Neues Betäubungsmittelrezept: Anlass über Mängel in Schmerztherapie nachzudenken

Andrea S. Klahre | 11. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Mit Beginn dieses Jahres gibt die beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelte Bundesopiumstelle neue Betäubungsmittelrezeptformulare (BtM-Rezepte) aus. Die alten BtM-Rezepte behalten bis auf weiteres Gültigkeit und sollen verwendet werden, bis sie vollständig aufgebraucht sind.

Das neue BtM-Rezept soll die ambulante Versorgung von Schmerzpatienten mit “erforderlichen Betäubungsmitteln”, z. B. Opioiden, ohne übermäßigen bürokratischen Aufwand gewährleisten und gleichzeitig möglichen Missbrauch sowie Fälschungen ausschließen. Das bedeutet: Arzt-individuelle Kodierungen gibt es nicht mehr, das neue Rezept trägt eine deutlich sichtbare, fortlaufende, 9-stellige Rezeptnummer, über die künftig die Zuordnung zum verschreibenden Arzt erfolgt. Die Echtheit des Rezepts kann in jeder Apotheke wie bei der Geldscheinprüfung sichergestellt werden: Unter UV-A-Licht verändert das weitgehend gelbliche Rezept seine Farbe und die schwarz eingedruckte Rezeptnummer erscheint grünlich fluoreszierend.

Die Regelungen für das Ausfüllen des BtM-Rezepts ändern sich nicht, sie werden jedoch an das aktuelle Muster 16 für das „Kassenrezept“ angepasst. Es bleibt auch dabei, dass das Rezept nur auf Anforderung personengebunden an einen bestimmten Arzt abgegeben wird und inklusive Ausstellungsdatum 8 Tage gültig ist.

Knapp 12 Millionen Rezepte im Jahr 2012

Die Bundesopiumstelle des BfArM hat im vergangenen Jahr 11,7 Millionen Rezepte ausgegeben, 2011 waren es 10,7 Millionen, 2010 rund 10 Millionen. Da sich die Zahl der Verordnungen zwischen 2000 und 2010 mehr als verdoppelt hatte, wurde 2010 in einer BfArM-Presseerklärung die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, mit der Erläuterung zitiert, dass „die Bundesopiumstelle die gezielte medizinische Versorgung von Schmerzpatienten sicherstellt und zugleich durch maßvolle Schutzmaßnahmen den Missbrauch starker Schmerzmittel verhindert. Dies ist ein wichtiger Beitrag für die positive Entwicklung der Schmerztherapie und Palliativmedizin in Deutschland." [1]

Doch selbst aus heutiger Sicht erschließt sich der Zusammenhang zwischen ansteigenden Rezeptausgaben und verbesserter Schmerztherapie nicht so ganz. Trotz gestiegener Analgetikaverordnungen und Gesundheitsausgaben – 6 bis 8% der Ausgaben für Behandlungen, Reha und Pflege entfallen auf die Therapie chronischer Schmerzen, die volkswirtschaftliche Belastung liegt bei 20 bis 30 Mrd. Euro/Jahr – gelten chronische Schmerzpatienten hierzulande als Stiefkinder des Medizinsystems. In zahlreichen Bereichen der Schmerzmedizin fehlen belastbare Daten zur Epidemiologie und Versorgungssituation.

Nach aktuellen Schätzungen der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. (vormals Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, DGSS) sind in Deutschland derzeit über 10 Millionen Menschen von chronischen Schmerzen betroffen. Der Weg zur richtigen Diagnose dauert nicht selten länger als 1 Jahr. 17% leiden an nicht tumorbedingten Schmerzen, bis zu 50% dieser Patienten erhalten trotz ärztlicher Betreuung keine ausreichende Schmerztherapie. Nicht wenige wünschen sich deshalb einen schnellen Tod.

