Wenn Frauen 30 Jahre rauchen – lohnt sich das Aufhören immer noch

Andrea S. Klahre | 15. März 2013

Autoren und Interessenskonflikte

„Wenn Frauen rauchen wie Männer, sterben sie auch wie Männer.“ Das schreibt Sir Richard Peto, Professor für Medizinische Statistik und Epidemiologie an der Universität von Oxford, als Co-Autor der britischen Million Women Study. Diese hat als bisher wohl größte prospektive Studie zum Dauerbrenner Rauchen die Auswirkungen auf die Gesundheit nur von Frauen untersucht [1].

Was Peto meint, liegt auf der Hand: Frauen, die ein Erwachsenenleben lang ein Päckchen Zigaretten oder mehr pro Tag qualmen, sterben an den gleichen Diagnosen, die typischerweise mit regelmäßigem Zigarettenkonsum in Verbindung gebracht werden – Bronchialkarzinom, Herzinfarkt, Schlaganfall.

Die Ergebnisse der Studie mit nahezu 1,2 Millionen Britinnen sind im Lancet publiziert worden [2]. Dr. Kirstin Pirie von der Cancer Epidemiology Unit an der Oxford University hat mit einem Team die um 1943 (Interquartile range, IQR: 1938-1946) geborene erste Generation von Frauen im mittleren Alter von 55 (IQR: 52-60) begleitet, die quasi lebenslang mehr oder minder exzessiv geraucht hat. Diese Gruppe wurde mit Exraucherinnen und Nichtraucherinnen verglichen.

„Erst jetzt, im 21. Jahrhundert, lassen sich eindeutige Zusammenhänge zur Sterblichkeit herstellen“, schreiben die Autoren.

Zwischen 1996 und 2001 haben sie insgesamt 1,3 Millionen Frauen randomisiert, nach Lebensumständen, Gesundheitszustand und Rauchverhalten befragt, der Gruppe Raucher (232.461; 20%), Exraucher (328.417; 28%) oder Nichtraucher (619.774; 52%) zugeteilt und bis zum 1. Januar 2011 begleitet. „Unter den Raucherinnen hatte etwa die Hälfte ungefähr mit 19 Jahren angefangen und rauchte bei Eintritt in unsere Studie seit rund 36 Jahren“, so Peto.

Nach jeweils 3 und 8 Jahren fanden erneut schriftliche Befragungen statt; für die Überlebenszeiten wurden die Gruppen auf Basis des Cox-Regresssionsmodells miteinander verglichen (Bestimmung des Hazard Ratio in Abhängigkeit von Faktoren, die die Lebenserwartung beeinflussen, z. B. Akoholkonsum, sozioökonomischer Status, körperliche Aktivität, BMI). Rund 100.000 Frauen wurden wegen Vorerkrankungen ausgeschlossen.

11 Jahre weniger

Die zentralen Ergebnisse lauten:

  • Rauchen reduziert die Lebenserwartung von Frauen um rund 11 Jahre.
  • Die Wahrscheinlichkeit, im Alter zwischen 50 und 80 zu sterben, ist bei Raucherinnen dreimal so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen, die niemals geraucht haben – zwei Drittel aller Todesfälle in diesem Alter können auf das Rauchen zurückgeführt werden.
  • Statistisch gesehen sterben 53% der Raucherinnen, bevor sie das 80. Lebensjahr erreichen, bei Nichtraucherinnen sind es 23%.
  • Selbst für Frauen, die weniger als 12 Zigaretten/Tag rauchen, ist die 12-Jahres-Mortalität doppelt so hoch wie bei den Nichtraucherinnen.
  • Von den 30 häufigsten Todesursachen sind 23 deutlich Nikotin-assoziiert, das gilt insbesondere für das Bronchialkarzinom. Die Studie weist eine Inzidenzraten-Ratio von 21,4 (19,7-23,2) aus.
  • Im Verlauf der Studie starben 6% der Frauen (66.489) mit durchschnittlich 65 Jahren.

Weil es immer auch eine gute Nachricht gibt, betonen die Autoren: „Durch einen Rauchstopp sinken die zusätzlichen Mortalitätsrisiken binnen kürzester Zeit erheblich – selbst wenn das erst in fortgeschrittenem Alter geschieht.“ Demnach haben Frauen, die mit 19 Jahren zu rauchen beginnen und mit 30 oder 40 aufhören, als 60- bis70-Jährige fast ebenso geringe Nikotin-assoziierte Krankheits- und Mortalitätsrisiken wie Nichtraucherinnen gleichen Alters.

