Immuntherapie gegen Krebs: Berechtigter Anlass für Hoffnungen?

Ute Eppinger | 8. April 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Wiesbaden – „Unser Immunsystem ist prinzipiell fähig, Krebs zu kontrollieren oder sogar zu beseitigen“. Der Onkologe Prof. Dr. Norbert Frickhofen, illustrierte beim 119. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden am Fall einer Patientin, was das Immunsystem bei einer Krebserkrankung leisten kann.

Die Frau war an Leukämie erkrankt und galt als austherapiert, als sie eine Sepsis entwickelte. Nachdem diese überstanden war, zeigte sich, dass die schwere Infektion den Krebs zum Verschwinden gebracht hatte. Leider war in diesem Fall der Effekt nicht von Dauer, schränkte der Direktor der Klinik für Innere Medizin III der Dr. Horst Schmidt-Klinik in Wiesbaden, ein.

Schon seit Jahren wird versucht, die prinzipielle Fähigkeit des Immunsystems, die Ausbreitung von Tumorzellen zu kontrollieren, therapeutisch zu nutzen. Frickhofen gab in Wiesbaden einen Überblick darüber, wie weit diese Bemühungen inzwischen gediehen sind. „Immunologische Kontrolle von Krebserkrankungen: Gibt es berechtigte Hoffnungen?“, lautete das Thema seines Vortrags [1].

Tatsächlich hat es in der Immuntherapie in der letzten Zeit einige beeindruckende Erfolge gegeben. Ein Beispiel sind die Aufsehen erregenden Ergebnisse mit Ipilimumab beim metastasierten Melanom, bei dem in einigen Fällen derart lang anhaltende Remissionen erreicht wurden, dass eventuell sogar von einer Heilung auszugehen ist.   

Die passive Immuntherapie...

Verschiedene Beobachtungen machen die These plausibel, dass das Immunsystem Krebs kontrollieren oder gar heilen kann. So ist z.B. die Zahl der Lymphozyten im Tumorgewebe auch ein Marker für die Prognose der Erkrankung. Doch erwiesen sich die Versuche, die Immunantwort auf Krebs gezielt zu nutzen, zunächst als schwierig: „Lange Zeit hat man die Komplexität der Immunantwort und die Flexibilität der Krebszellen unterschätzt“, stellte Frickhofen klar.

Doch neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben zu einem besseren Verständnis der Immunreaktion beigetragen, man kann diese nun auch gezielter durch exogen zugeführte Wirkstoffe manipulieren. So hat sich inzwischen die Immuntherapie zu einer bedeutenden Säule der Krebsbehandlung entwickelt.

Schon seit 1998 werden monoklonale Antikörper routinemäßig in der Krebstherapie eingesetzt. Sie sind inzwischen Standard bei der Behandlung verschiedener Tumore. Dazu zählt z.B. der chimäre monoklonale anti-CD20 Antikörper Rituximab bei Lyphomen und lymphatischen Leukämien. Oder der humanisierte monoklonale Antikörper Trastuzumab, der an den epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor HER2/neu (Humaner Epidermaler Wachstumsfaktor Rezeptor) auf der Oberfläche von Krebszellen bindet und bei Brust- und Magenkrebs eingesetzt wird. Ebenso Cetuximab gegen Kolorektal-Karzonome und lokal fortgeschrittene Plattenepithelkarzinome des Kopfes und Halses, ebenfalls ein chimärer monoklonaler Antikörper vom Typ IgG1, der gegen den Epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR) gerichtet ist.

Neuentwicklungen sind die bifunktionellen Antikörper. Sie bauen sich aus 2 miteinander verbundenen Komponenten auf, die auf der einen Seite selektiv zu einem Antigen auf einer Zielzelle passen und auf der anderen Seite spezifisch an Oberflächenproteine von T-Zellen binden. So können diese BiTE-Antikörpern gezielt eine T-Zell-vermittelte Immunantwort gegen Tumorzellen in Gang setzen.

BiTE-Antikörper werden derzeit als eine mögliche neue Option in der Tumortherapie intensiv erforscht. Eine weitere Option ist die, mittels der Antikörper Zytostatika gezielt zu den Krebszellen zu bringen. Erprobt wird außerdem, T-Zellen außerhalb des Körpers so genetisch zu verändern, dass sie einen „chimären Antigen-Rezeptor“ exprimieren, und diese dann zu reinfundieren.

