„Ab dann ging es aufwärts“ – Psycho-Edukation bei adultem ADHS

Andrea S. Klahre | 6. Mai 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Hamburg Heranwachsende mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) werden volljährig wie ihre psychisch gesunden Altersgenossen, aber sie entwachsen ihren Problemen damit nicht. Es wird mitunter nicht einmal leichter. „Die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist schwierig zu schließen“, sagte Dr. Matthias Bender, Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Hadamar und Weilmünster, im Gespräch mit Medscape Deutschland anlässlich des 8. Psychoedukations-Kongresses in Hamburg.

 

Dr. Matthias Bender
 

Die Häufigkeit des adulten ADHS in Deutschland wird mit 3,1% der Gesamtbevölkerung angegeben. Legt man zugrunde, dass 5 bis 10% aller Kinder betroffen sind, so bedeutet dies, dass ADHS-Symptome (s. Tabelle 1) bei etwa der Hälfte bis ins Erwachsenenalter persistieren. Allerdings können die Kardinalsymptome sich wandeln – von der meist Außenstehenden auffallenden Zappeligkeit in innere Unruhe und quälende Getriebenheit. Obendrein können die Symptome durch inzwischen erworbene Kompensationsstrategien und komorbid auftretende Erkrankungen vollständig maskiert sein. Diagnose und Management der adulten ADHS sind somit auch für den Facharzt eine Herausforderung.

Medscape Deutschland: Herr Dr. Bender, kennen erwachsene ADHSler Langeweile?

Dr. Bender: Die Langeweile ist vor allem in der Adoleszenz ein sehr relevantes Phänomen, aber im Vergleich zu anderen Primäraffekten wie Scham, Schuld oder Angst unspezifisch und viel zu wenig beforscht. Neue Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang von AD(H)S und Langeweile. Demnach gibt es ein neuronales Netzwerk, das Default-Mode-Network (DMN), das besonders bei Langeweile bzw. Monotonie aktiv ist und geradezu ausgeknipst werden muss, um Aufgaben konzentriert zu erledigen. Das DMN ist auch aktiv, wenn wir produktiv gelangweilt sind – also dösen, tagträumen, vielleicht auch kreativitätsfördernd abschweifen.

ADHS-Betroffene können dieses DMN nicht wirksam ausschalten, wenn sie auf eine Aufgabe fokussieren müssen. Hier wirken starke Belohnungen in Form von stimulierenden Reizen ähnlich förderlich wie Psychostimulantien.

Medscape Deutschland: Ist „novelty seeking“ – die Sucht nach Neuem, nach dem „Thrill“ – eine Eigenschaft, die Erwachsene mit ADHS besonders charakterisiert, Frauen wie Männer?

Dr. Bender: Zumindest ist es typisch für die reizoffene wie auch nach Reizen suchende Gruppe mit hohem Anteil an novelty seeking. Die kurze, gelegentlich auch impulsiv aufkeimende Faszination für ein neues Thema erlahmt allerdings, sobald Konstanz und Disziplin gefordert sind. So ist die Ausrüstung für die neue Sportart schnell gekauft, verschwindet aber nach der 3. Trainingsstunde rasch wieder im Keller. Generell haben die Patienten große Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen, bevor sie Neues beginnen. Das heißt, es mehren sich die offenen Baustellen, vieles gelingt nur noch auf den letzten Drücker.

Dies ist ein Hintergrund für das bei erwachsenen Frauen wie Männern mit ADHS häufig bestehende Phänomen der Desorganisation. Die Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

Deshalb hat es sich für die Diagnostik der adulten ADHS bewährt, neben den Kardinalsymptomen Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität die Dimensionen Desorganisation, Affektlabilität, Temperamentsstörung, emotionale Hyperreagibilität, also der Umgang mit Belastungen, nach den Utah-Kriterien anzuwenden.

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Referenzen

    8. Deutscher Psychoedukations-Kongress: Psychoedukation in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatischer Medizin. 22-23. März 2013, Hamburg
    http://www.dgpe-kongress.de

Autoren und Interessenskonflikte

Andrea S. Klahre
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Bender M: Vortragshonorare, Reisekosten oder Forschungsförderung von BMS, Janssen, Lilly, Lundbeck, Medice, Merz, Novartis, Servier.

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