Große OP – großer Schmerz, kleine OP – kleiner Schmerz? Von wegen!

Ute Eppinger | 5. März 2013

Autoren und Interessenskonflikte

„Starke postoperative Schmerzen bleiben ein großes Problem für 20 bis 40% der Patienten. Trotz zahlreicher Studien ist der tatsächliche Grad der Schmerzen nach Eingriffen nicht wirklich bekannt“, schreibt Dr. Hans J. Gerbershagen, Anästhesist an der Universität Utrecht und einer der beiden Hauptautoren einer jüngst in Anesthesiology publizierten Studie [1].

Große OP – große Schmerzen, kleine OP – kleine Schmerzen? Gerbershagen und Prof. Dr. med. Winfried Meißner, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena, wollten es genau wissen, und förderten Überraschendes zu Tage: Ihren Ergebnissen nach quälen sich viele Patienten nach kleinen Eingriffen – etwa Appendektomien oder Tonsillektomien – viel mehr mit Schmerzen als nach Thorax-Operationen, gastroenterologischen Eingriffen oder Resektionen der Prostata.

Die Wissenschaftler haben über 50.000 Patientendaten mit 179 verschiedenen Eingriffen an mehr als 100 deutschen Kliniken analysiert. Basis ihrer Auswertung ist das Akutschmerzprojekt QUIPS (Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerztherapie), das am Uniklinikum Jena koordiniert wird. QUIPS wird von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden der deutschen Anästhesisten und Chirurgen unterstützt.

Um eine möglichst große Objektivität und Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurden Fälle mit vorhandenen standardisierten Fragenschemata aufgenommen. Alle Patienten schätzten dabei direkt am Tag nach der OP ihre Schmerzen ein. In bisherigen Studien wurden oft nur wenige Operationen miteinander verglichen. Außerdem wurden häufig unterschiedliche Schmerzmessverfahren eingesetzt.

Schmerzversorgung schlicht vernachlässigt

Die Daten spiegeln den deutschen Klinikalltag wider und „zeigen, wie erfolgreich eine intensive Schmerztherapie sein kann, wenn moderne Schmerztherapieverfahren angewandt werden“, schreiben die beiden Erstautoren [2]. Sie fügen aber einschränkend hinzu: „Die Daten demonstrieren aber auch, dass wir die Schmerzversorgung nach einigen Eingriffen schlicht vernachlässigt haben.“

Dass gerade Appendektomien und Tonsillektomien recht schmerzhaft sein können, führen die Autoren darauf zurück, dass beide Erkrankungen mit ausgeprägten Entzündungen einhergehen. Bei anderen OPs würden noch immer nicht die in den Leitlinien empfohlenen Methoden angewandt, wie zusätzliche örtliche Betäubungen. Beispielsweise wurde nur bei 16% der orthopädischen Operationen ein solches Regionalanalgesie-Verfahren angewandt. „Vielleicht weil dazu Schmerzteams notwendig sind, die in manchen Krankenhäusern immer noch für überflüssig gehalten werden“, vermutet Meißner.

Interessant ist das vor allem deshalb, weil Patienten nach Regionalanalgesie-Verfahren weniger Schmerzen hatten als nach der Gabe von Schmerzmitteln via Injektion oder Tablette. Auch OPs in minimalinvasiver endoskopischer Technik führten in vielen Fällen zu weniger Schmerzen als eine offene Operationstechnik.

Gut sieht die Schmerztherapie bei vielen großen OPs aus, an Lunge, Darm oder Prostata: „Auffällig ist, dass sich hier lokale Schmerztherapieverfahren zusätzlich zur Narkose seit langem durchgesetzt haben“, so Meißner.

Ergebnisse überraschen nicht wirklich

 
„Bis heute ist Schmerztherapie kein Thema in der Ausbildung von angehenden Ärzten.“
Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe
 

„Die Ergebnisse überraschen mich nicht, denn sie decken sich mit meinen persönlichen Erfahrungen“, erklärt Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Leiter des Schmerz- und Palliativzentrums Göppingen und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. im Gespräch mit Medscape Deutschland. Operateure wüssten oft zu wenig über Schmerzen, erklärt der Schmerzmediziner. Das bezieht sich nicht nur auf chronische Schmerzen: „Auch bei Akutschmerz sind die Kenntnisse marginal.“ Gerade nach Bagatell-Operationen würden die Patienten zu schnell aus dem Blick verloren. Dabei beeinflusst ein gutes Schmerzmanagement den Heilungsverlauf positiv.

Er fügt hinzu: „Bis heute ist Schmerztherapie kein Thema in der Ausbildung von angehenden Ärzten.“ 1982 habe er erstmals gegenüber dem damaligen Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler dieses Defizit angesprochen. 2016 endlich wird Schmerztherapie als Pflichtfach im Curriculum von Medizinstudenten festgeschrieben sein. „Allerdings dauert das dann noch 6 bis 7 Jahre, bis dieses Wissen in die Patientenversorgung gelangt“, erklärt Müller-Schwefe.

Der Studie attestiert er kleine, aber keineswegs unerhebliche Mess-Unsicherheiten: „Das Schmerzempfinden der Patienten wird nur über Messwerte auf Skalen(von 0 bis 10) erfasst. 5 ist dabei als mittelstarker bis starker Schmerz definiert. Das Problem ist aber: Für den einen Patienten ist Stufe 5 schon ein sehr starker Schmerz, für den anderen noch gut erträglich.“ Neben der objektiven Schmerzmessung wäre also wichtig gewesen zu fragen, was denn der Patient noch als hinnehmbar einschätze. „Wäre das auch noch gefragt worden, dann fürchte ich, wären die Studienergebnisse noch ernüchternder ausgefallen.“

Patient sollte sich vorab informieren

Steht eine OP an, raten die Autoren der Schmerzstudie zur Eigeninitiative: „Sie sollten sich vor einer planbaren Operation genau erkundigen, ob ein Akutschmerzdienst und lokale Schmerztherapieverfahren angeboten werden, ob alle Mitarbeiter mit den modernen Methoden der Schmerzlinderung vertraut sind, und ob die Operation in minimalinvasiver Technik durchführbar ist.“

Auch Müller-Schwefe legt Patienten nahe, sich vorab zu erkundigen: „Patienten sollten sich informieren, wer postoperativ für die Schmerzkontrolle verantwortlich ist. Ist dann keine klare Zuständigkeit erkennbar, empfehle ich, eine andere Klinik mit gutem Schmerzmanagement in Betracht zu ziehen.“

Referenzen

Referenzen

  1. Gerbershagen HJ, et al: Anesthesiology (online) 7. Februar 2013
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23392233
  2. Friedrich Schiller Universität Jena, Mitteilung vom 27.2 2013
    http://www.uni-jena.de/Mitteilungen/PM130227_UKJ_Schmerz.html

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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