Leukämien und Lymphome: Ein Baukasten von neuen Krebsmedikamenten

Simone Reisdorf | 25. April 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Die Entschlüsselung genetischer und molekularbiologischer Grundlagen onkogener Prozesse ermöglicht derzeit die Entwicklung zahlreicher neuer Krebsmedikamente. Damit bessern sich auch die Aussichten vieler Leukämiepatienten, so das Fazit einer Pressekonferenz beim Wiesbadener Internistenkongress [1]. Eine Aufgabe der forschenden und klinisch tätigen Hämato-Onkologen besteht nun darin, sinnvolle Kombinationen der neuen „Therapiebausteine“ zu finden.

Bei der Onkogenese können Genmutationen wie eine reziproke Translokation oder epigenetische Modifikationen wie DNA-Methylierungen eine wichtige Rolle spielen: Sie führen über die Produktion fehlerhafter Signalproteine zu unkontrollierter Zellteilung und -differenzierung. Im Falle der Leukämien und Lymphome genügen einige wenige genetisch veränderte Blutstammzellen, um Blut, Knochenmark oder Lymphorgane mit (oft funktionsuntüchtigen) Leukozyten und deren unreifen Vorstufen zu überschwemmen.

„Small molecules“ verlangsamen Krankheitsverlauf

 

Prof. Dr. Michael Hallek
 

Um dem entgegenzutreten, „werden derzeit mit atemberaubender Geschwindigkeit ‚kleine Substanzen‘ entwickelt und kommen zur klinischen Testung oder sind schon zugelassen“, schwärmt Prof. Dr. Michael Hallek, Universitätsklinikum Köln, bei der Pressekonferenz. Dies gelte etwa für die „eher indolent verlaufenden Lymphome und Leukämien, also die Chronische Myeloische Leukämie, Chronische Lymphatische Leukämie, Follikuläre Lymphome und Myeloproliferative Neoplasien.“

Hallek ergänzte: „Die neuen Substanzen haben in der Regel eine sehr gute Wirkung und verlängern den Krankheitsverlauf deutlich bei einer hohen Lebensqualität“. Grund dafür seien die wesentlich geringeren unerwünschten Wirkungen im Vergleich zu konventionellen Chemotherapien.

Ein frühes Beispiel für einen solchen „Baustein der Krebstherapie“ sei Imatinib, mit dem man bei CML-Patienten beeindruckende Überlebensraten und darüber hinaus Krankheitskontrollraten von mehr als 90% erreiche, so Hallek.

Fehlerhafte Signalproteine oder Gene ausbremsen

 

Prof. Dr. Alwin Krämer
 

Im Gespräch mit Medscape Deutschland erläutert Prof. Dr. Alwin Krämer vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg die pharmakodynamischen Hintergründe der Wirkung: „Einige der neuen Medikamente blockieren die Wirkung der fehlerhaften Genprodukte, etwa Tyrosinkinase-Inhibitoren wie Imatinib, Dasatinib und Nilotinib. Andere Medikamente setzen an der Genveränderung selbst an, an der epigenetischen Modifikation.“ So sei der mutmaßliche Wirkmechanismus von Azacitidin und Decitabin die Demethylierung, also die Umkehr unphysiologischer Methylierungsvorgänge an den DNA-Nukleosiden, erläutert Krämer.

Reparatur durch Demethylierung?

Sowohl Azacitidin als auch Decitabin sind für die Behandlung bestimmter Patienten mit Akuter Myeloischer Leukämie zugelassen. Azacitidin ist außerdem bei bestimmten Patientengruppen mit Myelodysplastischem Syndrom (MDS) und Chronischer Myelomonozytärer Leukämie zugelassen, Decitabin für die Behandlung dieser Erkrankungen bisher nur in den USA.

„Abgesehen von der allogenen Stammzelltransplantation war die Behandlung mit Azacitidin bei MDS-Patienten die erste lebensverlängernde Therapie, außerdem führte sie zu einer Verringerung des Transfusionsbedarfes“, berichtet Krämer. Decitabin bezeichnet er gegenüber Medscape Deutschland als „ähnlich wirkende Substanz und ebenfalls aussichtsreich.“

Aggressive Lymphome eher konventionell behandeln

Hallek äußert sich in der Pressekonferenz auch zu den aggressiven Lymphomen. Hier sei der neue Trend zum Einsatz wirksamer zielgerichteter Therapien noch nicht so ausgeprägt: „Die Entwicklung vollzieht sich langsamer“, meint er. Gründe seien unter anderem die bereits etablierten sehr guten Therapiestandards: „90% der Patienten mit Hodgkin-Lymphom können mit Chemotherapien geheilt werden, etwa 60% der Patienten mit aggressiven Lymphomen mittels Chemoimmuntherapie.“ Daher sei es natürlich für neue Medikamente schwer, Vorteile gegenüber diesen Standards zu zeigen.

Krebs immer seltener ein Todesurteil?

Hallek stimmt dem Kommentar der Kongresspräsidentin, Prof. Dr. Elisabeth Märker-Hermann, Wiesbaden, zu. Krebserkrankungen wie die CML könnten künftig mit anderen chronischen Erkrankungen unter dauerhafter medikamentöser Kontrolle verglichen werden, meint sie. Er schließt: „In den nächsten 20 oder 30 Jahren werden wir Ärzte lernen müssen, die neuen Medikamente nach einer Art Baukastenprinzip richtig zu kombinieren.“

Referenzen

Referenzen

  1. 119. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 6. bis 9. Apri 2013, Wiesbaden.
    Mittags-Pressekonferenz der DGIM am 9. April 2013, Statement von Prof. Dr. Michael Hallek, Köln: „Blut-und Lymphdrüsenkrebs: Sind Leukämien und Lymphome bald heilbare Erkrankungen?”
    http://dgim2013.de/

Autoren und Interessenskonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Hallek K, Krämer A, Märker-Hermann E: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.