Neuartiges Coronavirus: Wie gefährlich ist der SARS-Vetter wirklich?

Ute Eppinger | 16. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Ende September vergangenen Jahres rief es Angst und Unruhe hervor: HCoV-EMC, ein neues humanpathogenes Coronovirus, war im Sputum eines Pneumoniepatienten in Saudi-Arabien aufgespürt worden. Der Erkrankungsverlauf ähnelte SARS (Schweres akutes respiratorisches Syndrom). Der 60 Jahre alte Patient litt bereits seit einer Woche unter Fieber, Husten mit Auswurf und Atemnot. Die Krankheit verschlimmerte sich rasch, und trotz Intensivtherapie und Intubation in einer Klinik im saudi-arabischen Jeddah konnte die respiratorische und renale Insuffizienz nicht aufgehalten werden. Der Mann starb 11 Tage nach Klinikaufnahme an Multiorganversagen.

Mit dem SARS-Virus verwandt, aber nicht genetisch identisch

 
„HCoV-EMC ist dem SARS-Virus zwar sehr ähnlich, aber sie sind nicht genetisch identisch“
 

HCoV-EMC ist mit dem SARS-Erreger verwandt, der ebenfalls zu den Coronaviren zählt und vor 10 Jahren die Welt in Schrecken versetzte. Wie das SARS-Virus wird es durch Fledermäuse übertragen. „HCoV-EMC ist dem SARS-Virus zwar sehr ähnlich, aber sie sind nicht genetisch identisch“, erklärte Prof. Dr. Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Nach den jüngsten WHO-Angaben erkrankten 9 Menschen an dem Virus, von denen 5 starben. Die Letalität liegt also bei über 50%. Zu 2 Todesfällen in Jordanien kommen 2 Erkrankte in Katar. Einer der beiden Katarer wurde in einer Lungenklinik in Nordrhein-Westfalen behandelt und nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) Mitte November geheilt entlassen. „Der Patient war bei Entlassung aus der Klinik nicht mehr infektiös“, so das RKI [1].

Promiskuitiver Erreger

In Zellkultur-Versuchen erwies sich der neue Erreger als nicht sehr wählerisch, was seinen Wirt angeht: Das Virus wechselte bereitwillig hin und her zwischen menschlichen Zellen und tierischen, etwa von Schwein oder Fledermaus. "Das macht zwei Szenarien möglich", folgerte Becker. Entweder habe sich jeder der Patienten bei einem Tier angesteckt. Das wäre für ein Coronavirus zwar ungewöhnlich, erscheine aber denkbar. Sollte das der Fall sein, müsse man auch über Diagnostikprogramme für Nutztiere nachdenken. Alternativ könnte das Virus ein einziges Mal von einem tierischen Wirt – wahrscheinlich von einer Fledermaus – auf den Menschen übergesprungen sein und sich seitdem von Mensch zu Mensch verbreiten.

Übertragung von Mensch zu Mensch?

In Saudi-Arabien wurde erstmals ein Familienausbruch bekannt. „Bei dem Familiencluster von 4 Fällen könnte die Infektion über eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgt sein“, teilte das RKI mit [2]. Allerdings könnten auch andere Infektionswege wie Tierkontakt genauso wenig ausgeschlossen werden wie eine spezielle Disposition: Die betroffenen Menschen waren allesamt Männer und miteinander verwandt. Das RKI stuft die Gefahr einer Übertragung von Mensch zu Mensch als gering ein, das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle (ECDC) kommt zu einer vergleichbaren Bewertung.

Prof. Dr. med. Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Bonn, ist vorsichtiger: Man sieht an dem Familienausbruch, der erst durch aktives Nachsuchen entdeckt wurde, dass die Situation wohl ernster ist als zunächst gedacht. Sicherlich können sich Familienmitglieder an einer gemeinsamen Quelle infizieren – wahrscheinlicher ist allerdings eine Übertragbarkeit des Virus von Mensch zu Mensch“ [3]. Auch nach Ansicht von Becker zeigt der Familienausbruch, dass das neue Virus in Saudi-Arabien entweder in der Bevölkerung zirkuliert oder dass es immer wieder von seinem natürlichen Reservoir auf den Menschen überspringen kann. „Anders als bei SARS scheint die Mensch-zu-Mensch-Übertragung nicht so gravierend zu sein“, erklärte Becker, fügte aber hinzu: “Man weiß es nicht; infektionsserologische Untersuchungen, die das Ausmaß der Infektion zeigen können, sind jetzt dringend erforderlich.“

Wo dockt HCoV-EMC im Körper an?

 
Leider gibt es auch nach 3 Monaten intensiver Forschung mehr Fragen als Antworten.
 

