Antidepressivum lindert Neuropathie-Schmerz bei Krebspatienten

Inge Brinkmann | 9. April 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Bei 20-40% der mit potenziell neurotoxischen Zytostatika behandelten Krebspatienten tritt im Laufe der Therapie eine schmerzhafte periphere Neuropathie auf. Zwar sind bei der Mehrzahl der Betroffenen die Symptome, zu denen neben Schmerzen auch symmetrische Taubheitsgefühle oder Missempfindungen in Händen und Füßen gehören, nur vorübergehend. Bis sich die Beschwerden bessern, können aber Monate oder sogar Jahre vergehen.

Erschwerend kommt hinzu: In zurückliegenden Studien haben sich fast alle Analgetika als kaum wirksam gegen die durch den Chemotherapie-Einsatz hervorgerufenen Schmerz erwiesen. Eine neue Untersuchung, die jetzt im Journal of the American Medical Association veröffentlicht wurde, macht den Betroffenen Hoffnung. Denn in dieser randomisierten und placebokontrollierten Phase-3-Studie konnte nachgewiesen werden, dass die Gabe des Antidepressivums Duloxetin (z.B. Ariclaim®, Cymbalta®) die neuropathischen Schmerzen bei Tumorpatienten lindert [1].

„Mehrere Phase-3-Studien haben gezeigt, dass Duloxetin ein effektives Therapeutikum bei schmerzhafter diabetischer Neuropathie darstellt“, schreibt die Gruppe um Dr. Ellen M. Lavoie Smith an der University of Michigan School of Nursing in Ann Arbor. „Darauf basierte unsere Hypothese, dass Duloxetin auch den Chemotherapie-induzierten peripheren neuropathischen Schmerz lindern kann.“

Bislang bleibt Ärzten meist nichts anderes übrig, als bei den ersten Anzeichen einer Chemotherapie-induzierten Neuropathie die Dosis des eingesetzten Zytostatikums zu reduzieren. „Je schneller man auf die Symptome, die individuell ganz unterschiedlich auftreten, reagiert, umso eher vermeidet man irreversible Nervenschädigungen“, erklärt Dr. Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft im Gespräch mit Medscape Deutschland. „In bestimmten Fällen kann dadurch aber die Effektivität des Chemotherapeutikums sinken und das Rückfallrisiko steigen.“

Kontrolliert, randomisiert, doppelblind

Das Autorenteam um Smith hat für die Studie insgesamt 231 Patienten untersucht, die mehrheitlich an Brustkrebs oder einem gastrointestinalen Tumor erkrankt und mit neurotoxischen Zytostatika behandelt worden waren. Zu den eingesetzten Substanzen zählten hier das Platinderivat Oxaliplatin und das Taxan Paclitaxel, in wenigen Fällen auch andere Taxane.

Die in die Studie aufgenommenen Teilnehmer litten zudem seit mindestens 3 Monaten unter einer peripheren Neuropathie mit einem durchschnittlichen Schmerz-Score von 4 oder höher auf einer Skala von 0 (kein Schmerz) bis 10 (schlimmster vorstellbarer Schmerz).

Für die Studie im Crossover-Design wurden die im Mittel 59 Jahre alten Teilnehmer doppelblind und randomisiert 2 Gruppen zugeordnet: Gruppe A erhielt in der ersten Woche täglich 30 mg Duloxetin, danach 4 Wochen lang 60 mg pro Tag. Nach einer Washout-Periode von 2 Wochen erhielt dieselbe Gruppe weitere 5 Wochen lang das Plazebo (Crossover-Periode).

Gruppe B startete in den ersten Studienwochen mit dem Plazebo und erhielt erst in der anschließenden fünfwöchigen Crossover-Periode das Medikament in entsprechender Dosierung. Primärer Endpunkt der Studie war eine Veränderung der mittleren Schmerzbelastung am Ende der ersten Behandlungsperiode sowie Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

Signifikante Reduktion des Schmerzgrades – wenig überraschend?

