Über Coronaviren nicht die Influenza vergessen!

Simone Reisdorf | 21. Februar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

„Infektiöse Bedrohungen gehen von altbekannten ebenso wie von neuen Keimen aus“, betonte Prof. Dr. med. Norbert Suttorp bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Berlin [1]. Der Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumonie an der Charité warnt: „Bakterien und Viren unter Resistenzdruck sind uns immer einen Schritt voraus – wir müssen dafür sorgen, dass daraus keine kilometerweite Kluft wird.“

Zwölfter Patient mit neuem Coronavirus

Als Beispiel für bisher in unseren Breiten unbekannte Erreger nannte Suttorp das neuartige Coronavirus, das seit Sommer 2012 in Europa Schlagzeilen macht (wir berichteten, s.u.). Der Keim hCoV-EMC (human Corona Virus – Erasmus Medical Center) befällt neben der Lunge auch die Nieren; wegen seiner Verwandtschaft zum SARS-Erreger betrachten Experten ihn mit Besorgnis. 

„Neben elf bestätigten Fällen, davon fünf mit letalem Ausgang, gibt es seit kurzem einen weiteren Verdachtsfall in Großbritannien“, berichtete Suttorp auf der Pressekonferenz. Inzwischen wurde nach Informationen von Medscape Deutschland auch bei diesem 12. Patienten die Infektion mit hCoV-EMC bestätigt; er zeigt aber nur milde respiratorische Symptome. Der Mann gehört zu demselben Familiencluster wie 2 weitere britische Patienten, bei denen kürzlich hCoV-EMC diagnostiziert wurde, und hatte in letzter Zeit keine Reisen unternommen [2].

„Das erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Übertragbarkeit des Erregers von Mensch zu Mensch“, bestätigte Suttorp auf Nachfrage. „Die Infektiosität ist aber offenbar nicht sehr hoch“, relativierte er. Auch die britische Health Protection Agency schätzt das Übertragungsrisiko in der Bevölkerung weiterhin als gering ein. Das Robert-Koch-Institut (RKI) stellt auf seiner Website eine Falldefinition zur Verfügung [3].

Influenza nicht unterschätzen

„Nicht nur regional neue, sondern tatsächlich neue Keime“ sind laut Suttorp die jährlich durch Antigendrift und -shift veränderten Influenzaviren: „Sie sollten ernst genommen und durch Impfung zurückgedrängt werden“, forderte er: „Es gibt immer wieder auch sehr schwere Verläufe.“

Dies lässt sich durch Zahlen belegen. So wurden in einer aktuellen Statistik des ARDS Netzwerks Deutschland stichprobenartig die Daten von 12 Zentren mit insgesamt 216 Patienten erfasst, die unter einem Akuten Respiratorischen Distress-Syndrom (ARDS) litten und deshalb beatmet werden mussten. Dabei zeigte sich, dass 21% aller beatmeten Patienten und 56% derjenigen, die das invasive Verfahren der extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) benötigten, an Influenza erkrankt waren/sind [4].

„Die Rate könnte bundesweit sogar noch höher liegen“, so der Hinweis von PD Dr. med. Steffen Weber-Carstens, Intensivmediziner an der Charité Berlin und Mitglied des ARDS Netzwerks, in einem Interview mit Medscape Deutschland. „Künftig werden uns, so hoffe ich, noch weitere Zentren ihre Daten zur Verfügung stellen, und wir planen diese Zahlen nun wöchentlich zu aktualisieren“, kündigte er an.

Neben älteren und chronisch kranken Patienten sind durchaus auch jüngere Menschen durch Influenza gefährdet. So lag das Durchschnittsalter der beatmeten Influenzapatienten mit akutem Lungenversagen während der Pandemie 2009/10 in Deutschland bei etwa 42 Jahren.

