Amoxicillin nicht besser als Placebo bei einfachen Infektionen der unteren Atemwege

Michael Simm | 8. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Dass Antibiotika bei einem einfachen Husten nutzlos sind, hat eine Studie mit 2061 Patienten in 16 europäischen Zentren bestätigt, die kürzlich in der Zeitschrift Lancet Infectious Diseases veröffentlicht wurde. Ziel der maßgeblich aus Mitteln der Europäischen Kommission finanzierten Untersuchung war es, Nutzen und Nachteile von Amoxicillin bei Infektionen der unteren Atemwege ohne Verdacht auf eine Lungenentzündung mit einem Scheinmedikament zu vergleichen.

Erheblich mehr Nebenwirkungen

Die Patienten hatten dabei dreimal täglich jeweils ein Gramm Amoxicillin oder Placebo erhalten und mussten vier Wochen lang ein Tagebuch über ihre Beschwerden führen. Weder fanden sich dabei signifikante Unterschiede in der Schwere der Symptome noch in der Dauer, während der die Patienten ihre Krankheitszeichen als mittelschwer oder schlimmer bewerteten. Zwar litten die Patienten in der Amoxicillin-Gruppe deutlich seltener unter neuen oder sich verschlimmernden Symptomen (15,9% vs. 19,3%). Gleichzeitig kam es aber unter den Empfängern des Penicillin-Derivates auch häufiger zu Übelkeit, Ausschlägen und Durchfall (28,7% vs. 24,0%), und es ereignete sich in dieser Gruppe ein anaphylaktischer Schock.

Die Mitglieder des so genannten GRACE Konsortiums (Genomics to Combat Resistance against Antibiotics in Community-acquired LRTI in Europe) unter Studienleiter Prof. Paul Little von der University of Southampton errechneten daraus, dass 30 Patienten Amoxicillin einnehmen müssten, um einen schwereren Krankheitsverlauf zu verhindern (number needed to treat).

Sie stellen dem aber gleichzeitig die Zahl von 21 gegenüber, die der Anzahl von Behandlungen entspricht, bei der mit einer zusätzlichen Nebenwirkung gerechnet werden muss (number needed to harm). In einer vorab geplanten Subgruppenanalyse von Patienten über 60 Jahren ergab sich ebenfalls kein Vorteil für das Antibiotikum, das gleiche Ergebnis fand man für die über 70-Jährigen.

„Wenn kein Verdacht auf eine Pneumonie besteht, bringt Amoxicillin bei akuten Infektionen der unteren Atemwege in der Primärversorgung wenig Nutzen … und schadet eher“, fassen Little und Kollegen ihre Untersuchung zusammen. Außerdem erinnern sie daran, dass dem möglichen kurzfristigen Nutzen des Antibiotika-Einsatzes nicht nur die Nebenwirkungen entgegen gehalten werden müssten, sondern auch eine eventuelle Förderung von Antibiotika-Resistenzen.

Virale Infektionen ausschließen

Dieses Anliegen habe in der EU derzeit viele Unterstützer, erläuterte Prof. Dr. med. Tom Schaberg, Chefarzt des Zentrums für Pneumologie im Diakoniekrankenhaus Rotenburg (Wümme), das zu den 16 europäischen Zentren zählt, die an der Studie teilgenommen haben. Allerdings sei der Gebrauch von Antibiotika in den Mitgliedsländern der EU sehr unterschiedlich. So würden diese beispielsweise in Süd- und Osteuropa sehr viel häufiger verabreicht als in Deutschland.

„Wir wissen, dass 70 bis über 90% aller Infektionen der unteren Atemwege viral bedingt sind“, sagt Schaberg. Gleichzeitig warnte der Pneumologe davor, aufgrund der neuen Studie Antibiotika zu verteufeln. „Das sind wertvolle Medikamente, die vielen Menschen das Leben retten, und auch nach dem Ausschluss einer Lungenentzündung gibt es noch Krankheiten, bei denen es keine gute Idee wäre, auf Antibiotika zu verzichten.“

In der Studie – das betonen auch die Autoren – sind ernsthaft kranke ältere Menschen wohl kaum eingeschlossen worden, die Ergebnisse dürften deshalb nicht auf diese Population extrapoliert werden.

Angesichts der häufigen Kritik an der bisherigen Verschreibungspraxis zahlreicher Hausärzte, äußerte Schaberg zwar Verständnis für deren Dilemma: „In der Praxis stellt sich oft die Frage: Gehe ich auf Nummer sicher? und häufig stehen die niedergelassenen Kollegen Patienten gegenüber, die bei Husten oder Erkältung Medikamente einfordern.“ Andererseits sei mit vertretbarem Aufwand feststellbar, ob eine bakterielle Erkrankung vorliegt.

Ähnliche Verhältnisse in Übersee

Das Problem ist offenbar nicht auf Europa beschränkt: Bereits im Vorjahr hatte eine Studie mit 166 Erwachsenen im Journal of the American Medical Association bestätigt, dass Antibiotika wie Amoxicillin bei einfachen Infektionen der Nasennebenhöhlen nicht wirksamer sind als Placebo [2]. Dennoch entfalle in den USA jede fünfte Verschreibung von Antibiotika auf diese Indikation, hatte seinerzeit der Studienleiter Jay F. Piccirillo, Professor für Otolaryngologie an der Washington University School of Medicine in St. Louis kritisiert. Besser sei es, die Symptome wie Schmerzen, Husten und verstopfte Nase zu behandeln, und sich ansonsten auf ein aufmerksames Zuwarten zu beschränken, um zu sehen, ob eine weitere Behandlung notwendig ist.

Referenzen

Referenzen

  1. Little P, et al: Lancet Infect Dis. 2012;S1473-3099(12)70300-6 (Epub adead of print) http://press.thelancet.com/LRTI.pdf
  2. Garbutt JM, et al: JAMA. 2012;307(7):685-92. http://dx.doi.org/10.1001/jama.2012.138

Autoren und Interessenskonflikte

Michael Simm
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