Immer mehr tuberkulosekranke Kinder in Deutschland

Ute Eppinger | 15. April 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Tuberkulose wird weltweit immer mehr zum Problem. Von der WHO schon vor 20 Jahren zum globalen Gesundheitsnotfall erklärt, hat sich die Situation mitnichten entspannt, wie eine Reihe von Essays und Studien nachweist, die die Zeitschrift The Lancet jetzt unter der Federführung von Prof. Dr. Alimuddin Zumla von der Medical School des University Colleges London und Dr. Marco Schito vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesa, USA, veröffentlicht hat [1].

Die Befunde der Studien klingen alarmierend: Die wachsende Bedrohung durch multiresistente TB-Bakterien (MDR) und XDR (extensively drug resistant TB) zeige, dass ohne konzertierte Aktion die Gesundheitssysteme weltweit Gefahr laufen, von einer wachsenden Anzahl an Patienten mit behandlungsresistenter TB überrollt zu werden. Zumla und Kollegen warnen, dass das Auftreten einer XDR TB in den vergangenen 8 Jahren die Möglichkeit einer potenziell unbehandelbaren Tuberkulose ankündige.

Nachlässige Antwort auf das Tuberkulose-Problem

Aus Sicht der Autoren wurde ein gravierendes Problem massiv unterschätzt: „Für viele Jahrzehnte war die Antwort auf das weltweite Tuberkulose-Problem bei den Regierungen sowohl reicher als auch armer Länder nachlässig.“ Tuberkulose, so die Forscher, sei nicht nur ein Problem armer Länder. „Internationale Reiseerleichterungen und erhöhte Raten von MDR in Osteuropa, Zentralasien und anderswo lassen die Gefahr und Ausbreitung von nicht behandelbarer TB ausgesprochen real werden“, so die Autoren.

Die Epidemie werde von erheblichen Schwierigkeiten bei der Diagnose sowie mangelnder ökonomischer Stabilität, Armut, Migration, unzureichendem Zugang zu medizinischer Versorgung und sozialen Dienstleistungen sowie fehlendem Geld etwa bei der Suche nach Biomarkern befeuert [2].

Die WHO schätzt, dass 2011 etwa 8,7 Millionen Menschen neu erkrankten. 1,4 Millionen Menschen starben, darunter waren 310.000 Fälle von MDR TB, 9% davon fielen in die Kategorie XDR. Weniger als ein Drittel (63 von 194) der WHO-Mitgliedsstaaten haben gegenwärtig ein TB-Überwachungssystem. Deutschland hat zwar ein effizientes System, das Problem ist damit aber längst nicht vom Tisch. Denn in einigen Teilen Osteuropas und Zentralasiens haben mehr als 30% der Neuerkrankten eine MDR Lungentuberkulose.

Osteuropa spiele in der Tat eine Rolle, bestätigt das RKI auf Anfrage von Medscape Deutschland. „Es ist ein globales Geschehen und man muss es im Auge behalten und einen solchen Krankheitsverlauf bei Patienten, die aus diesen Regionen stammen, in Betracht ziehen“, bestätigt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher. Weshalb die Zahl multiresistenter Keime in Osteuropa höher ist? Möglicherweise werde nur antherapiert – was Resistenzen fördern kann.

Liegt eine Resistenz vor, ist die Therapie mühsam. „Und eine Heilung gelingt leider auch nicht in allen Fällen“, bestätigt Glasmacher. In Deutschland liegt der Anteil an MDR stabil bei 2%. Dennoch dürften der langwierige Behandlungsaufwand und die hohen Therapiekosten nicht unterschätzt werden, stellt Glasmacher klar.

In Deutschland erkranken immer mehr Kinder 

Für das Jahr 2011 registrierte das RKI 4.317 Tuberkulosen, davon starben 162 Erkrankte, in 2010 waren es 4.388 Erkrankungen, darunter 161 Todesfälle. Der leichte Rückgang sollte aber keineswegs beruhigen. Denn bis 2008 war Tuberkulose jedes Jahr noch deutlicher zurückgegangen, bestätigt das RKI [3].

Und bei Kindern steigen die Fallzahlen sogar – von 142 Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren 2009 auf 197 Fälle 2011. Das ist aus einem weiteren Grund besorgniserregend: Da bei Kindern eine TB fast immer auf eine erst vor kurzem erfolgte Ansteckung hindeute, ist sie stets auch ein Indikator für das aktuelle Infektionsgeschehen. Zwar sei die Erkrankungszahl relativ klein, dennoch halte der Trend seit 3 Jahren an und sei signifikant.