Mit PCT-Test unnötige Antibiotika-Verordnungen vermeiden

Suttorp verwies während der Pressekonferenz auch auf die Infektionsgefahren durch bekannte, aber zunehmend therapieresistente Bakterien. Deren Liste ist lang. Neben multiresistentem Staphylococcus aureus (MRSA) nannte er beispielsweise auch Enterobakterien mit verändertem Spektrum an Beta-Laktamase (extended spectrum beta lactamase, ESBL) sowie drei- oder vierfachresistente gramnegative Bakterien. Letztere sprechen weder auf Acylureidopenicilline noch auf Cephalosporine der dritten und vierten Generation noch auf Fluorchinolone oder Carbapeneme an. Eine Ursache für die Entwicklung resistenter Keime sind beispielsweise unnötige Antibiotika-Verordnungen.

„Gerade im ambulanten Bereich kann hier der Schnelltest auf einen erhöhten Procalcitoninspiegel hilfreich sein“, so Suttorp. Leider werde er nur selten durchgeführt, bedauerte der Infektiologe. Er forderte von den Kostenträgern eine unbürokratische Erstattung dieser Laboruntersuchung, „auch wenn sie etwas mehr kostet als manche Antibiotika“.

Kennen alle Intensivstationen „ihre“ Keime?

„Auch im stationären Bereich findet bereits ein Umdenken statt“, meinte Suttorp: „Selbst auf den Intensivstationen erhält heute nicht mehr jeder beatmete Patient automatisch Antibiotika.“ Wichtig sei, dass jede Station das Spektrum ihrer Erreger und Resistenzen im Blick habe.

Zumindest 98 Intensivstationen bundesweit (Tendenz steigend) kennen ihr Profil sehr genau und lassen an ihren Erkenntnissen auch andere teilhaben: Sie melden an die „Surveillance der Antibiotika-Anwendung und der bakteriellen Resistenzen auf Intensivstationen“ (SARI). Dies erklärte SARI-Projektleiterin PD Dr. med. Elisabeth Meyer vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité gegenüber Medscape Deutschland. Auf diesen Stationen werden im Mittel 1.330 definierte Tagesdosen (defined daily doses, DDD) pro 1.000 Patiententage verordnet mit einer Spannweite von etwa 500 bis 2.200 DDD. Das kann unterschiedlichen Patientenspektren geschuldet sein, kann aber auch bedeuten, dass teils zu viele Antibiotika verschrieben werden.

Noch Zukunftsmusik: Geschädigte Wirtszellen als therapeutisches Target

Neue Antibiotika habe es in den letzten Jahren kaum gegeben, so Suttorp, gerade gegen gramnegative Bakterien. Eines der wenigen neu zugelassenen Präparate mit Wirksamkeit gegen MRSA und gramnegative Bakterien sei Ceftarolinfosamil (Zinforo™). „Der finanzielle Anreiz für die forschenden Arzneimittelhersteller ist in diesem Bereich sehr gering“, gab er zu bedenken.

Als „in Entwicklung, aber noch längst nicht marktreif“ bezeichnete Suttorp Medikamente, die nicht am Erreger, sondern an der befallenen Wirtszelle ansetzen. Sie zielen auf körpereigene Strukturen, die z.B. ein Virus zur Replikation benötigt und die im Rahmen von Infektion und Entzündung hochreguliert werden, etwa den Transkriptionsfaktor NF-?B oder das Signalprotein PI3-Kinase. „Auf diese Präparate dürfen wir gespannt sein“, so Suttorps Vision: „Damit wird die konkrete Struktur etwa des Influenzavirus nicht mehr wichtig sein. Das Virus kann sich nicht mehr vermehren und die geschädigten humanen respiratorischen Epithelzellen gehen in Apoptose, bevor der Erreger sich weiter verbreiten kann.“

Referenzen

Referenzen

  1. Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) am 14. Februar 2013, Berlin
  2. RKI-Pressemitteilung:
    http://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/C/Corona/hCoV-EMC_Risiko.pdf?__blob=publicationFile
  3. Falldefinition des RKI:
    http://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/C/Corona/Corona_Falldefinition.pdf?__blob=publicationFile
  4. ARDS-Netzwerk:
    http://www.ardsnetwork.de/Influenza%202012_2013.html

Autoren und Interessenskonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. med. Norbert Suttorp
Beratung Fa. BRAMS, Hersteller PCT-Test; dieser Labortest ist aber nicht Gegenstand der Beratung.

PD Dr. med. Elisabeth Meyer
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

PD Dr. med. Steffen Weber-Carstens
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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