Boomender Medizintourismus: Zur Operation ins Ausland

Ursula Armstrong | 24. April 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Araber und neuerdings auch Russen kommen nach Deutschland, um sich eine neue Hüfte einsetzen zu lassen, Deutsche reisen nach Polen oder in die Türkei, um sich die Zähne richten zu lassen – der Medizintourismus boomt seit Jahren.
Fast 83.000 ausländische Patienten aus 171 Ländern wurden im Jahr 2011 in deutschen Krankenhäusern behandelt. Das war eine Steigerung um 7,5% verglichen mit dem Jahr zuvor. Dazu kamen etwa 123.000 ambulante internationale Patienten. Das Erlösvolumen durch die Behandlung ausländischer Patienten wird auf etwa 1 Milliarde Euro pro Jahr geschätzt [1]. Mit diesen Zahlen belegt Jens Juszczak, Leiter des Forschungsbereichs Medizintourismus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin, den Medizintourismus-Boom.

40 Länder konkurrieren um Medizintouristen

Bis noch vor wenigen Jahren kamen die Nicht-EU-Auslandspatienten vor allem aus dem arabischen Raum, aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait oder auch Bahrain. Das habe sich innerhalb kurzer Zeit geändert, so Juszczak im Gespräch mit Medscape Deutschland. Inzwischen stehe Russland an erster Stelle: Im Jahr 2004 wurden 1.100 russische Patienten stationär behandelt, 2011 waren es bereits knapp 6.200. An dritter und fünfter Stelle folgen schon die Ukraine und Kasachstan. Platz 2 und 4 halten zwar immer noch die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, doch hier stagnieren die Zahlen.

Aber auch in die umgekehrte Richtung geht die Reise. Mehr als 300.000 Deutsche pro Jahr lassen sich im Ausland behandeln, so die Schätzungen – genau ist dies nicht erforscht. Dabei geht es in der Regel in europäische Staaten wie Polen oder die Türkei. Und schließlich gibt es noch den Bereich des „Gesundheitstourismus“, bei dem es laut Juszczak nicht um unbedingt medizinisch notwendige Eingriffe geht, sondern etwa um Kuren, Check-ups oder kleinere OPs der Schönheitschirurgie, die mit einem Urlaub oder einen Shopping-Trip verbunden werden. Auch dieser Bereich wächst.

 
„Anders als wir denken, ist Deutschland kein sehr teures Land, was die Kosten für medizinische Behandlungen angeht. Vor allem operative Eingriffe sind hier relativ preiswert.“
Jens Juszczak
 

Warum reisen so viele Patienten zur medizinischen Therapie ins Ausland? Juszczak unterscheidet verschiedene Gruppen: Da gebe es die Patienten, die weltweit nach der besten Behandlungsmöglichkeit für ihr Leiden suchen. Die Kosten spielen bei ihnen eine nachgeordnete Rolle. Zu dieser Gruppe zählt der Forscher auch Patienten, die nach besseren Behandlungsmöglichkeiten suchen als ihr Heimatland sie bieten kann. Deutsche Medizin und deutsche Ärzte sind bei diesen Patienten beliebt und hoch angesehen. Besonders gefragt seien die Fachbereiche Orthopädie, Innere Medizin, Allgemeine und Viszeralchirurgie, Unfall- und orthopädische Chirurgie, Kardiologie sowie Onkologie.

Doch Deutschland ist beileibe nicht das einzige Ziel solcher Medizintouristen. Insgesamt 40 Länder weltweit konkurrieren um diese lukrativen Patienten. Dazu zählen etwa die Schweiz, die USA, Singapur oder auch Costa Rica. Manche Länder haben in einem speziellen Bereich einen besonders guten Ruf, Beispiele sind Herzoperationen in Südafrika oder Augen-OPs in Iran oder der Türkei.

In Deutschland sind operative Eingriffe nicht sehr teuer

Eine zweite Patientengruppe reist ins Ausland, weil die Behandlung dort preiswerter ist als in ihrer Heimat. Das gelte besonders für Schweizer und US-Amerikaner, erklärt der Medizintourismus-Forscher. Auch für diese Patienten ist Deutschland ein sehr attraktives Ziel.

„Anders als wir denken, ist Deutschland kein sehr teures Land, was die Kosten für medizinische Behandlungen angeht. Vor allem operative Eingriffe sind hier relativ preiswert. Wir haben dies verglichen mit der Schweiz: In Deutschland liegen die Kosten oft nur bei einem Drittel.“ Aber auch viele andere Länder sind teurer. So kostet beispielsweise eine Bypass-OP in Deutschland etwa 12.000 Euro. In Großbritannien, Südafrika, Mexiko oder Costa Rica liegen die Kosten zum Teil deutlich darüber.