„Weshalb Tuberkulose bei Kindern zunimmt, das wissen wir leider nicht“, erklärt Glasmacher. Es müssen aber akute Infektionsrisiken bestehen, denn: „Die Kinder müssen sich ja irgendwo angesteckt haben.“ Sich mit Tuberkulose anzustecken, geht schnell: Hustet z.B. ein Erkrankter in der U-Bahn, bleiben die Erreger dort noch eine ganze Weile in der Luft. Einatmen reicht also.

Therapie der nicht-resistenten TB dauert 6 Monate

„Jede Erkrankung erfordert umfassende Maßnahmen zur Unterbrechung der Infektionsketten, eine langwierige Therapie und einen hohen medizinischen Betreuungsaufwand“, warnt Reinhard Burger, Präsident des RKI. Wie hoch der schon bei einer „normalen“, also nicht resistenten Tuberkulose ist, das erklärt PD Dr. Elvira Richter vom Forschungszentrum Borstel, dem Nationalen Referenzzentrum für Mykobakterien. „Die herkömmliche Therapie einer Tuberkulose dauert 6 Monate. Kommt ein Patient erst spät zum Arzt, kann sich die Dauer noch verlängern.“

Auch die Belastung der Antibiotikatherapie sollte nicht unterschätzt werden: In den ersten 2 Monaten erhält der Patient 4 Antibiotika, dann noch einmal 2. Liegt eine MDR-Tuberkulose vor, erhöht sich die Behandlungszeit schnell auf 18 bis 24 Monate mit 3 bis 5 verschiedenen Antibiotika. Der Behandlungserfolg der MDR-TB lag 2011 in Deutschland bei lediglich 52,5% der Fälle, während er bei Patienten, die mit sensiblen Erregern infiziert waren, bei durchschnittlich 82,5% lag, bestätigt Dr. med. Lena Bös vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin.

Problematisch sind resistente Erreger nicht nur, weil sie schwerer zu behandeln sind, sondern auch, weil sie oftmals länger infektiös bleiben. Die Therapiedauer ist deutlich länger und mit häufigeren Nebenwirkungen verbunden. „Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern“, erklärt Bös.

Resistente Fälle stammen meist aus Osteuropa

Die Zahl von XDR-Fällen beziffert Richter auf 5 Patienten im Jahr 2011. Alle hatten sich in Osteuropa infiziert: „Russlanddeutsche besuchen dort ihre Familien, stecken sich an und kehren zurück.“ Aber nicht jede der Infektionen war von Beginn an eine XDR TB. „Ein Patient litt an MDR, der wurde hier bei uns in Deutschland falsch behandelt, so entstand aus einer MDR eine XDR.“

Inwieweit XDR therapierbar ist, dazu will Richter keine Aussage machen. „Anscheinend gehen unter bestimmten Therapeutika, eines davon ist z. B. für Lepra zugelassen, die Infektionen zurück. Doch ob diese Mittel langfristig wirken, das lässt sich noch nicht sagen.“ Zwei neue Medikamente stehen in den Startlöchern, bestätigt Richter, genug ist das aber nicht, denn:

„Zur Tuberkulose-Therapie brauchen wir immer mehrere Medikamente gleichzeitig, sonst entstehen Resistenzen. Weltweit haben wir ein MDR-Problem, das müssen wir in den Griff bekommen. Wenn wir das im Griff haben, dann wird uns XDR nicht überrollen, denn XDR entsteht dann, wenn MDR nur unzureichend bekämpft wird.“ 500.000 MDR-Fälle weltweit sind derzeit bekannt. Lässt sich MDR in die Schranken weisen? „Ich bin nicht ganz so optimistisch“, meint Richter.

Referenzen

Referenzen

  1. Zumla A, et al: Lancet (online) 24. März 2013
    http://dx.doi.org/10.1016/S1473-3099(13)70039-2
  2. Wallis R, et al: Lancet (online) 24. März 2013
    http://dx.doi.org/10.1016/S1473-3099(13)70034-3
  3. Pressemitteilung des RKI: 18.3 2013
    http://www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2013/01_2013.html?nn=3552964

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Ute Eppinger
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