Metaanalyse: Folsäure-Supplementation erhöht das Krebsrisiko nicht

Dr. Erentraud Hömberg | 30. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Folsäure und Krebs – das ist ein zweischneidiges Schwert. Folsäure kann einerseits die Entstehung von Tumoren verhindern, andererseits aber Krebsvorstufen zum bösartigen Wachstum anregen. Eine soeben im Lancet erschienene Metaanalyse zerstreut sowohl Hoffnungen als auch Bedenken – zumindest für die kurzzeitige Supplementation mit Folsäure [1].

Seit Ende der 90er Jahre werden in den USA, in Kanada und in 50 anderen Ländern Getreideprodukte mit Folsäure angereichert, um der Entstehung von Neuralrohrdefekten beim Embryo vorzubeugen. Dieses Vorgehen hat sich als sehr effektiv erwiesen: In Nordamerika sind Spina Bifida, Anencephalus und andere durch Folsäuremangel verursachte Fehlbildungen deutlich zurückgegangen. Die Westeuropäer allerdings halten sich mit der Folsäure-Fortifikation zurück. Sie befürchten erhöhte Krebsraten als unerwünschte Nebenwirkung.

In einer Metaanalyse, die am 25. Januar 2013 im Lancet veröffentlicht wurde, ging ein internationales Team der B-Vitamin Treatment Trialist’s Collaboration diesen Befürchtungen nach. Die Autoren sichteten alle vor 2011 randomisierten Studien mit mindestens 500 Teilnehmern, die die Wirkung von Folsäure mit Placebos mindestens ein Jahr lang verglichen und das Auftreten von Tumoren protokolliert hatten. 13 Studien mit insgesamt fast 50.000 Probanden erfüllten diese Kriterien. Die tägliche Dosis Folsäure, die die Probanden erhielten, schwankte zwischen 0,5 - 5 mg – nur in einer einzigen Arbeit wurden 40 mg verabreicht. Die geplante Studiendauer betrug im gewichteten Mittel 5,2 Jahre. 

Die Resultate der Metaanalyse sprechen für die Fortifikation

Nach der sorgfältigen Vergleichsanalyse kamen die Autoren zu folgenden Ergebnissen: Obwohl die Teilnehmer Folsäure in einer vierfach höheren Konzentration zu sich nahmen, als bei der Anreicherung von Getreideprodukten üblich ist, waren die Krebsraten nicht signifikant erhöht. In den Folsäure-Gruppen entwickelten 1.904 Personen (7,7%) bösartige Tumoren, in den Placebo-Gruppen 1.809 (7,3%). Selbst in jener einzelnen Studie, in der die Probanden sogar 40 mg Folsäure am Tag erhielten, war keine signifikante Erhöhung der Krebsraten zu verzeichnen.

Auch für einzelne Tumoren konnten die Wissenschaftler keinen Unterschied feststellen: Darm-, Lungen-, Brust-, Prostatakrebs oder andere Malignome traten genauso häufig in den Folsäure- wie in den Placebo-Gruppen auf. Ebenso wenig hatte die Einnahmedauer Einfluss auf das Krebsrisiko: Bei den 4 Studien, bei denen die Probanden im Durchschnitt länger als 5 Jahre Folsäure einnahmen, gab es keine signifikante Erhöhung der neu entwickelten Karzinome.

Die Metaanalyse liefere den Beweis, dass die Aufnahme von Folsäure als Nahrungsergänzung oder als Nahrungszusatz über einen Zeitraum von 5 Jahren sicher ist, erläuterte Dr. Robert Clarke von der Universität Oxford in Großbritannien, einer der Hauptautoren der Studie. „Weder die Hoffnung auf einen raschen Krebsrückgang als auch die Befürchtung eines raschen Krebsanstiegs durch die Nahrungsergänzung mit Folsäure konnte durch diese Metaanalyse bestätigt werden“, so Clarke [2].

 
Eine Dosis von 400µg Folsäure täglich würde viele kranke Babys verhindern.
 