Eine dritte Patientengruppe sucht medizinische Hilfe im Ausland, um Wartezeiten auf Operationen im Heimatland zu vermeiden. Das seien vor allem Briten, Polen und Niederländer, so Juszczak. Für orthopädische Eingriffe zum Beispiel ist die Wartezeit in Deutschland viel kürzer als in den Niederlanden. „Übrigens sind auch die Preise niedriger, deshalb wird das von den holländischen Krankenkassen unterstützt.“ Denn innerhalb Europas übernehmen die heimischen Kassen die Kosten für die Behandlung im Ausland entsprechend einer neuen EU-Richtlinie, die im vergangenen Jahr verabschiedet wurde und die bis Oktober 2013 von den einzelnen Staaten ratifiziert werden muss.

Bei deutschen Medizintouristen ist die Situation anders. Sie reisen in der Regel wegen Selbstzahler-Eingriffen wie Schönheits-, LASIK- oder Zahnersatz-OPs ins Ausland. „Die sind bei uns relativ teuer, und es gibt selten Zuschüsse von den Kassen. Wer sich das nicht leisten kann, fährt nach Polen, Ungarn, in die Türkei oder in die Slowakei. Das sind aber einfache Eingriffe. Kaum ein Deutscher würde wegen einer Herz-OP ins Ausland reisen.“

Medizintourismus ist jedoch nicht ohne Risiken und Gefahren. Nicht nur Kommunikationsprobleme können sich negativ auswirken; vor allem reisen die Keime mit. Erst Ende März starb ein Patient aus Abu Dhabi, der an einer Infektion mit einem neuartigen Beta-Coronavirus litt, in einem Münchner Krankenhaus [2].

Gute Vorbereitung ist wichtig

In Deutschland hört man immer wieder den Vorwurf, Kliniken zögen die lukrativeren internationalen Patienten vor, das sei ein Nachteil für die einheimischen Kranken. „Der Anteil ist aber so gering, das spielt keine Rolle“, meint Juszczak dazu. Der durchschnittliche Anteil an Auslandspatienten in Deutschland liegt derzeit bei 0,4%, in der Schweiz etwa ist der Anteil mit 3% deutlich höher.

Dennoch: Durch die Behandlung von ausländischen Patienten, die meist direkt bezahlen, fließt zusätzliches Geld in die Krankenhauskassen. Kein Wunder also, dass hier viel Werbung gemacht wird. So werben etwa das bayerische Gesundheitsministerium – „Bavaria – a better state of health“ –, die „Health Region Freiburg“ oder die Krankenhäuser in Köln, Bonn und Düsseldorf – „Medizintourismus entlang der Rheinschiene“ – um internationale Patienten. Es gibt entsprechende Internetseiten und Hochglanzbroschüren auf Englisch, Russisch und Arabisch, Anzeigen in ausländischen Fachzeitschriften, Auftritte auf Messen.

Kliniken, die an internationalen Patienten interessiert sind, müssen sich gut vorbereiten. Nicht nur die medizinische, auch die sprachliche Kompetenz muss vorhanden sein. Behandlungsverträge und Aufklärungsbögen etwa müssen in den entsprechenden Sprachen vorliegen. Hilfe gibt es beim Medizintourismus-Fachbereich der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Hier werden Kurse für Krankenhäuser angeboten [3]. Und am 12. September findet die 4. Medizintourismus-Konferenz statt – für interessierte Krankenhäuser sicher ein guter Einstieg [4].

Referenzen

Referenzen

  1. Juszczak J: „Internationale Patienten in deutschen Kliniken: Daten und Fakten. 2013“. Erscheinung voraussichtlich im September 2013.
    Bestellungen über den Fachbereich Medizintourismus der Hochschule Bonn-Rhein-Sie
    http://www.fb01.h-brs.de/medizintourismus.html
  2. Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie:
    http://www.g-f-v.org/
  3. Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
    www.auslandspatienten.de
  4. Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
    http://fachbereich01.de/Unternehmen/Konferenz+Medizintourismus.html

Autoren und Interessenskonflikte

Ursula Armstrong
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Jens Juszczak, Leiter des Forschungsbereichs Medizintourismus der Hochschule Bonn
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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