Myokard bald aus der Retorte?

Simone Reisdorf | 10. April 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Mannheim – Die chronische Herzinsuffizienz soll künftig nicht nur funktionell, sondern kausal behandelt werden – dies mittels Stammzelltherapie. Deutsche Forscher leisten zu dieser Entwicklung einen herausragenden Beitrag, wie bei einer Pressekonferenz der 79. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Mannheim deutlich wurde.

Früher hatten Forscher die Hoffnung, Stammzellen aus dem Knochenmark könnten sich nach Injektion in die Koronararterien im Herzmuskelgewebe ansiedeln und sich dort zu Myokardzellen entwickeln. Doch diese Hoffnung wurde enttäuscht, so dass nun andere Ansätze verfolgt werden.

Am aussichtsreichsten erscheint derzeit die „Rückprogrammierung“ bereits ausgereifter Haut- oder anderer Körperzellen in den Zustand von Stammzellen und deren erneute Ausdifferenzierung. Für die Entdeckung dieses Prinzips der induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS)  hatte der Japaner Shin’ya Yamanaka im vergangenen Jahr den Nobelpreis erhalten.

Induzierte pluripotente Stammzellen für „funktionelles Herzgewebepflaster“

Prof. Dr. Gerd Hasenfuß, Vorsitzender des Herzforschungszentrums Göttingen und Direktor der Abteilung Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin, beschrieb die Vorgehensweise einer Arbeitsgruppe im Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK): „Wir möchten induzierte pluripotente Stammzellen bei Herzinsuffizienz nicht in die Koronararterien injizieren, sondern wir bevorzugen einen ‚tissue engineering approach‘ “, erläuterte er.

Dabei wird die Stammzelle in vitro vermehrt und die Zellen werden angeregt, zu Myokardzellen zu differenzieren. Daraus wird – noch immer in vitro – ein künstliches Gewebe gezüchtet und vaskularisiert. „Erst das fertige Herzgewebe wird dann im Patienten appliziert“, so Hasenfuß.

Es sei durchaus denkbar, als Ausgangsmaterial patienteneigene Zellen zu verwenden, wenn eine Vorlaufzeit von mehreren Monaten zur Verfügung stehe. Dann werde das Narbengewebe durch ein „passend zum Patienten“ nachgezüchtetes gesundes Gewebe ergänzt. „Andererseits ist auch eine Versorgung mit Gewebe denkbar, das aus Spenderzellen gezüchtet wurde“, so Hasenfuß. „Es würde wahrscheinlich genügen, etwa 100 verschiedene immunologische Subtypen vorzuhalten.“

Geschädigte Herzmuskelzellen zu entfernen, bevor das neue Gewebe aufgebracht wird, ist nicht vorgesehen, auch nicht bei Vernarbung nach Myokardinfarkt, wie Hasenfuß erläuterte. „Nur in wenigen speziellen Fällen, etwa bei einem ausgedehnten Herzwandaneurysma, wäre eine solche Maßnahme sinnvoll – sie würde aber die Operation ungleich aufwändiger und riskanter machen“, betonte er. Vielmehr soll das künstlich hergestellte Myokard wie eine Art funktionelles Pflaster auf das suboptimal oder gar nicht mehr arbeitende körpereigene Herzgewebe aufgenäht oder auch aufgeklebt werden.

 
„Auch wenn alles gut läuft, wird es sicher noch zehn Jahre dauern, bis das Verfahren in der Klinik anwendbar ist.“
Prof. Dr. Gerd Hasenfuß
 

Das Vorgehen nicht auf Zell-, sondern auf Gewebebasis hat laut Hasenfuß einen zusätzlichen Vorteil: „Es ermöglicht die Kontrolle über das gezüchtete Gewebe auf etwaige maligne Entartung.“ Denn gerade pluripotente Stammzellen seien ja durch ihre Entwicklungsmöglichkeit „in alle Richtungen“ gekennzeichnet, erinnerte er.

Startschuss für klinische Studien etwa 2016

„Auch wenn alles gut läuft, wird es sicher noch zehn Jahre dauern, bis das Verfahren in der Klinik anwendbar ist“, dämpfte Hasenfuß im Gespräch mit Medscape Deutschland allzu euphorische Erwartungen: „Derzeit führen wir Experimente mit Nagern durch.“ Etwa für 2015 oder 2016 seien Großtierexperimente mit Primaten vorgesehen. „Diese werden voraussichtlich in unserem Göttinger Zentrum stattfinden“, so Hasenfuß. Erst nach deren Abschluss, also Ende 2016 oder später, könne man die klinischen Studien angehen. „Wir hoffen, dass dann das Verfahren routinemäßig zum Einsatz kommt bei Patienten mit Herzinsuffizienz nach Myokardinfarkt und vielleicht auch bei anderen Ursachen der Herzinsuffizienz.“

Referenzen

Referenzen

    79. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. (DGK), Pressegespräch “Gen- und Zelltherapie: Wo wir wirklich stehen”. 04. April 2013, Mannheim

    Pressemeldung der DGK, 4. April 2013
    http://dgk.org/pressemitteilungen/2013-jahrestagung/2013-ft-aktuelle-pm/2013-ft-pm/2013-ft-pressemitteilungen-tag2/aus-stammzellen-gezuchtetes-gewebe-soll-das-angeschlagene-herz-regenerieren-deutsche-forscher-an-viel-versprechender-entwicklung-beteiligt/ 

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Simone Reisdorf
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