Methylphenidat bei ADHS verhindert die Drogenkarriere nicht

Dr. Erentraud Hömberg | 27. Februar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) haben als junge Erwachsene ein höheres Risiko, suchtkrank zu werden. Das ist bekannt. Doch umstritten ist die Frage, ob Medikamente gegen ADHS vor Drogenmissbrauch schützen oder ihn sogar befördern können. Neue Ergebnisse aus einer Langzeitstudie zeigen, dass Methylphenidat scheinbar weniger Einfluss auf das Drogenverhalten von Jugendlichen mit ADHS hat, als bisher angenommen wurde.

Auch Prof. Dr. Martin Ohlmeier, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Kassel, geht im Gespräch mit Medscape Deutschland davon aus, dassJugendliche mit ADHS ein hohes Suchtpotential haben. Das größere Risiko ist auch darauf zurückzuführen, dass die an ADHS erkrankten Jugendlichen und Erwachsenen risikobereiter sind und mit Hilfe der Drogen eine Art „Selbsttherapie“ betreiben. Deshalb mahnt der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie zur Vorsicht:

„Auch die neuen Daten zeigen, dass die Verschreibung von Medikamenten für ADHS�?Kinder nicht mit Sicherheit eine spätere Suchtentwicklung verhindern kann. Bisher ist auch nicht eindeutig entschieden, ob man ADHS-Betroffene, die zusätzlich eine Suchterkrankung entwickelt haben, mit Methylphenidat behandeln sollte. Die Datenlage hierzu ist bisher unklar und hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.”

Die über mehr als 15 Jahre laufende amerikanische „Multimodal Treatment Study of Children with Attention Deficit Hyperactive Disorder – MTA“ ist die bisher größte randomisiert�?kontrollierte Vergleichsstudie zur Behandlung von ADHS [1]. Forscher von der University Pittsburgh School of Medicine and Western Psychiatric Institute and Clinic of UPMC sowie von 6 anderen Gesundheitszentren in den USA verfolgen innerhalb dieser multimodalen Langzeituntersuchung auch den Drogenkonsum von 579 Kindern mit ADHS bis zur Adoleszenz.

Anhand der großen Stichprobe sollte in einem Teilaspekt die Hypothese überprüft werden, ob Kinder mit ADHS als Jugendliche eine höhere Neigung zu Drogenkonsum, Drogenmissbrauch und Drogenabhängigkeit entwickeln als Kinder ohne Aufmerksamkeitsstörung. Hierbei wurde auch der Zusammenhang zwischen der medikamentösen Behandlung von ADHS in der Kindheit und dem Drogenkonsum im jungen Erwachsenenalter untersucht. Aufgrund bisheriger Studien ging man davon aus, dass eine medikamentöse Behandlung von Kindern mit ADHS einen eher protektiven Faktor hinsichtlich einer später möglicherweise zusätzlich auftretenden Suchterkrankung darstellt [1].

Tabak, Cannabis und Alkohol sind besonders beliebt

Einige Ergebnisse dieser Multicenterstudie sind kürzlich im Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry publiziert worden [2]:

  • Im Alter von 15 Jahren konsumieren 35% der Kinder mit ADHS eine oder mehr Drogen, von der Vergleichsgruppe ohne ADHS waren es nur 20%.
  • Kriterien für Drogenmissbrauch und Drogenabhängigkeit trafen auf 10% der ADHS�?Gruppe zu, bei den anderen waren es nur 3%.
  • Im Alter von 17 Jahren hatten 13% der Kinder aus der ADHS�?Gruppe Probleme mit starkem Marihuana�?Konsum, in der Vergleichsgruppe waren es 7%.
  • Mit 17% lag die Rate der Raucher bei den ADHS�?Kindern wesentlich höher, als normalerweise in diesem Alter zu erwarten wäre. In der Kontrollgruppe rauchten 8% der 17�?jährigen.
  • Der Alkoholkonsum war in beiden Gruppen hoch – das unterstreicht das übliche Verhalten in dieser Altersgruppe.
  • Jugendliche, die immer noch Medikamente gegen ADHS erhielten, hatten keine geringeren oder höheren Raten von Drogenmissbrauch als jene ADHS�?Teenager, die keine Arzneimittel mehr einnahmen.