„Selbst von den Frauen, die 30 Jahre geraucht haben und es sich mit 50 abgewöhnen, vermeiden zwei Drittel die davon ausgehende zusätzliche Gefahr des frühen Todes“, heißt es.

ESTHER und KORA

Ergänzend passen die aktuellen Ergebnisse zweier deutscher Kohortenuntersuchungen – einmal aus ESTHER, zum anderen aus KORA.

ESTHER steht für „Epidemiologische Studie zu Chancen der Verhütung und optimierten THerapie chronischer ERkrankungen in der ältern Bevölkerung“; die Teilnehmer stammen aus dem Saarland [3]. Am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg hat eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. med. Hermann Brenner, Abteilung für Klinische Epidemiologie und Alternsforschung, erneut Daten aus der seit 2000 laufenden ESTHER-Studie ausgewertet. Berücksichtigt wurden die Daten von 8.807 Frauen (56,5%) und Männern zwischen 50 und 74 Jahren ohne Herzinfarkt und Schlaganfall in der Vorgeschichte. Der Gesundheitszustand wurde bis zu 10 Jahre nachbeobachtet [4].

Die Forscher zeigen, dass über 50 Jahre alte Raucher 19 Jahre früher mit einem kardiovaskulären Ereignis rechnen müssen als Nichtraucher, das Risiko ist mehr als doppelt so hoch. „Ehemalige Raucher sind dagegen fast genauso selten betroffen wie Menschen gleichen Alters, die nie geraucht haben“, wird Brenner in einer Pressemitteilung des DKFZ zitiert. „Außerdem erkranken Raucher deutlich früher als Personen, die nicht oder nicht mehr rauchen.“ So hat ein 60jähriger Raucher das Infarktrisiko eines 79jährigen Nichtrauchers und das Apoplexrisiko eines 69jährigen Nichtrauchers.

Der positive Effekt eines Rauchstopps macht sich bereits nach kurzer Zeit bemerkbar. „Das Risiko für einen Herzinfarkt und Schlaganfall ist bereits während der ersten fünf Jahre nach der letzten Zigarette mehr als 40% niedriger“, so Carolin Gellert, Diplom-Psychologin und Erstautorin.

 
„Selbst von den Frauen, die 30 Jahre geraucht haben und es sich mit 50 abgewöhnen, vermeiden zwei Drittel die davon ausgehende zusätzliche Gefahr des frühen Todes.“
 

Die Ergebnisse legen nahe, dass Programme zur Tabakentwöhnung, die sich bislang auf jüngere Teilnehmer konzentrieren, auf ältere Personen ausgeweitet werden sollten.

Veränderte Stoffwechselmetaboliten

In KORA (KOoperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) wird seit über 20 Jahren die Gesundheit tausender Bürger aus dem Raum Augsburg untersucht [5]. Wissenschaftler der Abteilung Molekulare Epidemiologie und der Institute für Experimentelle Genetik bzw. Epidemiologie II am Helmholtz Zentrum München werten die KORA-Ressourcen (Kohorte, Infarktregister, Aerosol-Messstation) aus und haben sich bei der jüngsten Fragestellung mit der Veränderung der Stoffwechselmetaboliten nach Nikotinverzicht beschäftigt [6].

Quantifiziert wurden 140 Metabolitkonzentrationen in 1.241 Blutproben aus 3 Teilnehmergruppen (Raucher, Nichtraucher, Exraucher) zu 2 Zeitpunkten: in der Grundlagenstudie 1999-2001 und im 7-Jahres-Follow-up. Identifiziert wurden 21 Metaboliten, überwiegend aus den Stoffwechselwegen von Aminosäuren und Lipiden, deren Konzentrationen durch Rauchen verändert wurden. Die Konzentrationen von 19 Metaboliten zeigten sich reversibel, wenn Raucher in der Zwischenzeit das Rauchen aufgegeben hatten. Der Zusammenhang zum Herz-Kreislaufrisiko konnte für veränderte Metabolitkonzentrationen aus dem Harnstoffzyklus und von modifizierten Lipiden (z. B. Phosphatidylcholin) nachgewiesen werden.

Die Auswertung zeigt, dass ein Nikotinverzicht zu jedem Zeitpunkt sinnvoll ist und eine Reduktion des gesundheitlichen Risikos bedeutet.

Referenzen

Autoren und Interessenskonflikte

Andrea S. Klahre
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.