Note Ungenügend - Smartphone-Apps taugen nicht zum Melanom-Screening

Dr. med. Sylvia Bochum | 28. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Smartphone-Apps erweisen sich im Gesundheitsbereich zwar immer öfter als wertvolle Helfer. Mitunter bergen solche Softwareprogramme aber auch zahlreiche Risiken – vor allem dann, wenn sie von medizinischen Laien genutzt werden. Das bestätigt jetzt eine von Joel A. Wolf und Dr. Laura K. Ferris vom Department of Dermatology der University of Pittsburgh im Journal of the American Medical Association (JAMA) Dermatology veröffentlichte Studie. Gemeinsam mit ihren Kollegen analysierten sie die Genauigkeit medizinischer Apps, die zur Überprüfung melanomverdächtiger Hautveränderungen vermarktet werden. 3 der 4 untersuchten Apps lieferten in hohem Maße unzuverlässige Ergebnisse, da sie mindestens ein Drittel der Melanome fälschlich als harmlos einstuften.

Aufgrund des dramatischen Anstiegs der Zahl der Melanomerkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten ist die Bedeutung der Hautkrebs-Früherkennung zunehmend ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Krankenkassen haben entsprechende Untersuchungen bereits in ihren Leistungskatalog aufgenommen. Allerdings gibt es inzwischen auch mehrere Smartphone-Apps, die zur Selbstuntersuchung der Haut und zur Erkennung von Melanomen angeboten werden. Die meisten dieser Apps sind kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr zu erwerben.

Die Autoren testeten 4 verschiedene Apps im Hinblick auf ihre Genauigkeit. Alle boten die Möglichkeit, digitale Bilder von Hautveränderungen hochzuladen, die dann von der App analysiert und kategorisiert wurden. Als Referenz nutzten die Autoren 188 Bilder einer klinikeigenen Datenbank. Diese zeigten in 60 Fällen ein histopathologisch gesichertes Melanom (davon 44 invasive Formen, 16 in situ Melanome), in den übrigen Fällen handelte es sich um eine benigne Läsion. Sämtliche Bilder wurden vor der chirurgischen Resektion aufgenommen.

Geringe Erkennungsrate

Die Sensitivität der überprüften Apps reichte von 6.8% bis 98.1%, die Spezifität von 30.4% bis 93.7%. Die mit Abstand höchste Sensitivität erzielte die App, bei der das hochgeladene Bild an einen Facharzt für Dermatologie geschickt und von diesem beurteilt wurde. In diesem Fall wurde lediglich 1 von insgesamt 53 analysierten Melanomen fälschlicherweise als unbedenklich eingestuft. Jene 3 Apps jedoch, die automatisierte Algorithmen zur Auswertung der Bilder einsetzten, erzielten eine vergleichsweise geringe Sensitivität. Selbst die Software mit der besten Erkennungsrate klassifizierte immer noch 18 der 60 Melanome (30%) als gutartige Veränderungen. Die erhobenen Daten lieferten zudem einen negativen prädiktiven Wert (NPV) von 65.4% bis 97.0% und einen positiven prädiktiven Wert (PPV) von 33.3% bis 42.1%.

In ihrem Fazit warnen die Autoren der Studie deshalb davor, sich auf die Ergebnisse dieser Apps zu verlassen. Dadurch könne es zu einer unter Umständen fatalen zeitlichen Verzögerung bei der Diagnose eines Melanoms kommen. “Die Apps können und dürfen den Arzt-Besuch nicht ersetzen”, betonte Ferris, die die Studie leitete. Darauf müssten die Nutzer der Apps explizit hingewiesen werden. Zwar gäbe es Hinweise für die Nutzer, dass die Programme nur für Unterrichtszwecke, aber nicht zur Diagnostik eingesetzt werden sollten. Die Autoren sehen aber trotzdem die Gefahr, dass sich viele auf die Analyse der App verlassen und dadurch in falscher Sicherheit wiegen.

Qualitätsstandards gefordert

Dass die Qualität dieser ‚Melanom-Apps’ jetzt im Rahmen einer Studie überprüft wurde, begrüßt auch Dr. med. Urs-Vito Albrecht, Leiter des PLRIMedAppLab am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover: „Diese sind schon seit Jahren auf dem Markt, ohne bisher einer kritischen Prüfung unterzogen worden zu sein.“

Dass die Mehrzahl der in der Studie untersuchten Programme nur sehr ungenaue Ergebnisse produziert, spiegelt nach Albrechts Meinung ein grundlegendes Problem vieler medizinischer Smartphone-Apps wider. Weil ein Großteil der Apps keiner regulatorischen Aufsicht unterliegt, werden verlässliche Qualitätsstandards auch nicht immer umgesetzt. „Um die Vertrauenswürdigkeit vieler medizinischer Apps ist es nicht besonders gut bestellt“, weiß der Experte. „Wer sich bislang eine App herunterlädt, erfährt in der Regel nur sehr wenig über das Produkt.“

Gerade in Sachen Datensicherheit würden sich oft große Mängel offenbaren, was bei Gesundheitsdaten, die per se ein erhebliches Missbrauchspotenzial bergen, besonders kritisch sei. Da die Mehrzahl der weltweit circa 200 Millionen mobilen Gesundheits-Apps aber nicht als Medizinprodukt angeboten wird, sind diese weder meldepflichtig noch einem besonderen Prüfverfahren durch eine Regulationsbehörde unterworfen. Alternativ gäbe es zwar einige Zertifizierungsprogramme privater Dienstleister, doch die meisten Anbieter verzichten darauf - vermutlich aus Unwissenheit oder weil sie den Aufwand scheuen.

Albrecht hat deshalb zusammen mit Vertretern des Aktionsforums Gesundheitsinformationssysteme (afgis) kürzlich Qualitätsmerkmale für Gesundheits-Apps vorgeschlagen. Diese fordern Hersteller auf, freiwillig bestimmte Qualitätsstandards einzuhalten. Dazu gehören Angaben zur Funktionalität und Sicherheit des Programms genauso wie die Offenlegung der Finanzierungsquellen. „Die Anforderungen wurden bewusst niedrig gehalten, um den Aufwand für die App-Entwickler in Grenzen zu halten“, so Albrecht.

Seine Arbeitsgruppe entwickelt zurzeit eine Guideline, die  - vergleichbar dem CONSORT Statement für die Publikation klinischer Studien in Fachzeitschriften – entsprechende Aspekte für das standardisierte Reporting medizinischer Apps abdecken soll. Letztlich gehe es um Transparenz und Fairness gegenüber den Nutzern, denn diese könnten sich leider nicht selbstverständlich darauf verlassen, dass mit ihren Daten, die sie einer medizinischen App anvertrauen, immer vertrauenswürdig umgegangen wird.

Referenzen

Referenzen

  1. Wolf JA, et al: JAMA Dermatol. (online) 16. Januar 2013
    http://dx.doi.org/10.1001/jamadermatol.2013.2382

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. med. Sylvia Bochum
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

LK Ferris hat angegeben, als Berater für MELA Sciences zu arbeiten.

UV Albrecht hat angegeben, keine Interessenkonflikte zu haben.

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