Falsche Erwartungshaltung bei Husten weckt überflüssige Antibiotikawünsche

Dr. med. Ludger Riem | 16. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

In einem aktuellen Artikel in den Annals of Family Medicines ist eine amerikanische Arbeitsgruppe um Mark H. Ebell [1], Epidemiologe an der University of Georgia, USA, folgenden Fragen nachgegangen:

  1. Wie lange bleiben mit dem klinischen Leitsymptom Husten einhergehende akute Infekte des oberen Atemwegstraktes im Sinne von Bronchitis und Co. persistent, wenn sie nicht antibiotisch behandelt werden?
  2. Wie schätzt der Normalbürger die durchschnittliche Symptomdauer im Zuge eines derartigen „banalen“ Atemwegsinfektes ein?

Eine Antwort auf letztgenannte Frage ist insbesondere aus folgendem Grund von Interesse: Die Erwartungshaltung könnte maßgeblich darüber entscheiden, wie lange ein von Husten gequälter Patient bereit ist, derartige Symptome zu ertragen beziehungsweise wann er den Entschluss fasst, durch einen Arztbesuch (mit der Bereitschaft zu nachfolgender Antibiotikaeinnahme) Abhilfe zu schaffen.

17 Tage Husten sind die Regel

Die oben genannten Fragen haben Ebell und Kollegen auf folgendem Wege beantwortet: Eine systematische Literaturrecherche sollte zunächst Aufschluss darüber geben, wie lange eine „akut aufgetretene Hustenerkrankung“ eigentlich symptomatisch ist, wenn sie gewissermaßen sich selbst überlassen bleibt und vor allem nicht antibiotisch behandelt wird. Plazebokontrollierte Doppelblindstudien mit diversen Antibiotika und entsprechenden Einschlusskriterien waren daher besonders interessant. Angesichts der Ausschlusskriterien – unter anderem schwerwiegende Begleiterkrankungen wie Asthma oder COPD oder auch begründeter Verdacht auf bakterielle Infektionen wie eine Pneumonie – ließ die Zahl der verwertbaren Untersuchungen rasch auf überschaubare 19 Studien schrumpfen – gleichwohl mit stattlicher Patientenzahl. Die metaanalytisch gewonnenen Daten zeigen: Im Zuge einer banalen acute cough illness (ACI) liegt die durchschnittliche Hustendauer bei 17,8 Tagen – immerhin 13,9 Tage davon ist der Husten „produktiv“, also von Auswurf begleitet.

Realistische Frauen und optimistische Männer

Von welcher Hustendauer geht aber der Normalbürger – im Fall der vorliegenden Studie also ein Vertreter des US-amerikanischen Bundesstaates Georgia – aus? Dieser Frage sind Ebell und Kollegen mit Hilfe einer repräsentativen Befragung nachgegangen und fanden: Auf gerade einmal 6,5-9,3 Tage veranschlagen die Südstaatler die Symptomdauer einer banalen ACI – mithin deutlich kürzer als es den Fakten entspricht. Vorausgegangener Antibiotikagebrauch und weibliches Geschlecht waren den Ergebnissen zufolge Prädiktoren für eine etwas realistischere Einschätzung. Geringes Einkommen und niedriges Bildungsniveau waren ebenso wie vorangegangene Antibiotikaverordnungen Prädiktoren für eine bejahende Antwort auf die Frage, ob man die Gabe von Antibiotika im genannten Szenario immer oder zumeist für hilfreich erachtet.

Die dargestellten Ergebnisse bringen die amerikanischen Wissenschaftler zu folgender Einschätzung: „Die Diskrepanz zwischen Patientenerwartung und den Realitäten bezüglich des naturalistischen Verlaufs einer akuten Hustenerkrankung hat entscheidende Implikationen in Hinblick auf die Antibiotikaverordnung. Nimmt ein Patient an, dass eine ACI-Episode etwa sechs oder sieben Tage andauert, ist es nur logisch, dass er nach fünf bis sechs Tagen nach ärztlicher Hilfe und einem Antibiotikum verlangt.“ Im Bemühen um einen maßvollen Antibiotikaeinsatz halten es die Autoren deshalb für eine vorrangige Aufgabe, auf eine realistische Erwartungshaltung hinzuarbeiten.

