungen. Die DMDD ergibt für den Adoleszenten und Erwachsenen meines Erachtens keine klinisch relevante neue differentialdiagnostische Herausforderung, da wir die bei der ADHS typische Affektlabilität und die Temperamentsstörung ohnehin abgrenzen müssen zum bipolaren Spektrum, hier unter anderem zu der wenig beachteten Zyklothymia, sowie zu den Persönlichkeitsstörungen wie der dissozialen und vor allem zu einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline- oder impulsiven Typus.

Referenzen

    8. Deutscher Psychoedukations-Kongress: Psychoedukation in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatischer Medizin. 22-23. März 2013, Hamburg
    http://www.dgpe-kongress.de

Autoren und Interessenskonflikte

Andrea S. Klahre
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Bender M: Vortragshonorare, Reisekosten oder Forschungsförderung von BMS, Janssen, Lilly, Lundbeck, Medice, Merz, Novartis, Servier.

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