 
„Bei den Patienten, die Oxaliplatin erhalten hatten, reduzierte sich das Schmerzlevel sogar drei- bis viermal häufiger um 30 oder 50% im Vergleich zur Placebo-Gruppe“.
Dr. Ellen M Lavoie Smith
 

Das Ergebnis der Datenauswertung liest sich vielversprechend: Immerhin 59% der Teilnehmer aus Gruppe A berichteten nach den ersten 5 Wochen zumindest von einer gewissen Linderung ihrer Beschwerden. In der Plazebo-Gruppe nahmen dagegen nur 38% im selben Zeitraum eine Besserung wahr.

Bei den mit Duloxetin behandelten Patienten hatte überdies der durchschnittliche Schmerz-Score um rund 10% abgenommen (-1,06 Punkte auf der Schmerz-Skala), unter dem Plazebo reduzierte sich das mittlere Schmerzlevel dagegen nur um 0,34 Punkte. „Die zehnprozentige Reduktion klingt nicht nach sehr viel“, gibt Smith zu. „Aber sie ist nach etablierten Standards als ein minimaler signifikanter Unterschied definiert.“

Um weitere Aussagen über die tatsächliche Stärke des analgetischen Effekts machen zu können, schaute sich das Team um Smith zusätzlich die Patienten genauer an, deren Schmerzen sich um 30 bzw. 50% reduziert hatten: Für die mit Duloxetin behandelten Patienten standen die Chancen für eine solche Reduktion doppelt so hoch wie für die Probanden der Plazebo-Gruppe.

Ein für Smith interessanter Nebenbefund war außerdem, dass die mit dem Zytostatikum Oxaliplatin vorbehandelten Patienten in besonderem Maße von dem Antidepressivum profitierten. „Bei den Patienten, die Oxaliplatin erhalten hatten, reduzierte sich das Schmerzlevel sogar drei- bis viermal häufiger um 30 oder 50% im Vergleich zur Placebo-Gruppe“. In der Veröffentlichung tippten die Autoren auf unterschiedliche nervenschädigende Mechanismen der Taxane und Platinderivate als Ursache für die divergierenden Effekte.

Ein Blick auf die Daten aus der Crossover-Periode zeigte schließlich noch, dass die schmerzlindernde Wirkung von Duloxetin auch in der Wiederholung nachweisbar blieb. Die Schmerzstärke verringerte sich diesmal unter dem Antidepressivum um 1,42 Punkte. Nahmen die Probanden das Plazebo ein, verringerte sich der Score nur um 0,41 Punkte auf der Skala.

Noch kein Durchbruch

Die Internistin Hübner ist von dem Ergebnis überhaupt nicht überrascht: „Die Studienteilnehmer litten ja alle bereits seit mehreren Monaten an den Symptomen. Da kann der Leidensdruck schon beträchtlich sein. Deshalb wundert es mich auch gar nicht, dass das Psychopharmakon vielen Patienten geholfen hat. Vermutlich könnten auch andere Psychopharmaka eine ähnliche Wirkung erzielen.“

Für den Patienten ist es zunächst egal, ob die Arznei auf die Psyche oder die Nerven wirkt, meinte Hübner, einen Durchbruch würde aber erst ein Medikament bringen, das die Entstehung der Polyneuropathie verhindert oder sie zur Rückbildung bringt. Dem schließt sich auch Smith an: „Wenn wir einen Weg finden können, dem Problem vorzubeugen, das wäre fabelhaft.“

Referenzen

Referenzen

  1. Lavoie Smith EM, et al: JAMA 2013;309(13):1359-1367
    http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1674238

Autoren und Interessenskonflikte

Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Ellen M. Lavoie Smith
Die Autorin gab an, bei Reisen zu Veranstaltungen von CALGB/Alliance unterstützt worden zu sein.

Dr. Jutta Hübner
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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