Zu rascher Griff zum Rezept

 

Prof. Dr. med. Tobias Welte
 

An der prinzipiellen Übertragbarkeit der in Georgia gewonnenen Daten auf bundesdeutsche Verhältnisse hat Prof. Dr. med. Tobias Welte, Direktor der Abteilung für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), keine Zweifel. Im Gespräch mit Medscape Deutschland unterstreicht der Pneumologe und Infektiologe eine vielfach unrealistisch hohe Erwartungshaltung im Umgang mit Infektionskrankheiten – dies übrigens auch unter einer medizinisch indizierten Antibiotikatherapie. Außer Frage stehe auch hierzulande der zu schnelle und zu häufige Griff zum Rezept, der aber gewissermaßen systemimmanent sei. „Die Kunst besteht ja darin, keine schwerwiegende Infektion zu übersehen. Wenn man mit Antibiotika aus guten Gründen restriktiver umgehen will, so bedarf es gerade im Umgang mit älteren Patienten anderer Versorgungsstrukturen. Dazu müssen andere Formen der Nachkontrolle entwickelt, etabliert und natürlich auch bezahlt werden.“

Preiswerte Antibiotika – teure Patientenkontakte

Im gleichen Zusammenhang rückte Welte den drastischen Preisverfall auf dem Antibiotikamarkt als eines der heutigen Kernprobleme in den Fokus:  „Antibiotika sind so billig geworden, dass rein budgettechnisch der Griff zum Rezeptblock überhaupt keine Rolle mehr spielt – das ist ein echtes Problem“.

Zu einem echten Problem entwickelt sich nach Einschätzung Weltes vielerorts auch die sich mehr und mehr verschärfende Resistenzproblematik, die es vor allem langfristig im Auge zu behalten gelte. Bedauerlicherweise seien langfristige Planungen jedoch selten akut therapiebestimmend. Auch wenn durch Marker wie Procalcitonin (PCT) heute recht zuverlässig zwischen bakteriellen und viralen Infektionen unterschieden werden könne, habe diese Technik so lange kaum eine Zukunft, wie die Verordnung eines Antibiotikums preisgünstiger sei als die Bestimmung dieses Markers – preisgünstiger womöglich auch als ein zeitlich adäquater Arzt-Patienten-Kontakt.

Realistische Erwartungshaltung

Im Einklang mit den Ergebnissen der vorgestellten Originalarbeit sprach sich Welte in Sachen Antibiotikagebrauch grundsätzlich für eine realistische Erwartungshaltung aus: „Antibiotika sind tolle Medikamente, aber sie werden von der Allgemeinheit als Wundermittel gegen Infektionen aller Art maßlos überschätzt. Sie wirken gegen bakterielle Infektionen – gegen nichts anderes.“

Neben rein medizinischen Erwägungen hängt der Antibiotikagebrauch nach Einschätzung Weltes faktisch ganz maßgeblich auch von den sozioökonomischen Rahmenbedingungen ab. Im Irrglauben, durch Antibiotika in jedem Falle Krankheitstage vermeiden zu können, registrierte man in den Vereinigten Staaten in Zeiten sich verschärfender Probleme auf dem Arbeitsmarkt gar eine Verdopplung des Umsatzes. Und auch hierzulande müsse nicht jedes schniefende Kleinkind, das aus dem Kindergarten prophylaktisch nach Hause geschickt wird, entsprechend behandelt werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund hält Welte die Arbeit von Ebell und Mitarbeitern auch aus bundesdeutschem Blickwinkel für sinnvoll und verdienstvoll: „Sie greift das absolute Dilemma unseres Gesundheitssystems auf.“

Referenzen

Referenzen

  1. Ebell M, et al: Annals of Family Medicine 2013;11:5-13
    http://dx.doi.org/10.1370/afm.1430

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. med. Ludger Riem
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. med. Tobias Welte
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Mark H Ebell
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.