„Schmerzoffensive Deutschland”

Die schmerztherapeutische Unter- bzw. Fehlversorgung ist ein sich so hartnäckig haltendes Thema, dass im letzten Jahr anlässlich des Deutschen Schmerz- und Palliativtages in Frankfurt/Main „Die Schmerzoffensive Deutschland“ präsentiert wurde – ein Programm der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS), dessen einziges Ziel nach den Worten ihres Präsidenten, Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, lautet: „Das Gesundheitssystem in Deutschland soll sich endlich an der Versorgungsnotwendigkeit von Millionen Menschen mit chronischer Schmerzkrankheit orientieren. Dies erfordert ein Bündel von Maßnahmen, unter anderem auch die Verankerung der Schmerzmedizin als eigenständiges Fachgebiet in der Medizin.“ [2]

Nach vielen Jahren beständigen Engagements wird die Schmerzmedizin als neuer Querschnittsbereich 14 nun endlich Pflichtinhalt im Medizinstudium. Eine weitere gute Nachricht: Durch die Berücksichtigung des chronischen Schmerzes im morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) stehen die Zeichen günstig für eine adäquate Vergütung schmerztherapeutischer Leistungen, die häufig mit hohem Aufwand verbunden sind.

Gibt die Ausgabe von BtM-Rezepten also wirklich Aufschluss über die qualitative Entwicklung der Schmerztherapie und spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV)? „Nein, nicht wirklich, da zum einen BtM-Rezepte nicht ausschließlich für die Verschreibung von Analgetika vorgesehen sind und zum anderen die Qualität der Schmerztherapie nicht von der Menge der verordneten Betäubungsmittel abhängt“, entgegnet Prof. Dr. med. Friedemann Nauck, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) auf Anfrage von Medscape Deutschland. „Jedoch ist die Ausgabe von Betäubungsmittelrezepten der erste Schritt dazu, dass Patienten mit Schmerzen und in besonderer Weise Menschen mit Krebserkrankungen adäquat mit Schmerzmitteln behandelt werden.“

Apotheken müssen Opioide vorhalten

Ziel der modernen Schmerztherapie ist die individuell angemessene Symptomlinderung – im Idealfall Schmerzfreiheit – bei möglichst geringer Nebenwirkungsrate. Die am stärksten wirksamen Medikamente für die meisten Schmerzformen sind Opioide. Diese sind von höchster Bedeutung bei der Behandlung chronischer Tumorschmerzen und in der Palliativsituation. Haben chronische Schmerzen andere Ursachen, sind Opioide nicht weniger wichtig, sie werden allerdings differenzierter eingesetzt, da weitere wirksame Optionen zur Verfügung stehen.

Anlässlich einer 2009 von der DGS initiierten internationalen Konsensus-Konferenz zu Opioiden erwies sich Dänemark seinerzeit als ein Land mit vorbildlicher Tumorschmerzversorgung, Deutschland als eines mit weniger vorbildlicher Versorgung. Nicht zuletzt deshalb traten 2011 und 2012 verschiedene Änderungen betäubungsmittelrechtlicher Regelungen in Kraft. Beispielsweise sind Apotheken seit Mitte 2012 verpflichtet, retardierte und unretardierte Opioide sowie injizierbare Opioide vorzuhalten. Zudem muss sichergestellt sein, dass Opioide in transdermaler und transmukosaler Darreichungsform kurzfristig beschafft werden können. Typischerweise sind dies morphin- oder fentanylhaltige Präparate.

Weiterführende Informationen zum neuen BtM-Rezept, inklusive einer detaillierten Beschreibung der Sicherheitsmerkmale, hat das BfArM zusammengestellt: www.bfarm.de/BtM-Rezept. Auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin www.dgpalliativmedizin.de kann die Broschüre „Zum Umgang mit Betäubungsmitteln in der ambulanten Palliativversorgung – Fragen und Antworten rund um die Betäubungsmittelverschreibungs-Verordnung" ebenso heruntergeladen werden wie eine mit der Bundesopiumstelle abgestimmte „Dokumentenvorlage für den Fall des Überlassens von BtM”.

Referenzen

Referenzen

  1. Versorgung von Schmerzpatienten auf neuem Höchststand:? Über 10 Millionen Betäubungsmittelrezepte in 2010. BfArM-Pressemitteilung 15/10 vom 6.12.2010; http://www.bfarm.de/DE/BfArM/Presse/mitteil2010/pm15-2010.html
  2. Der Deutsche Schmerz- und Palliativtag, 14.-17. März 2012, Frankfurt/Main; www.schmerz-und-palliativtag.de
  3. 20. Deutscher Interdisziplinärer Schmerz- und Palliativkongress, 26.-28. März 2009, Frankfurt/Main; Abendsymposium: Opiate gestern – heute – morgen. Ergebnisse der Konsensus-Konferenz; 27. März 2009

Autoren und Interessenskonflikte

Andrea S. Klahre
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