Diese Genmanipulation führt dazu, dass die T-Zellen eine neue Andockstelle produzieren und die Krebszellen auf diese Weise viel besser erkennen und bekämpfen können. Einen Haken hat das Ganze: „Das Manipulieren der T-Zellen außerhalb des Körpers zur Therapie solider Tumoren wäre wohl die effektivste Therapie, doch das ist hochkompliziert“, spielte Frickhofen auf die Aufsehen erregenden Ergebnisse von Porter und Kollegen an [2].

...geht mehr und mehr in die aktive Immuntherapie über

Der Nachteil der passiven Immuntherapie ist, dass die von außen zugeführten Antikörper oder Immunzellen nur begrenzte Zeit im Körper bleiben: „Ihr Effekt hält deshalb meist nicht an“, schränkt Frickhofen ein. Deshalb verspreche man sich mehr Nachhaltigkeit durch die Aktivierung des Immunsystems der krebskranken Patienten.

Auch dies ist aber nicht einfach, erklärte der Experte. Denn der Krebs kann sich der Immunantwort entziehen: Krebszellen können die Andockstellen für das Immunsystem auf ihrer Oberfläche verstecken oder aber sie senden Signale aus, die das Immunsystem bremsen. Seitdem man diese Ausweichmanöver erkannt hat, habe die aktive Immuntherapie einen enormen Aufschwung genommen. Derzeit verfolge man 3 Wege:

 
„Das Manipulieren der T-Zellen außerhalb des Körpers zur Therapie solider Tumoren wäre wohl die effektivste Therapie, doch ist das hochkompliziert.“
Prof. Norbert Frickhofen
 

Zum einen gibt es Medikamente, welche die vom Tumor ausgehende „Bremse“ des Immunsystems lösen: „Mittel wie der monoklonale Antikörper Ipilimumab sind sehr effektiv, haben aber auch erhebliche Nebenwirkungen“, erläutert Frickhofen. Das im Juni 2011 zugelassene Medikament zur Therapie des metastasierten Melanoms zeigte in Studien beeindruckende Wirkung. Eine Arbeitsgruppe des National Cancer Instituts der USA in Bethesda, Maryland, konnte in einem Langzeitversuch mit  Ipilimumab immerhin bereits metastasierte Melanome bei 15% der Patienten so dauerhaft zurückdrängen, dass diese als geheilt gelten können. Der Studie zufolge waren diejenigen Melanom-Patienten, bei denen eine komplette Remission erzielt wurde, im Median nach 83 Monaten noch ohne Rezidiv [3].

Der zweite Weg nutzt das Prinzip der Vakzinierung. Doch: „Impfungen sind derzeit in erster Linie zur Prophylaxe erfolgversprechend“, schränkt Frickhofen ein und verweist auf die HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Darüber hinaus gibt es in den USA einen Impfstoff gegen Prostatakrebs, der die Lebenszeit von Patienten mit Metastasen verlängern könnte. Auch laufen derzeit Impfstudien zu Melanomen, Nierenkrebs und Lungenkrebs.  Selbst wenn die Effekte noch gering ausgeprägt seien, scheine der Bann doch gebrochen zu sein, bilanziert der Experte.

Der dritte Weg ist die seit langem etablierte Therapieform der allogenen Stammzelltransplantation bei Krebserkrankungen des Knochenmarks. Gleichzeitig ist sie die radikalste Form der aktiven Immuntherapie: Bereits 1990 konnte Prof. Dr. Hans-Jochem Kolb in München zeigen, dass sich ein Rezidiv nach einer Leukämie durch die Infusion von Immunzellen aus dem Blut des Stammzellspenders heilen lässt.

Referenzen

Referenzen

  1. 119. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 6.-9. April, Wiesbaden; Pressekonferenz:  6. April 2013
    Vortrag: Immunologische Kontrolle von Krebserkrankungen
    http://www.dgim.de/internistenkongress/kongressderdgim/tabid/91/default.aspx
  2. Porter DL, et al: NEJM. 2011; 365:725-733.
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1103849
  3. Prieto P, et al: Clin Cancer Res. 2012;18(7):2039–47.
    http://dx.doi.org/10.1158/1078-0432.CCR-11-1823

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