Ein bisschen näher sind die Forscher dem neuartigen Virus schon gekommen: Einem Forscherteam um Dr. Ron Fouchier von der Universität Rotterdam gelang es, die Erbgut-Sequenz von HCoV-EMC zu entschlüsseln [4]. Und die Forschergruppe um Drosten fand heraus, dass das neue Coronavirus zum Zelleintritt nicht denselben Rezeptor (ACE2) verwendet wie das SARS-Coronavirus. Weil das SARS-Virus tief in die Lunge eindringen muss, um die Struktur vorzufinden, die ihm als Türöffner dient, überträgt es sich nur bei engem Kontakt. Welchen Weg HCoV-EMC nutzt, ist noch unbekannt. Fest steht nur, dass es ein anderer ist als beim SARS-Virus. Becker: „Je weiter oben sich der Rezeptor im Respirationstrakt befindet, desto tendenziell leichter verlaufen Infektionen.“ Gerätselt wird, wo genau HCoV-EMC andockt. Schließlich befällt das neue Virus neben der Lunge auch die Nieren.

Drosten: „Leider gibt es auch nach 3 Monaten intensiver Forschung mehr Fragen als Antworten. Unsere Daten liefern aber zumindest einen Denkansatz, weshalb das gesamte epidemiologische Bild so Coronavirus-untypisch aussieht“ [5]. Jetzt sei eine intensivierte Überwachung notwendig, die auch die Zuchttiere in der Ursprungsregion einbeziehe. Unglücklicherweise gibt es an dieser Stelle wenig Fortschritt und wenig echte Kooperationsbereitschaft“, erklärte Drosten. Manche Länder führten eine sehr dezidierte Kommunikationspolitik, bedauerte auch Becker. „Was uns fehlt, sind epidemiologische Untersuchungen in den Ursprungsregionen, wir müssten dort Menschen auf Antikörperbildung untersuchen.“

Kein Grund zur Panik

„Wir haben überhaupt keine Informationen, wie verbreitet das Virus ist“, sagte der Marburger Virologe. Möglicherweise habe der Erreger bereits viel mehr Menschen befallen, die nicht ernsthaft erkrankt sind. „Wir sehen ja nur die sehr schweren Erkrankungen“. Deshalb stelle man sich natürlich eher auf ein schlimmeres Szenario ein. Becker: Die Frage, die nun viele umtreibt, ist, ob wir in Zukunft häufiger mit vereinzelten schweren Coronavirusinfektionen rechnen müssen, die von Tieren auf den Menschen überspringen, oder ob es sich bei den bekannt gewordenen Fällen um die Spitze des Eisbergs von vielen unerkannt gebliebenen Infektionen handelt.“

Die WHO appelliert deshalb an Ärzte, auch Patienten auf das neue Coronavirus zu testen, wenn sie keine eindeutige Reiseanamnese haben, sowie diese Fälle dem Gesundheitsamt zu melden. „Für Panik besteht jedenfalls kein Grund, aber man sollte schon sehr aufmerksam hinschauen“, erklärte Becker. Hoffnungsvoll stimme ihn, dass man aus SARS sehr viel gelernt habe. „Als HCoV-EMC auftauchte, lief die internationale Zusammenarbeit sehr gut und sehr schnell. Aus den Erfahrungen mit SARS setzte man schnellstens strenge Hygienevorschriften um. So konnten sich die Behandler viel besser vor möglicher Ansteckung schützen. Innerhalb weniger Tage war ein Diagnostik-Kit entwickelt, mit dem sich das Virus identifizieren lässt“, zählte Becker auf und wertete die Reaktionen als sehr gutes Zeichen.”

Referenzen

Referenzen

  1. RKI: Epid Bull. 10.12 2012, Nr. 49
    http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2012/Ausgaben/49_12.pdf?__blob=publicationFile
  2. RKI: Aktualisierung der Risikoeinschätzung des RKI zu Erkrankungsfällen durch das neuartige Coronavirus (hCoV-EMC), Stand 26.11.2012
    http://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/C/Corona/hCoV-EMC_26-11-2012.pdf?__blob=publicationFile
  3. DZIF, Deutsches Zentrum für Infektionsforschung, 23.11.2012
    http://www.dzif.de/news_presse/news_pressemitteilungen/ansicht/detail/artikel/sechs_patienten_an_dem_neuen_coronavirus_erkrankt/
  4. Ali Moh Zaki, et al: N Engl J Med 2012; 367, 1814-20.
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1211721
  5. DZIF, Deutsches Zentrum für Infektionsforschung, 12.12. 2012
    http://www.dzif.de/news_presse/news_pressemitteilungen/ansicht/detail/artikel/virologische_studie_veraendert_die_einschaetzung_des_neuen_coronavirus/

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. Stefan Becker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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