Koronarkalk als neuer Risikomarker beim Schlaganfall

Julia Rommelfanger | 8. März 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Der Grad der Verkalkung der Koronararterien (Coronary Artery Calcification, CAC) ist ein unabhängiger Risikomarker für das Auftreten eines Schlaganfalls. Ein Kalzium-Score könnte somit bei der Prävention nützlich sein, meinen die Autoren einer neuen Studie am Uniklinikum Essen. Andere Experten sind skeptisch, ob ein allgemeines Screening lohnt und sich so das Schlaganfallrisiko senken lassen würde.

In ihrer Studie habe sich der Grad der Verkalkung der Arterien als Marker für das Auftreten eines Schlaganfalls in der allgemeinen Bevölkerung, sowohl bei Männern als auch bei Frauen, erwiesen, schreiben Dr. Dirk Hermann und Kollegen in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Stroke [1]. Besonders bei jüngeren Patienten unter 65 Jahren und bei Personen mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko habe sich der CAC-Wert als zuverlässiger Prädiktor erwiesen.

Weil Herzinfarkte oder Schlaganfälle oft plötzlich und ohne Vorwarnzeichen auftreten, sollten Risikopatienten frühzeitig identifiziert werden, um präventiv tätig werden zu können. Zahlreiche vaskuläre Risikofaktoren müssen in die Vorsorge einbezogen werden. Der Kalzifizierungsgrad der Koronararterien, der mittels Elektronenstrahl-Computertomographie (EBCT) erhoben wird, hat sich in den vergangenen Jahren als zuverlässiger Vorbote kardiovaskulärer Erkrankungen, auch von Herzinfarkten, herausgestellt, insbesondere bei Patienten mit mittlerem vaskulären Risiko.

Heinz Nixdorf Recall-Studie: 4000 Teilnehmer 8 Jahre lang beobachtet

Um auch den Zusammenhang dieses Messwerts mit dem Schlaganfallrisiko zu klären, hat die Studiengruppe 4.180 Teilnehmer in der seit 2001 am Uniklinikum Essen geführten Heinz Nixdorf Recall-Studie fast 8 Jahre lang beobachtet (94,9 +/- 19,4 Monate) – dies hinsichtlich CAC-Score und anderen Risikofaktoren sowie dem Auftreten eines Schlaganfalls. Die Teilnehmer der bevölkerungsbasierten Studie hatten vor Beginn weder einen Schlaganfall noch einen Herzinfarkt oder eine koronare Herzkrankheit.

Die 92 Teilnehmer, die während der Studie einen Schlaganfall erlitten, wiesen signifikant höhere CAC-Werte auf als die übrigen Teilnehmer. Der Zusammenhang zwischen CAC und Schlaganfall-Risiko bestand auch nach der Korrektur für andere Risikofaktoren – etwa Alter, systolischer Blutdruck, Rauchen und Vorhofflimmern.

Die Autoren betrachten aufgrund ihrer Ergebnisse CAC als Marker für das Ausmaß einer systemischen Arteriosklerose. „Überraschend war die Beobachtung für mich nicht, weil ich an einen engen Zusammenhang zwischen kardialer und peripherer – auch zerebraler – Arteriosklerose geglaubt habe“, erklärte Hermann gegenüber Medscape Deutschland.

 
„Kardiologen und Neurologen sollten in Zukunft ... berücksichtigen, dass CAC nicht nur das Herzinfarktrisiko, sondern auch das Schlaganfallrisiko prädiziert.“
Dr. Dirk Hermann
 

Genauso wenig überrascht war Prof. Dr. med. Stephan Achenbach vom Universitätsklinikum Erlangen, der nicht an der Studie beteiligt war, „da Arteriosklerose oft das ganze Gefäßsystem betrifft. Überraschend ist allerdings die Größe des Effekts“, erklärte er gegenüber Medscape Deutschland

Besonders aussagekräftig war der CAC-Score bei Teilnehmern unter 65 Jahren und bei Personen, die allgemein ein niedrigeres kardiovaskuläres Risiko aufwiesen. „Unsere Daten dokumentieren, dass in der Gruppe von anscheinenden Niedrigrisiko-Personen eine Subgruppe existiert, die in Abwesenheit kardiovaskulärer Risikofaktoren Arteriosklerose entwickelt“, sagt Hermann. Diese Arteriosklerose entstehe offensichtlich bereits recht früh, vor dem 60. Lebensjahr. Er vermutet bei diesen Personen eine genetische Disposition hierfür. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Gruppe anhand des CAC-Werts identifiziert werden kann“, schreiben die Autoren.

CAC-Score als Routine-Screening, auch für Patienten mit geringem Risiko?

Bisher, sagt Hermann, wurde CAC nicht systematisch in die Beurteilung des Schlaganfallrisikos einbezogen. „Kardiologen und Neurologen sollten in Zukunft bei der Bewertung von CAC-Untersuchungen berücksichtigen, dass CAC nicht nur das Herzinfarktrisiko, sondern auch das Schlaganfallrisiko prädiziert.“

Etwas skeptischer ist Achenbach: „Es ist ja noch nicht gezeigt, dass ein Screening auf Koronarkalk das Schlaganfallrisiko senken würde.“ Noch unklar sei auch, welche Maßnahmen genau beim Auffinden von Koronarkalk getroffen werden sollten. „Wenn man zum Beispiel ASS als präventives Medikament verabreicht, könnte das unter Umständen die Rate ischämischer Schlaganfälle reduzieren, aber die Rate von Hirnblutungen erhöhen. Dies ist nur eine theoretische Überlegung, aber auch in solche Richtungen muss gedacht werden“, erklärt er.

Daher sieht er aktuell keinen Grund für ein CAC-Scoring zur Identifizierung schlaganfallgefährdeter Patienten. „Es sollte aber ein weiterer Anreiz sein, bei Patienten mit Koronarkalk alle Risikofaktoren streng einzustellen“, sagt er. Zudem sollten Risikofaktoren für Schlaganfall sorgfältig beachtet werden, insbesondere bei jungen Patienten mit Koronarkalk, fügt Achenbach hinzu.

Zu berücksichtigen sei bei der Indikation derartiger Untersuchungen, so Hermann, in jedem Fall die Strahlungsbelastung durch die CT-Untersuchung. „Modernere Multislice-CT-Techniken führen allerdings im Vergleich zu herkömmlichen EBCT-Untersuchungen zu einer deutlich geringeren Strahlenbelastung“, fügt er hinzu.

Referenzen

Referenzen

  1. Hermann DM, et al: Stroke (online) 28. Februar 2012
    http:/dx.doi.org/10.1161/STROKEAHA.111.678078

Autoren und Interessenskonflikte

Julia Rommelfanger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Dirk Hermann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Stephan Achenbach
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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