Nicht nur gegen Hypertonie: Betablocker zur Prävention später Demenzformen?

Susan Hughes | 15. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Erste Auswertungen der Honolulu-Asia Aging Studie (HAAS) zeigen, dass Patienten, die zu Lebzeiten mit Betablockern gegen Hypertonie behandelt worden waren, postmortem weniger Demenz-typische zerebrale Läsionen aufwiesen als Patienten, die andere Antihypertensiva oder gar keine Medikation erhalten hatten.

Dr. Lon White von der University of Hawaii/Honolulu, wird die Studie seines Teams auf dem im März stattfindenden 65. Jahrestreffen der American Academy of Neurology vorstellen [1]. „Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Betablocker sich in besonderer Weise günstig auf die Reduzierung Alzheimer-typischer zerebraler Läsionen auswirken“, sagte White im Gespräch mit Medscape Medical News.

774 Autopsien von Patienten aus der Honolulu-Asia Aging Study

Die Honolulu-Asia Aging Study ist eine Langzeit-Epidemiologische Untersuchung z. B. der Risikofaktoren und neuropathologischen Anomalien älterer japanisch-amerikanischer Männer zwischen 71 und 93 Jahren [2]. Studienstart war 1991, Studienende Mitte 2012. Alle 3 Jahre wurden bei den Teilnehmern u. a. Veränderungen des zerebrovaskulären Systems, der Grad altersbedingten kognitiven Abbaus sowie der Grad der demenziellen Symptomatik untersucht. Postmortem wurden bisher Autopsien von 774 Patienten mit und ohne klinische Anzeichen einer Demenz durchgeführt.

„Eines der wichtigsten Themen dieser Studie ist die Prävention der späten Demenzformen, die etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen meist in Form der Alzheimer-Demenz betreffen“, sagte White. Da inzwischen gut untersucht sei, dass das Erkrankungsrisiko eher mit einer Hypertonie im mittleren denn im höheren Alter korreliert, wurde in der HAAS-Studie der Zusammenhang zwischen Hypertonie und Morbus Alzheimer genauer betrachtet und auf die Autopsiedaten ausgedehnt.

„Mit 774 Hirnautopsien und Informationen zu Medikation und Kognition ist dies die größte prospektive Studie zu Hirnautopsien, die es je gab“, so White. „Ich kenne außerdem keine andere Studie, die Alzheimer in Abhängigkeit unterschiedlicher medikamentöser Hochdrucktherapien untersucht."

Von den 774 Patienten hatten 610 einen Hochdruck, 350 waren entsprechend behandelt worden. Unter den monotherapeutisch eingesetzten Antihypertensiva waren Betablocker (n=40), ACE-Hemmer (n=35), Diuretika (n=60), Kalziumblocker (n=103) und Vasodilatatoren (n=13). Weitere 43 Patienten hatten Betablocker plus ein weiteres oder mehrere Präparate erhalten, 46 Patienten andere Kombinationen von Antihypertensiva ohne Betablocker.

Die Teilnehmer aller Gruppen verstarben durchschnittlich mit 86 und 87 Jahren. Der Bildungsstand war über alle Gruppen vergleichbar, die Inzidenz für Diabetes lag zwischen 17 und 30%. Die Medikation fand unabhängig vom LPA4-Gen statt. Um mögliche Verzerrungen ausschließen zu können, wurden logistische und lineare Regressionsanalysen durchgeführt.

Weniger Alzheimer-typische Läsionen und Mikroinsulte

Im Ergebnis gab es in der Gruppe mit Betablocker-Monotherapie weniger Alzheimer-typische amyloide Plaques und Tau-Fibrillen als bei Patienten, die keine oder andere Medikamente genommen hatten. Die wenigsten Alzheimer-Läsionen wurden bei Patienten ohne Hochdruck gefunden. Die Kombinations-Gruppen zeigten eine mittlere Anzahl oder etwas weniger zerebrale Veränderungen. Auch die Anzahl der zum Teil unbemerkten Insultsymptome meist geringen Schweregrades als ein vaskulärer Marker war bei Betablocker-Patienten signifikant reduziert, wenn auch in geringerem Ausmaß.

White bezeichnet die Ergebnisse als „ersten Hinweis darauf, dass unterschiedliche antihypertensive Therapien unterschiedlich auf Alzheimer-Läsionen und andere zerebrale Läsionen wirken könnten.“ Wegen der noch nicht auskräftigen Datenlage plädiert er zur Vorsicht und betont, dass es bisher keine abschließenden Ergebnisse gäbe. „Die vorliegenden Daten sind nur ein Indiz dafür, dass Betablocker zur Blutdrucksenkung möglicherweise eine gute Wahl sind, um einer Demenz vorzubeugen. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns, bevor wir klinische Empfehlungen aussprechen können.“

Eine Zunahme des Pulsdrucks bzw. ein dauerhaft erhöhter zentral-aortaler Blutdruck wirkt schädigend im ZNS. „Wir hatten erwartet, dass Betablocker das Auftreten von Mikroinsulten verhindern könnten, wir hatten jedoch nicht erwartet, dass sie Alzheimer-Läsionen in dem Ausmaß reduzieren würden“, sagte White. „Im Moment ist das für uns noch ein Mysterium und es könnte ein Zufallsergebnis sein. Falls es sich aber um einen echten Effekt handelt, vermute ich einen Zusammenhang zu einer autonomen Funktion.“

Als sinnvollen nächsten Schritt schlägt White vor, diese Hypothese im Tiermodell zu testen. „Wenn Mäuse, bei denen nach Genmanipulation Alzheimer-Läsionen auftreten, im Rahmen einer Betablocker-Behandlung weniger Läsionen entwickeln, dann wissen wir, dass es sich um eine Wirkung der Medikamente handelt.“

Dieser Artikel wurde von Andrea Thode aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert

Referenzen

Referenzen

  1. 65th Annual Meeting of the American Academy of Neurology, 16.-23. März 2013, San Diego. White L: Abstract 2171. Vorabveröffentlichung am 7. Januar 2013. http://www.aan.com/press/index.cfm?fuseaction=release.view&release=1127
  2. 2. Gelber RP et al.:Curr Alzheimer Res. 2012; 9(6): 664-72. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22471866

Autoren und Interessenskonflikte

Susan Hughes
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Die Studie wurde durch das National Institutes of Health gefördert. Die Autoren haben keine relevanten finanziellen Beziehungen offenbart.

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