Diese Studie unterstreicht das signifikante Risiko zum Drogenmissbrauch für Jungen und Mädchen mit ADHS in der Kindheit, sagt die Hauptautorin der Studie, Prof. Dr. Brooke Molina, die an der Universität Pittsburgh Psychiatrie und Psychologie lehrt.

 

Prof. Dr. Brooke Molina
 

Für Ohlmeier bekräftigt das frühere Beobachtungen: „Wir wissen aus bereits vorliegenden epidemiologischen Studien und aus der klinischen Praxis, dass ADHS�?Patienten eine hohe Koinzidenz hinsichtlich der Entwicklung einer zusätzlichen Suchterkrankung haben.“ Hierfür gibt es auch neurobiologische Ursachen. Der Dopaminmangel bei ADHS�?Patienten erkläre die erhöhte Impulsivität, das Risikoverhalten und die möglicherweise auftretende Substanzabhängigkeit, da es unter Drogenkonsum in bestimmten Zentren des zentralen Nervensystems zu einer Erhöhung des Dopaminspiegels und infolgedessen zu einer Reduktion der ADHS-typischen Symptome kommt.

Ohlmeier: „Viele junge Erwachsene mit ADHS berichten, Cannabis zu konsumieren, weil sie sich dann innerlich ruhiger fühlen und auf diese Weise ihre bei dieser Erkrankung häufig bestehenden Schlafstörungen verbessern können. Auch bei primär als amphetaminabhängig eingeschätzten Patienten besteht als Grunderkrankung nicht selten eine ADHS. Amphetamine wie z.B. Speed haben bei diesen Patienten eine paradoxe Wirkung. Sie werden nach Konsum nicht wie andere Konsumenten aufgedrehter, sondern im Gegenteil ruhiger.“

Selbsttherapie durch Drogen

Das macht das Suchtverhalten bei ADHS-Betroffenen für Ohlmeier in gewisser Weise plausibel: „Auf diese Weise „therapieren“ sich die betroffenen Patienten selbst. Kokain probieren die ADHS�?Jugendlichen dagegen zwar relativ häufig aus, weil sie risikofreudig sind, aber sie hören damit meist schnell wieder auf, weil der eigentlich erwünschte Effekt, nämlich berauscht zu sein, bei ihnen ausbleibt: Kokain stimuliert sie nicht, sondern macht sie eher müde“.

Da Medikamente gegen ADHS offenbar ohne Wirkung auf das Suchtverhalten bleiben, müsse man nun verstärkt nach alternativen Möglichkeiten für die Prävention von Drogenmissbrauch bei Jugendlichen mit ADHS suchen, räumt Molina ein.

„Wir arbeiten intensiv daran, um die Gründe zu verstehen, warum Kinder mit ADHS ein höheres Risiko für Drogenmissbrauch haben. Unsere Hypothese, die durch unsere Forschungen und die von anderen gestützt wird, lautet, dass viele Dinge dabei mitspielen wie: Impulsive Entscheidungen, schlechter Schulerfolg und die Schwierigkeiten, gute Freunde zu finden“, so Molina.

Vieles sei auch biologisch bedingt, „denn wir wissen, dass ADHD erblich ist“. Die Psychiaterin hofft, dass es gelingt – ähnlich wie bei hohem Blutdruck oder Adipositas – auch nicht-medikamentöse Möglichkeiten zu finden, um das Risiko für Drogenmissbrauch zu verringern [3].

Referenzen

Referenzen

  1. The MTA Cooperative Group: Arch Gen Psychiatry.1999;56(12):1073-1086
    http://archpsyc.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=205525
  2. Molina B, et al: JAACAP (online) 28. Dezember 2012 
    http://www.jaacap.com/article/S0890-8567(12)01000-3/abstract
  3. http://www.sciencedaily.com/releases/2013/02/130211134850.htm

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Erentraud Hömberg
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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