Clarke und seine Kollegen bleiben jedoch vorsichtig: „Obwohl die vorliegende Metaanalyse die Wirkung der Folsäure-Supplementation auf die Entwicklung von Tumoren während der geplanten Studienperioden untersucht hat, kann sie nicht die Frage beantworten, ob dies unter den Teilnehmern viele Jahre nach dem Ende all dieser Studien eventuell positive oder negative Auswirkungen auf die Krebsinzidenz haben wird“, heißt es in der Veröffentlichung.

Die Anreicherung von Getreideprodukten ist in Deutschland nicht erwünscht

 

Prof. Dr. Cornelia Ulrich
 

Für präzisere Daten und Langzeit-Follow-ups plädiert auch Prof. Dr. Cornelia Ulrich. Sie ist Direktorin der Abteilung Präventive Onkologie des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen (NCT) im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg und Mitautorin eines Kommentars im Lancet zu der soeben publizierten Studie. Sie möchte die Anreicherung von Getreideprodukten „sehr vorsichtig“ bewertet sehen.

In Tierexperimenten habe sich gezeigt, so Ulrich in einem Gespräch mit Medscape Deutschland, dass Folsäure das Wachstum von Tumoren anregen kann – vor allem in frühen Läsionen wie beispielsweise Darmpolypen. „In Europa nimmt die Zahl der älteren Menschen immer mehr zu und damit auch die der Menschen mit Krebsvorstufen. Ein Drittel der 60-Jährigen z. B. hat bereits Darmpolypen. Wenn wir Mehl mit Folsäure anreichern, regen wir die Vorläuferzellen womöglich zum Tumorwachstum an. Auch wenn der Effekt klein ist, so müsste er nicht sein“, sagt die Präventionsexpertin.

„Die aktuelle Metaanalyse aus dem Lancet konnte zwar kein signifikantes Krebsrisiko feststellen, doch die Sache ist kompliziert und auch eine Frage der Interpretation“, so Ulrich weiter. „Wenn ich mir die Kurven der Meta-Analyse genau anschaue, so sehe ich kurz nach der Implementierung von Folsäure einen Anstieg der präklinischen Läsionen hin zur klinischen Evidenz. Später setzt offenbar der Schutzeffekt der Folsäure gegen Neoplasien ein und die Inzidenzraten nehmen wieder ab. Dies passt mit dem biologischen Modell, das wir von der Folsäure haben, gut zusammen: Sie kann Vorstufen zum Wachstum anregen, aber die Entstehung von Tumoren verhindern.“

Überdurchschnittlich viele Neuralrohrdefekte in Deutschland

Bei Vergleich der europäischen Länder zeigt sich, dass es in Deutschland weit überdurchschnittlich viele Schwangerschaften mit Neuralrohrdefekten gibt, nämlich 800 jährlich. Die meisten werden nach positivem pränatalen Screening abgebrochen. Etwa die Hälfte davon wäre zu verhindern, wenn junge Frauen besser mit Folsäure versorgt wären.  Wie könnte man dieses Ziel erreichen, ohne die Getreideprodukte anzureichern?

Gynäkologen sollten darauf dringen, dass Frauen im gebärfähigen Alter auf jeden Fall zusätzlich Folsäure bekommen“, so die Antwort von Ulrich. „Die meisten Schwangerschaften sind ja überraschend und manche auch ungewollt. Und wenn die Frau weiß, dass sie schwanger ist, ist es eigentlich schon zu spät. Denn der Schluss des Neuralrohrs erfolgt bereits im ersten Monat nach der Konzeption. Eine Dosis von 400µg Folsäure täglich würde viele kranke Babys verhindern. In den USA gingen die Neuralrohrdefekte bereits mit viel geringeren Dosen um 20% zurück. Wenn man ein Präparat mit höheren Dosen einnimmt, kann man das Risiko noch erheblich senken. Ich sehe es als Aufgabe der Ärzte und der Öffentlichkeit, hier die jungen Frauen besser zu informieren.“

Referenzen

Referenzen

  1. Vollset SE, et al: The Lancet (online) 25. Januar 2013
    http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(12)62001-7/abstract
  2. Clarke R, Clinical Trial Service Unit and Epidemiological Studies Unit, University of Oxford:  
    http://www.eurekalert.org/pub_releases/2013-01/1-mcf012313.php  

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Erentraud Hömberg
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. Cornelia Ulrich
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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