Neues Coronavirus: die englischen Patienten

Inge Brinkmann | 20. Februar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Zwei aktuell in Großbritannien bestätigte Infektionsfälle mit dem neuartigen humanpathogenen Coronavirus (hCoV-EMC) machen derzeit Schlagzeilen. Denn innerhalb weniger Tage haben sich dort zwei Mitglieder einer Familie offenbar durch engen Kontakt zu einem erkrankten Verwandten mit dem Virus infiziert. Von der WHO wird dies als Indiz gewertet, dass eine Übertragung des Erregers von Mensch zu Mensch möglich ist [1].

Erstmals aufgetaucht war das neue Virus im vergangenen Jahr im Nahen Osten, bis Ende 2012 wurden neun Erkrankungsfälle aus Saudi-Arabien, Jordanien und Katar gemeldet. Mit den drei englischen Patienten erhöhten sich nun die weltweit gemeldeten Erkrankungsfälle auf 12.

Das Besondere an den beiden neuen Fällen ist: Anders als alle anderen Betroffenen, hatten sich die Patienten Nr. 11 und 12 nicht zuvor im Nahen Osten aufgehalten. Eine Infektionsquelle, die räumlich mit der Arabischen Halbinsel verbunden ist, kann also ausgeschlossen werden. Nach England war HCoV-EMC vermutlich mit dem zuerst erkrankten Familienangehörigen – Patient Nr. 10 – gelangt, von ihm sind auch Reisen nach Pakistan und Saudi-Arabien bekannt. Dieser gab das Coronavirus dann offenbar direkt an die beiden Verwandten weiter. Zwar wurde auch schon in der Vergangenheit eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung diskutiert [2]. Aber eine Exposition durch eine andere gemeinsame Infektionsquelle erschien ebenfalls möglich, beispielsweise durch infizierte Tiere [3].

Die Spitze des Eisbergs?

Erinnerungen an die SARS-Epidemie werden wach: Von November 2002 bis Juni 2003 infizierten sich weltweit über 8.000 Patienten, fast 800 Menschen starben. Verursacher der neuartigen Lungenkrankheit war auch damals ein bis dahin unbekanntes Coronavirus. Auch die bislang bestätigten HCoV-EMC-Erkrankungen verliefen meist schwer. Symptome sind eine Lungenentzündung und fallweise ein Versagen der Nieren. Sechs Betroffene sind bislang daran gestorben. Darunter ist auch einer der britischen Patienten, wie das Queen Elisabeth Krankenhaus in Birmingham am Dienstag mitteilte. Damit liegt die Sterblichkeit aktuell bei 50%.

Aber nicht jeder Betroffene musste um sein Leben ringen. Der zuletzt bestätigte Patient aus der britischen Familie etwa wies nur milde respiratorische Symptome auf und hat sich bereits erholt. „Ein milderes Krankheitsbild ist jedoch nicht überraschend“, heißt es in der aktualisierten Risikoeinschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) [4]. Bei viralen Infektionskrankheiten müsse grundsätzlich von einem breiten Spektrum klinischer Manifestationen und Schwere ausgegangen werden. „Möglicherweise gibt es eine Dunkelziffer leicht Erkrankter, von denen wir nichts bemerken“, räumt deshalb PD Dr. Thorsten Wolff, Virologe am RKI, gegenüber Medscape Deutschland ein. Man wisse bislang aber noch sehr wenig über das Virus.

„Insgesamt ist die Situation wenig transparent“, teilte überdies das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) mit [5]. So sei etwa nicht bekannt, wie viele Verdachtsfälle es insgesamt gebe, welche epidemiologischen Studien durchgeführt werden und wie viele Patienten, medizinisches Personal oder Familienangehörige getestet werden. „Kommuniziert werden laborbestätigte Fälle; stückchenweise, ohne tatsächlich einen Überblick über die Situation zu geben. Das hinterlässt den Eindruck, dass man es mit der Spitze des Eisbergs zu tun hat.“

Experten raten zur Wachsamkeit

Allerdings scheint sich HCoV-EMC zumindest nicht besonders leicht von Mensch zu Mensch zu übertragen. „Im Herbst letzten Jahres wurde zum Beispiel ein Patient aus Katar 4 Wochen lang an der Uniklinik Essen behandelt, ohne dass die Ärzte ahnten, mit was für einem Erreger er infiziert war. Trotzdem hat sich das Krankenhauspersonal nicht angesteckt, umfangreiche Untersuchungen haben das bestätigt“, so Wolff. Bei SARS war das tatsächlich anders, damals hatten sich reihenweise Angehörige und auch das Pflegepersonal in Krankenhäusern infiziert.

 
„Der Essener Patient hat gezeigt, dass Ärzte auch in Deutschland wachsam bleiben müssen.“
PD Dr. Thorsten Wolff
 

Einer vorsichtigen Einschätzung des Klinikums zufolge war der Patient zu dem Zeitpunkt, als er nach Essen kam, möglicherweise auch nicht mehr oder nur noch schwach infektiös [6]. Die WHO appelliert allerdings bereits seit letztem Jahr an Ärzte, Patienten mit schwer verlaufenden Atemwegsinfektionen auf das neuartige Coronavirus zu testen – auch wenn sie keine eindeutige Reiseanamnese haben – und diese Fälle dem Gesundheitsamt zu melden.

Das RKI empfiehlt überdies ein striktes Hygienemanagement, insbesondere respiratorische Schutzmaßnahmen bei Patienten mit Verdacht auf eine Erkrankung durch das Virus oder schweren akuten respiratorischen Erkrankungen ungeklärter Ursache. „Der Essener Patient“, mahnt Wolff, „hat gezeigt, dass Ärzte auch in Deutschland wachsam bleiben müssen.“

Referenzen

Referenzen

  1. WHO: Novel coronavirus infection – update
    Stand 16.02.2013
    http://www.who.int/csr/don/2013_02_16/en/index.html
  2. RKI: Epid Bull. 10.12 2012, Nr. 49
    http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2012/Ausgaben/49_12.pdf?__blob=publicationFile
  3. Müller MA, et al: mBio. 2012;3(6):e00515-12.
    http://dx.doi.org/10.1128/mBio.00515-12
  4. RKI: Aktualisierung der Risikoeinschätzung des RKI zu Erkrankungsfällen durch das neuartige Coronavirus (hCoV-EMC)
    Stand: 18.2.2013
    http://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/C/Corona/hCoV-EMC_Risiko.html?nn=3223662
  5. DZIF, Deutsches Zentrum für Infektionsforschung, 14.02.2013
    http://www.dzif.de/news_presse/news_pressemitteilungen/ansicht/detail/artikel/neues_coronavirus_zwei_erkrankte_und_eine_mensch_zu_mensch_uebertragung_in_uk/
  6. Erklärung des Universitätsklinikums Essen zum Thema Coronavirus, 24.11.2012
    http://www.uk-essen.de/en/aktuelles/detailanzeige0/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=1409&cHash=399bf873030dc6916725dbaf02d516c5

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Inge Brinkmann
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